Florentin Vesenbeckh
· 01.02.2026
An diesen einen Moment kann sich wohl jeder E-Mountainbiker erinnern: Der linke Daumen klickt zum allerersten Mal die Unterstützungsstufe auf Vollgas – und es geht ab! Die Power, mit der die modernen Aggregate Bike und Biker den Berg hinaufschieben, ist beeindruckend. Einen ähnlichen Aha-Effekt erleben wohl alle, die zum ersten Mal auf ein Bike mit Avinox-Motor steigen. Selbst wenn sie seit Jahren den Schub von Bosch, Shimano oder Brose gewöhnt sind: DJI hebt das Power-Empfinden auf ein neues Level.
Nun hat Bosch mit dem Power-Update für den Performance CX nachgezogen und will die Lücke zum Avinox M1 von DJI zumindest ein Stück weit geschlossen haben. Doch wie groß ist der Unterschied wirklich? Wie gut sind die beiden Motoren im direkten Vergleich? Und ist die Power überhaupt das entscheidende Kriterium? Wir haben beide Systeme in Labor und Praxis intensiv analysiert.
Die Power-Frage ist schnell geklärt. Fährt man CX und Avinox im direkten Vergleich, ist der Leistungsunterschied auch nach Boschs Software-Update noch immer eklatant. Das wird sowohl beim Praxistest als auch in unserem Vergleich auf dem Rollenprüfstand im Labor deutlich.
Reale 990 Watt liefert der Avinox, 690 Watt der Bosch CX. Das entspricht einem Plus von gut 43 Prozent. Sein maximales Drehmoment ruft der Avinox nur im kurzzeitigen Boost auf Knopfdruck ab. Dann ist auch hier das Plus mit 107 zu 88 Newtonmetern sehr deutlich. Stark beim Bosch CX: Auch bei extrem hohen Trittfrequenzen zieht das Aggregat voll durch.
Unsere standardisierten Messfahrten zeigen, wie sich die Zahlen in der Realität auswirken. Ein Avinox-Bike erstürmt unseren Anstieg über 412 Höhenmeter bei gemütlichem Tritt eines 90-Kilo-Fahrers in unter zehn Minuten, während ein Bosch-Bike dafür rund 14 Minuten benötigt.
Diese Zahlen verdeutlichen, wie groß der Unterschied ist. Sie zeigen aber auch, wie enorm selbst die Leistung des Bosch CX ist. Für 412 Höhenmeter braucht ein mäßig trainierter Biker locker dreimal so lang. Mit Bosch-Schub erreichen selbst untrainierte Personen diese Höhe locker in unter 20 Minuten. Braucht es wirklich mehr?
In extremen Anstiegen mit Steilstufen und Hindernissen macht das Mehr an Power des DJI das Leben erstmal leichter. Mit mehr Schwung und Reserven benötigt man weniger Fahrtechnik, um Schlüsselstellen zu meistern.
Es gab zwar schon früher ähnlich starke Aggregate, doch der Avinox ist der erste Motor seiner Power-Klasse, der den Schub halbwegs kontrolliert auf den Boden bringt. Auch das beeindruckt. Doch genau hier zeigt sich ein klarer Unterschied zum Bosch CX. Gerade im neuen E-MTB+ Modus ist der Klassiker extrem gut abgestimmt.
Im direkten Vergleich entsteht folgendes Bild: Der Avinox schiebt traktionsstark, aber brachial und teilweise etwas ungestüm voran, selbst wenn man die Leistungswerte runterregelt. Der Bosch CX wirkt zwar auch nicht gerade zart, setzt seine Power aber dosierter und besser kontrollierbar frei.
Die Leistung liegt genau dann an, wenn man sie braucht. Mit dem situativen Nachlauf wird der CX unter einem versierten Biker zum Super-Tool für extreme Uphill-Herausforderungen. Welcher Motor in schwierigen Anstiegen besser geeignet ist, hängt neben der Geländesituation auch von der persönlichen Fahrweise und Fahrtechnik ab.
„Viel Power ist beim Parkplatztest beeindruckend, doch im Gelände muss man sie erstmal auf den Boden bringen. Auf anspruchsvollen Uphills hat mich Boschs E-MTB+ umgehauen. Dieser Modus ist für mich die Benchmark. Modulation trifft Power und Dynamik. Bei kniffeligen Uphill-Tricksereien kann der DJI nicht mithalten – trotz massivem Power-Überschuss.“
„Ob CX oder Avinox – ich würde mit beiden Motoren glücklich werden. Entscheidend ist das Bike, in dem das System steckt. Aktuell ist die Auswahl an Avinox-Rädern noch klein, doch das wird sich in den nächsten Monaten ändern. Ein No-Go ist für mich ein klappernder Motor. Bei Bosch ist definitiv Ruhe, manche Avinox-Motoren haben im Test deutlich geklappert – das muss DJI in den Griff kriegen.“
„Der DJI Avinox hat mich voll abgeholt. Hier stimmt das Gesamtpaket – und die schlanke Optik gefällt mir! Die schiere Leistung ist dabei eher nice to have als echter Gamechanger. Ganz ehrlich: Selbst der Bosch CX hat mehr als genug Power. Im Gelände empfand ich den Unterschied als überschaubar. Mein Tipp: Macht eure Kaufentscheidung nicht an Watt- oder Newtonmeterzahlen fest.“
Eines ist klar: Wer den Avinox im Turbo-Modus auf den Berg scheucht, darf keine Wunder erwarten. Nach gerade mal 38 Minuten endet in unserem standardisierten Reichweitentest der Schub aus dem 800er Akku. 1600 Höhenmeter stehen dann auf der Uhr. Der 800er Powertube des Bosch CX liefert eine Stunde Turbo-Schub, was für über 2000 Höhenmeter reicht. Wichtig zu wissen: Das Avinox-Bike fährt dabei viel schneller.
