Zieht man den Hebel der zierlichen Piccola, fragt man sich zunächst: Was haben die anderen falsch gemacht? Sicher verzögern geht ja auch ohne klobige Armaturen. Im Grenzbereich werden die Unterschiede zwar deutlich, die Bremskraft reicht für die meisten Fälle aber aus. Wer auf Leichtbau steht und das nötige Kleingeld mitbringt, ist hier goldrichtig. – Dimitri Lehner, BIKE-Testredakteur
| Preis (ohne Scheibe und Zubehör) | 1.100 Euro (nur als Set erhältlich) |
| Gewicht pro Stück | 213 Gramm (inkl. 800 mm Leitung + Beläge) – Bestwert |
| Scheiben / Dicke | UL (ultraleicht) 180 / 2,05 mm |
| Bremsbelage | Organisch |
| Bremsmedium | Mineralöl |
| Druckpunktverstellung | Nein |
| Hebelweitenverstellung | Ja, Werkzeug erforderlich |
| Besonderheiten | 3D-gedruckter Hebel, Beläge nach außen entnehmbar |
Voll mit Hightech, superleicht und obendrein verdammt kräftig: Die Trickstuff Piccola HD vereint Gegensätze. Bei ihrer leichten Vierkolbenbremse verheiratet die Bremsenmanufaktur die filigrane Piccola-Pumpe samt 3D-gedrucktem Titanhebel mit dem kräftigen C42-Bremssattel. Die vier hohlgefrästen Edelstahlkolben und die Leichtbauarmatur drücken das Gewicht der Piccola HD auf sagenhafte 213 Gramm – Bestwert im Vergleichstest! Damit wiegt das Fliegengewicht nur etwas mehr als die Hälfte des schwersten Systems von Fahrwerker. Im Sinne des Leichtbaus verzichtet Trickstuff zudem auf eine Lenkerschelle mit Scharnier sowie auf einen werkzeuglosen Hebelweitenregler. Feintuning am Hebel gelingt hier nur via Inbus. Eine Leerwegeinstellung fehlt.
Halb so schwer, halb so kräftig? Pustekuchen. Dank großem hydraulischen Übersetzungsverhältnis packen die Beläge gnadenlos zu. Auf dem Trockenprüfstand, besonders bei geringeren Handkräften im praxisrelevanten Bereich unterhalb der 80-Newton-Schwelle, hängt die Trickstuff der Heavy-Duty-Konkurrenz dicht im Nacken. Steigt der Hebel-Input, muss der Leichtbau-Anker aber abreißen lassen. Die Prüfläufe bei Nässe zeigen ein ähnliches Bild. Im Labor erreicht die Piccola HD deshalb leider keine Bestnoten.
Das zierliche Ding – so viel Power? Krass! Auch wenn die kleine Pumpe am Cockpit eines 25-Kilo-E-Bikes völlig unterdimensioniert wirkt, belehrt uns die Piccola HD eines Besseren. Einmal beherzt am Hebel gezogen – und das Energiebündel greift auch in der Praxis vehement zu. Wer ihr Temperament aber einmal verinnerlicht hat, ertastet die richtige Dosierung präzise. Etwas gewöhnungsbedürftig: Treffen die Beläge auf die Scheibe, setzt die Bremsleistung der Piccola unmittelbar ein. Hebelgefühl und Bremswirkung verlaufen dabei aber nicht synchron. Selbst wenn die Scheibe längst blockiert und das Hinterrad in der Luft steht, wandert der Hebel weiter nach innen – ein klar definierter Druckpunkt bleibt aus. Unter Volllast irritiert dieses weiche, federnde Gefühl. Fast so, als würde sich die ganze Armatur unter der Handkraft verwinden.
