Florentin Vesenbeckh
· 01.05.2026
Marktführer Bosch kann sich dem Power-Wettrüsten nicht entziehen und macht seine E-MTB-Motoren stärker. Von der Überpower eines Avinox bleiben die Schwaben aber weit entfernt. Entscheidender sind Features wie das überfällige Schnellladegerät und die Konnektivität zu Garmin. Außerdem feilt Bosch weiter an seinem Steckenpferd - der Fahrdynamik und Modulation. In Summe ein gelungenes und vielschichtiges Update für die aktuelle Motorengeneration. - Florentin Vesenbeckh, Testredakteur BIKE Magazin
Es ist das nächste Kapitel im Wettrüsten um stärkere E-Bike-Motoren: Der deutsche Spezialist Bosch eBike Systems hat ein umfangreiches Update für seine Performance-Motoren angekündigt. Im Zentrum stehen die beiden E-MTB-Antriebe Performance CX und CX-R. Das Performance Upgrade 2.0 soll sportlichen E-Mountainbike-Fahrern mehr Kontrolle und Power in technisch anspruchsvollen Situationen ermöglichen und wird kostenlos über die eBike Flow App bereitgestellt. Ab 4. Mai soll es für alle verfügbar sein.
Ein Déjaa-Vu? Fast! Vor ziemlich genau einem Jahr, ebenfalls pünktlich zum Bike Festival in Riva del Garda, kam das erste Power-Update für den Bosch-Motor. Damals wurde das maximale Drehmoment auf 100 Nm und die Spitzenleistung auf 750 Watt aufgestockt. Im letzten Jahr war dem Bosch-Update die Etablierung des superstarken Avinox M1 vorausgegangen. Und auch in diesem Jahr stand das Thema Power schon ganz oben auf den News-Seiten: Der Avinox M2S stieß mit 1500 Watt und 150 Nm in eine neue Leistungsdimension vor.
Die zentrale Neuerung des Bosch-Updates 2.0 ist die Möglichkeit, sowohl das Drehmoment als auch den maximalen Unterstützungsfaktor zu erhöhen. Die betroffenen Motoren Performance Line CX und Performance Line CX-R können künftig auf bis zu 120 Nm Drehmoment konfiguriert werden – weiterhin ausgehend von der bisherigen Standardeinstellung von 85 Nm. Heißt: Das Plus an Schub muss in der App aktiv aufgezogen werden. Das liegt auch daran, dass Bosch die massive Power nur für wenige Fahrer und Situationen überhaupt als sinnvoll ansieht.
Die maximale Unterstützung kann zudem auf bis zu 600 Prozent erhöht werden. Bisher waren es maximal 400 Prozent. Diese 600 Prozent greifen allerdings nur bis zu einer Geschwindigkeit von 15 km/h und in speziellen Fahrmodi wie Race, Turbo, eMTB+, Cargo und Auto. Unangetastet bleiben die 750 Watt Spitzenleistung des Performance CX und CX-R.
Interessant ist die technische Umsetzung des gesteigerten Drehmoments: Die 120 Newtonmeter stehen nicht dauerhaft zur Verfügung, sondern werden von der Fahrsoftware nur situativ bereitgestellt. Das System erkennt anspruchsvolle Fahrsituationen – etwa steile Wurzelteppiche, Stufen oder Rampen – und aktiviert die zusätzliche Kraft nur in diesen Momenten, wenn sie der Fahrer wirklich braucht.
Dafür analysiert die Software detailliert die Eigenleistung und die Eingangsdaten des Fahrers. Wer kurzfristig mehr Pedalkraft aufbringt, erhält den entsprechenden Kraftzuschuss. Das ist eine ähnliche Logik wie bei der Leistungsregelung des Light-Motors Bosch Performance SX. Dabei reagiert der 120-Nm-Algorythmus primär auf Spitzen beim Fahrerdrehmoment, weniger auf hohe Kadenzen. Im konstanten Regelbetrieb gibt das System maximal 100 Nm frei, fährt die Unterstützung also wieder auf ein effizientes Maß zurück. Das soll verhindern, dass unnötige Powerabgabe den Akku zu schnell leersaugt und auch der Antriebsstrang soll geschont werden. Denn nach Analyse der Entwickler fallen die Drehmomentspitzen, bei denen die 120 Nm freigegeben werden, nur in Situationen an, in denen nicht geschaltet wird.
