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Seite 1: Bremse im Test : Brake Force One H2O

Erster Praxistest der Brake Force One H²O-Bremse

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 5 Jahren

Die News verblüffte und erheiterte die Bike-Welt gleichermaßen: Brake Force One befüllt die neue H²O-Bremse mit Wasser. Geht das? Ab zum Ententeich damit.

Die Enten schnattern empört, als Jakob Lauhoff (22) mit schelmischem Grinsen die Spritze in den Weiher bei Pforzheim rammt. Quak! Quak! Quak! Doch Lauhoff scheint das nicht zu hören. Konzentriert zieht er den Kolben nach oben und hält die gefüllte Spitze prüfend ins Sonnenlicht. "Sauber genug! Passt!", ruft er und schnappt sich das Bike des Fotografen, dem jetzt ein bisschen mulmig wird. Lauhoff will allen Ernstes die Bremse seines Test-Bikes mit Teichwasser befüllen. "Keine Panik, Limo würde auch gehen", beruhigt Lauhoff.

Es ist eine absurde Szene. Aber es ist nun mal der ultimative Beweis. Obwohl es schwarz auf weiß im Datenblatt steht, fällt es schwer, dem Gedruckten Glauben zu schenken. Es klingt zu abwegig: In den Leitungen der neuen H²0 von Brake Force One fließt weder Öl noch Bremsflüssigkeit, sondern Wasser.

Oliver Soulas Brake Force One H2O


Scherzfrage des Reporters: mit Sprudel, oder ohne?
Lauhoff
: ohne Sprudel. Einfach jede Art Wasser, die man auch trinken würde. Sprudelwasser würde theoretisch auch gehen. Die Bremse hat ein geschlossenes System.


Reporter, leicht irritiert: Das mit der Limo war ein Scherz, oder?
Lauhoff
: Nein, Limo funktioniert grundsätzlich. Aber mit der Zeit würde die Bremse natürlich verkleben, wegen des Zuckers.

Seit Anfang August die ersten Informationen zur "Wasserbremse" ins Internet tröpfelten, ist Lauhoff im Dauerstress. Die ersten Fotos waren kaum auf Facebook hochgeladen, da brach der Sturm los. Likes ohne Ende, hitzige Diskussionen, aber auch hämische Kommentare über den vermeintlichen PR-Gag. Bei der Eurobike vor wenigen Wochen wurde der Messestand von Schaulustigen geradezu geflutet. Aus der ganzen Welt rufen Presseleute an. Kaum einer kann glauben, dass das wirklich wahr sein soll. Eine Scheibenbremse, die man mit Leitungswasser befüllen kann.


Reporter: Friert die Bremse im Winter ein?
Lauhoff:
Normalerweise würde sie zufrieren. Deshalb mischen wir zwanzig Prozent Glycantin bei. Ein Frostschutzmittel, das auch bei Autos verwendet wird.


Reporter: Was ist mit Hitze?
Lauhoff:
Die Wärmekapazität von Wasser ist doppelt so hoch wie die von Öl.


Reporter: Warum ist dann noch kein anderer auf die Idee gekommen?
Lauhoff:
Ich bin ja auch nur durch Zufall draufgekommen.

Die Enten haben sich wieder beruhigt und gleiten halbschläfrig über den Teich. Lauhoff zieht die Befüllspritze vom Bremssattel ab. Dichtschraube rein. Fertig. "Hoffentlich wird den Kaulquappen in den Leitungen nicht schlecht auf dem Trail", scherzt Lauhoff und gibt das Signal zur Abfahrt. Dem Fotografen scheint jetzt schon übel. Komisches Gefühl, das eigene Leben einem Schwaps Teichwasser anzuvertrauen. Aber da muss er jetzt durch.

Es ist eine irre Geschichte. Nicht nur die der Wasserbremse. Sondern auch die der Firma Brake Force One. Jakob Lauhoff war dreizehn, als er an einem französischen Strand eine spontane Idee auf ein Blatt Papier kritzelte. Ein Bremskraftverstärker für Discbrakes. Er konnte nicht ahnen, wie sehr dieser Gedankenblitz sein Leben bestimmen würde. Jahre nach dem Frankreich-Urlaub traf er den Produzenten der Kapt’n-Blaubär-Fernsehserie, Frank Stollenmaier. Der war von der Erfindung des inzwischen 18-jährigen Schülers derart begeistert, dass er mit ihm umgehend die Firma Brake Force One gründete. Und zwar im Keller seines prächtigen Einfamilienhauses in Tübingen, das schon bald zu einer Mini-Fabrik mutierte. Irgendwann wuselten zehn Mitarbeiter herum, um die Nachfrage nach der BFO1 zu stillen, der weltersten Bike-Bremse mit Stufenkolben, beziehungsweise Bremskraftverstärker.