Der gedruckte Titanhebel überzeugt jedoch: perfekte Form, weder zu rund noch zu kantig. Die raue, geriffelte Oberfläche erzeugt viel Grip. Hat man das geringe Losbrechmoment überwunden, rotiert der Hebel seidenweich um die Pumpe. Die filigrane Hebelkonstruktion wirkt optisch wenig vertrauenerweckend. Doch der Eindruck täuscht: Titan besitzt eine sehr hohe spezifische Festigkeit. Mit weniger Material erreicht der Hebel die gleiche Stabilität wie ein wuchtigeres Alu-Pendant.
| Kategorie | Note |
| Bremspower gesamt (50%) | 1,9 |
| Nassbremsung Labor (10%) | 3 |
| Trockenbremsung Labor (40%) | 1,5 |
| Bremsleistung Praxis (50%) | 2 |
| Modulation (30%) | 2 |
| Usability / Handling (10%) | 4 |
| Gewicht (10%) | 1 |
| BIKE-NOTE | 2,1 |
Die Eindrücke zum Charakter, zur Dosierbarkeit und zum Handling stammen aus Praxistests. Die maximale Bremsleistung und die Wärmestandfestigkeit ermittelten wir nach DIN-Norm auf dem Rollenprüfstand vom Bremsenhersteller Magura.
Damit die Bremsen auf dem Prüfstand ihre maximale Leistung abrufen können, schreibt die Prüfnorm ein definiertes Einbremsverfahren vor. Dabei müssen alle Modelle über 20 Bremsintervalle hinweg konstant 200 Newton Bremskraft halten, um auf Temperatur zu kommen und Belagsfading während der Bremskraftprüfung auszuschließen. Erst danach beginnt das eigentliche Kräftemessen. Es besteht aus drei Bremsungen pro Krafteintrag am Hebel. Los geht es bei 40 Newton Handkraft. Der Prüfstand erhöht die Kraft am Hebel in 20-Newton-Schritten, bis die Bremse ihren maximalen Hebelweg ausschöpft. Diese Prozedur absolviert jede Bremse zweimal: einmal im Trockenen und einmal bei Nässe. Beim Nasslauf wird die Scheibe während der gesamten Messung kontinuierlich benetzt. Für einen optimalen Vergleich laufen alle Modelle mit 180-mm-Scheiben. Die Belagsmischungen entsprechen stets der Serienausstattung. Die Scheiben durften die Hersteller – falls mehrere Optionen im eigenen Sortiment vorhanden sind – zugunsten der Bremsleistung selbst auswählen. Für einheitliche Vergleichswerte führen wir die Bremskraftprüfung und den Wärmestandfestigkeitstest jeweils mit einem frischen Belagspaar und einer neuen Bremsscheibe durch. Für die Bewertung der Bremsleistung im Labor ziehen wir nur die Ergebnisse bei 80 N Handkraft heran. In diesem Bereich liefern – insbesondere bei Trockenbremsungen – alle Modelle noch praxisrelevante Werte unterhalb der 600‑N-Schwelle. Darüber droht unter idealen Grip-Bedingungen der Überschlag.
Als zweite Hürde im Labor müssen alle Bremsen zweimal einen genormten Test zur Wärmestandfestigkeit überstehen. Schließlich sollen die Kandidaten auch unter hoher thermischer Belastung zuverlässig verzögern. Pro Prüfgang stehen drei Dauerbremsungen à fünf Minuten auf dem Programm. Kurz nach jedem Intervall folgt eine abrupte Kontrollbremsung, die zeigt, ob die Bremse trotz Hitze noch einwandfrei verzögert. Abschließend ruft der Prüfstand dreimal die erforderliche Mindestbremskraft ab. Diesen Test haben alle Bremsen überstanden.
Wie eine Bremse ihre Power im Gelände entfaltet, wie sie auf geringe Handkräfte reagiert, wie fein sie sich dosieren lässt und wie sie in der Hand liegt – das kann kein Prüfstand messen. Hier zählen Erfahrungswerte. Und davon haben unsere Tester reichlich: Über 100 Komplettbikes durchlaufen jedes Jahr unser Testprozedere. Die meisten Bremsen kennen unsere Redakteure deshalb längst in- und auswendig. Zusätzlich fuhren zwei Tester alle Bremsen aus diesem Test im direkten Vergleich auf Einheitsbikes mit identischem Setup.

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