Ein nach wie vor herausragendes Feature hat Bosch mit dem Extended Boost an Bord. Dieser situativ gesteuerte Nachlauf ist nach wie vor Benchmark und macht den Performance CX zum Uphill-Künstler: Das Grundprinzip: Die Software erkennt automatisch, wie der Fahrer agiert und passt den Nachlauf des Motors entsprechend an. Schwungvoll kräftig nach deutlichem Tretimpuls oder unmerklich sanft beim normalen Pedaieren. Mit dem neuesten Software-Update ist dieser Extended Boost jetzt individuell einstellbar. So sollen sportliche Fahrer ihr Setup ganz nach den eigenen Vorlieben anpassen können.
Eine weitere neue Funktion nennt Bosch "Drivetrain Tensioner". Diese Software-Anpassung soll für eine noch direktere Reaktion und maximale Kontrolle in technischen Fahrsituationen sorgen. Dafür soll sich der Freilauf zwischen Motor und Hinterrad beim Rollen gewissermaßen vorspannen. Dies reduziert den Leerweg am Pedal auf ein Minimum und eliminiert die sonst übliche Verzögerung beim Antreten.
Der Kraftschluss soll dadurch früher vorliegen und der Input des Fahrers soll noch direkter und präziser in Vortrieb umgesetzt werden. Besonders in anspruchsvollen Passagen verspricht Bosch Vorteile und noch mehr Kontrolle. Außerdem soll die Funktion den Freilauf schonen und so die Lebensdauer verlängern. Besonders in Kombination mit dem erhöhten Drehmoment klingt das sinnvoll. Dieses Feature soll allerdings erst ab Mitte des Jahres per Update verfügbar sein.
Neu ist auch die Funktion "Trick Check", die auf ausgewählten Bosch-Displays (Kiox 300, 400C, 500 sowie Purion 200 und 400) verfügbar sein wird. Das System erkennt und misst automatisch verschiedene Tricks und Trail-Skills während der Fahrt. Manuals, Wheelies, Sprünge und Stoppies werden erkannt, ausgemessen und direkt im Display angezeigt. Nach der Tour lassen sich alle Infos in der App nochmal auslesen.
Parallel zum Software-Update kündigt Bosch ein neues Ladegerät an - auf den Kunden allerdings noch ein wenig warten müssen. Der 12A Charger soll bis zu dreimal schneller laden als bisherige Modelle – möglich macht das die sogenannte GaN-Technologie (Galliumnitrid). Diese moderne Halbleitertechnologie erzeugt deutlich weniger Abwärme als herkömmliche Halbleiter, was ein effizienteres Wärmemanagement ermöglicht. Trotz der hohen Leistung bleibt das Ladegerät mit unter einem Kilogramm Gewicht kompakt und rucksacktauglich.
Der 12A Charger ist mit allen Bosch-Akkus im "smarten System" kompatibel und soll ab Ende 2026 verfügbar sein. Ein Preis wurde noch nicht kommuniziert.
Ein weiteres Highlight, auf das viele E-Biker gewartet haben: Bosch bietet künftig eine offene Schnittstelle für den Datenaustausch mit Drittherstellern an. Live Data Interface heißt das im Bosch-Kosmos. Damit können künftig Bike-Computer à la Garmin auf die Daten des Bosch-Systems zugreifen. So können viele Informationen auch auf externen Bike-Computern, Smartwatches oder in Brille angezeigt werden. Voraussetzung ist natürlich die entsprechende Implementation in der Software der Anbieter. Schon bald soll die Funktion für die ersten Garmingeräte verfügbar sein.
Eine wichtige Einschränkung für das Software Update von Bosch gibt es: Die maximalen Einstellwerte für Drehmoment und Unterstützung können vom jeweiligen Fahrradhersteller begrenzt werden. Ob und inwieweit die vollen 120 Nm oder 600 Prozent Unterstützung verfügbar sind, hängt also von der Freigabe des Bike-Herstellers ab.
In Sachen Timing geht Bosch einen mehrstufigen Weg. Das erste Software Update soll ab dem 4. Mai zur Verfügung stehen und kostenlos über die eBike Flow App installiert werden können. Es ist ausschließlich für die Performance Line CX und Performance Line CX-R verfügbar – andere Bosch-Motorenlinien bleiben außen vor.

Redakteur CvD