Für einen direkten Effizienzvergleich haben wir die Leistung des Avinox auf die Werte des CX heruntergeregelt und beide Motoren im Gleichschritt den Berg hinauf gescheucht. Dabei pirscht sich der DJI-Motor deutlich näher an den CX heran. Lange schwinden die Akku-Stände analog, doch am Ende behält Bosch den längeren Atem. Der Performance CX bleibt die Benchmark in Sachen Reichweite, doch auch in dieser Disziplin leistet sich der Avinox keinen Ausrutscher.
600 oder 800 Wattstunden – das ist beim Gros der CX- wie auch Avinox-Bikes Standard. Die DJI-Batterien sind gut 150 Gramm leichter. Dafür sind sie fast ausnahmslos fest im Unterrohr verbaut. Die Bosch-Bikes kommen meist mit schnell entnehmbaren Akkus, und es gibt eine breite Auswahl an Konzepten.
Ein absoluter Trumpf des Avinox-Systems ist das Schnellladegerät, das in manchen Situationen den Nachteil eines fest verbauten Akkus wettmachen kann. In einer Stunde wird die 800er Batterie zu 48 Prozent nachgefüllt. Dagegen wirkt der langsame Bosch-Charger (25 Prozent in einer Stunde) wie aus einer anderen Zeit. Vorteil Bosch: Die meisten Bikes können mit dem 250er Range Extender aufgerüstet werden.
Die Schiebehilfe an E-MTBs war lange Zeit ein Graus: In der Theorie extrem hilfreich, zeigte sie sich in der Praxis oft zickig und unkomfortabel. Die neueste Ausbaustufe von Bosch setzt dem Drama ein Ende: zuverlässige Funktion, schnelles Aktivieren, und die praktische Hill-Hold-Funktion hält das Bike beim Loslassen des Knopfes auf der Stelle und verhindert ein Zurückrollen.
Das bringt viel Sicherheit und Komfort, gerade in brenzligen Situationen im steilen Gelände. Doch der Herausforderer Avinox hat seine Hausaufgaben gemacht: Mit denselben Funktionen ausgestattet ist die DJI-Schiebehilfe absolut ebenbürtig.
Wie ein Motor klingt, hängt immer auch vom Rahmen ab, in dem er verbaut ist. Zudem ist das Empfinden der Lautstärke sehr individuell. Unsere Erfahrungen: Die Antriebsgeräusche von Bosch und DJI liegen auf ähnlichem Niveau. Der Avinox säuselt bei geringem Motorschub schön leise und wird dafür bei vollem Schub lauter sowie aufdringlicher als das Bosch-Aggregat. Der CX ist schon bei geringer Leistung klar hörbar.
Bergab hat es Bosch mit einem patentierten Freilauf geschafft, das Klappern aus dem Getriebe komplett zu eliminieren. Einige Avinox-Motoren störten auf unseren Testfahrten mit deutlichen Klappergeräuschen, andere blieben weitestgehend ruhig. Völlig klapperfrei ist der Avinox unserer Erfahrung nach leider nicht.
Einer der wenigen Schwachpunkte des DJI Avinox ist der innere Widerstand. Im Labor liegt dieser rund 50 Prozent über dem Wert des Bosch CX. Zum Tragen kommt er bei ausgeschaltetem Motor oder beim Treten oberhalb der Abschaltgrenze von 25 km/h.
Beides ist an einem starken E-Bike eher ein seltenes Szenario. In der Praxis sind zudem andere Faktoren noch relevanter, vor allem der Rollwiderstand der Reifen. Dennoch hat hier der Bosch Performance CX deutlich die Nase vorn.
Wir sagen: Das Power-Wettrüsten ist ein nettes Marketing-Tool – doch für E-Mountain-biker zählen andere Werte. Denn beide Motoren haben mehr als genug Leistung. Der Avinox ist jedoch nicht nur stärker, sondern auch leichter und kompakter als der Bosch CX. Dazu punkten das Schnellladegerät und viele smarte Details. Trumpf des Bosch-Motors ist der dynamische Modus E-MTB+. In Summe liefern sich die Systeme ein Kopf-an-Kopf-Rennen, welches der DJI Avinox nach Punkten gewinnt. - Florentin Vesenbeckh, stv. Chefredakteur BIKE Magazin