Oliver Soulas Jakob Lauhoff wollte eigentlich nur eine bissige Bremse für sein Bike. Jetzt ist er Mitbesitzer einer Bremsenfabrik. Die Entwicklung der H²O war eine riesige Herausforderung. Anfangs tropfte ständig das Wasser raus.

Jede Gattin hätte genervt die Flucht ergriffen. Nicht so die freundliche Frau Stollenmaier. Nur die Ölspritzer überall, die gingen ihr mächtig auf den Zeiger. Frank Stollenmaier, eine kernige, kumpelhafte Stimmungskanone mit graumelierter Kurzhaarfrisur, zieht theatralisch den Kopf ein, wenn er davon erzählt: "Meine Frau nervt es total, wenn Öl rumspritzt und vielleicht noch einer reinlatscht. Da bekommt sie die Krätze. Ich musste mir was einfallen lassen, damit ich nicht die Rote Karte bekomme", gerät er ins Plaudern. Als Lauhoff wenig später in spontaner Experimentierlaune eine Bremse mit Wasser befüllte und damit durch Tübingen radelte, war Stollenmaier wie elektrisiert. War das die Lösung? Wasser statt Öl? "Ein paar Probleme gab es natürlich schon noch zu lösen", stellt Stollenmaier klar. Ähm, wie jetzt? Das ist die Geschichte? Ein Zufallstreffer, der durch den Sauberkeitsfimmel der Gattin zur Serienreife entwickelt wurde? "Im Grunde ja", grient Stollenmaier.

Oliver Soulas Auf das Thema Wasser sind wir durch Zufall gekommen. Meine Frau nervt es total, wenn Öl rumspritzt. Ich musste mir was einfallen lassen, um nicht die Rote Karte zu bekommen. Frank Stollenmaier, BFO-Chef

Natürlich ist das nicht die ganze Geschichte. Wer die neue Produktionshalle in Mühlacker betritt, der ahnt, dass Größeres dahintersteckt. Brake Force One ist keine Keller-Manufaktur mehr, sondern kooperiert inzwischen mit mehreren Autoherstellern. "Keine Namen", bittet Stollenmaier. Nur so viel: Die Autoindustrie setze auf E-Mobilität und habe das Fahrrad als Portfolio-Abrundung entdeckt. Weswegen BFO die erste Scheibenbremse mit elek­tronischem ABS entwickelt habe. Die Autofirmen seien heiß drauf, so Stollenmaier. Derzeit werden die Verträge ausgehandelt. Die BFO-Halle ist spionagesicher. Blickdichte Fenster. Zugangs-Codes. So, wie es die Standards der Autoindustrie erfordern. Es geht um Millionen. Die Wasserbremse ist Teil eines gigantischen Projektes. Doch sie ist weit mehr als nur ein Marketing-Gag mit Öko-Touch, beteuert Lauhoff. Neben der vergleichsweise hohen Wärmekapazität, soll Wasser auch den Vorteil haben, Wärme fünfmal besser zu leiten als Öl, was Hitzekollapse am Bremssatttel verhindert.

So, jetzt aber los. Der Trail vom Teich hinunter ins Würmtal lässt den Freilauf kreischen. Treten ist nicht erforderlich. Es geht auch so im flotten Tempo dahin. Reporter und Fotograf kariolen auf windelweichen Enduros über das Ensemble aus Steinen, Treppen und Wurzeln. Da, eine Kurve! Kurzes Zucken mit dem Zeigefinger. Die Geschwindigkeit verpufft augenblicklich. Was für eine irre Bremspower!

Ende Oktober soll die Auslieferung beginnen. Immer wieder waren Lauhoff Zweifel gekommen, ob der Zeitplan eingehalten werden kann. Es war schnell klar, dass es nicht damit getan ist, Öl durch Wasser zu ersetzen. Wasser ist dünnflüssiger und setzt Korrosion in Gang. Die Bremse musste absolut dicht sein und aus Materialien bestehen, die nicht mit Wasser reagieren. Die Aufgabe trieb Lauhoff fast in den Wahnsinn. Ständig tropfte es irgendwo raus. Doch irgendwann war es geschafft. Die Bremse funktionierte. "Und, wie bremst es sich mit Teichwasser?", fragt Lauhoff den Fotografen, als das Grüppchen nach zweistündiger Testrunde vor einem Restaurant Stopp macht. Der Fotograf reckt den Ok-Daumen nach oben. Dann trinkt er hastig die Maracuja-Schorle leer. Nicht, dass ihm Lauhoff das wohlverdiente Erfrischungsgetränk noch in die Bremsleitungen füllt.


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