Sicherheitsgewinn oder unnötige Technik?“Darum ist ABS im Radsport kein Heilsbringer”

Laurin Lehner

 · 13.05.2026

Sicherheitsgewinn oder unnötige Technik?: “Darum ist ABS im Radsport kein Heilsbringer”Foto: Max Fuchs
Bremsen ohne blockieren - ein Heilsbringer oder nur was für blutige Einsteiger?
Das Antiblockiersystem ABS hält zunehmend auch bei sportlichen Mountainbikes Einzug. Die Idee: mehr Kontrolle und Sicherheit beim Bremsen. Wie es funktioniert, welche Vor- und Nachteile es gibt – MTB-Konstrukteur Lutz Scheffer hat seine eigene Meinung dazu.

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ABS kennt man vor allem vom Auto, aber auch vom Motorrad. Doch inzwischen hält das Antiblockiersystem auch im Fahrradbereich Einzug – vor allem bei E-Bikes, Trekkingrädern und zunehmend auch bei sportlichen Mountainbikes.

Das Prinzip ist ähnlich wie beim Auto: Sensoren überwachen permanent die Drehgeschwindigkeit der Räder. Erkennt das System, dass ein Rad beim Bremsen blockiert, regelt es den Bremsdruck automatisch herunter und baut ihn direkt wieder auf. Dieser Vorgang passiert mehrmals pro Sekunde und verhindert, dass das Rad komplett stehen bleibt.

Gerade das Vorderrad steht dabei im Fokus. Blockiert es, verliert man schnell Traktion und damit die Kontrolle oder riskiert einen Überschlag. Das ABS sorgt dafür, dass das Rad weiter rollt und lenkbar bleibt.

Technisch besteht ein Fahrrad-ABS meist aus:

  • Geschwindigkeitssensoren an den Rädern
  • einer Steuereinheit
  • einem hydraulischen Regelmodul
  • spezieller Software zur Bremsregelung

​Bosch E-Bike ABS Pro: Der Überblick

  • Regelt nur am Vorderrad (Ein-Kanal-System)
  • Fahr-Modi: Trail Pro und Race
  • An- und Abschaltbar
  • Keine Kurven-Erkennung
  • Regelt ab 6 km/h Geschwindigkeit
  • Gewicht Regeleinheit: 227 Gramm (Herstellerangabe)
  • Nur in Neurädern erhältlich, keine Nachrüst-Option
  • Nur für E-Bikes verfügbar

Die Vorteile von ABS im Radsport

Mehr Sicherheit bei Notbremsungen

Der größte Vorteil liegt klar auf der Hand: Das Risiko eines Sturzes durch blockierende Räder sinkt deutlich. Besonders auf nassem Asphalt, Schotter oder losem Untergrund bleibt das Bike kontrollierbarer. Das kommt vor allem Fahrrad-Neulingen zu Gute, die dosiertes Bremsen auf losen Untergrund nicht beherrschen.

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Bessere Kontrolle im Gelände

Im Trail-Einsatz kann ABS helfen, auch in steilen Passagen kontrolliert zu bremsen. Gerade weniger erfahrene Fahrer neigen dazu, die Vorderbremse zu hart zu ziehen. Das System greift ein, bevor das Vorderrad wegrutscht.

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Kürzere Bremswege auf schwierigem Untergrund

Auf losem Untergrund kann ein blockierendes Rad schnell ins Rutschen geraten. ABS hält die Reifen eher im optimalen Gripbereich und kann dadurch den Bremsweg verkürzen.

Die Nachteile von Fahrrad-ABS

Mehr Gewicht

Die zusätzliche Technik bringt Gewicht ans Bike. Sensoren, Steuergerät und Hydraulikeinheit machen das Fahrrad schwerer – für sportlich orientierte Fahrer oft ein Kritikpunkt.

Höhere Kosten

ABS-Systeme sind teuer. Bikes mit ABS liegen preislich oft deutlich über vergleichbaren Modellen ohne System.

Mehr Komplexität

Wo mehr Technik verbaut ist, steigt auch der Wartungsaufwand. Zudem sind Reparaturen meist nur beim Fachhändler möglich.

Nicht jeder möchte elektronische Eingriffe

Erfahrene Mountainbiker bevorzugen häufig ein direktes Bremsgefühl ohne elektronische Unterstützung. Gerade im sportlichen Einsatz möchten viele die volle Kontrolle selbst behalten. Blockieren der Räder kann in manchen Bereichen auch sinnvoll sein.

Das sagt Test-Redakteur Adrian Kaether

​Schon das erste Trail-ABS von 2022 hat uns beeindruckt. Mit dem ABS Pro kann Bosch sich beim wesentlichen Kritikpunkt deutlich verbessern: ABS Pro liefert jetzt Bremsleistung en masse und macht damit auch sehr anspruchsvolle Fahrer glücklich. Dazu funktioniert das System auch mit normalen MTB-Bremsen mit sportlicher Ergonomie und fängt Verbremser nach wie vor zuverlässig ab. Klare Empfehlung! -
Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik

Wo kommt´s her? Wer hat´s erfunden?

Die Grundidee entstand bereits Anfang des 20. Jahrhunderts – ursprünglich nicht für Autos, sondern für Eisenbahnen und Flugzeuge. Ziel war schon damals, ein Blockieren der Räder beim Bremsen zu verhindern, damit Fahrzeuge kontrollierbar bleiben.

Als einer der frühen Entwickler gilt der französische Ingenieur Gabriel Voisin, der in den 1920er-Jahren erste mechanische Systeme für Flugzeuge entwickelte. Wirklich praxistauglich wurde ABS jedoch erst viel später mit elektronischer Regeltechnik.

Das erste serienreife elektronische ABS für Autos entstand Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre durch die Zusammenarbeit von Bosch und Mercedes-Benz. 1978 wurde das System erstmals offiziell in der Serienproduktion eingesetzt – im Mercedes-Benz S-Klasse. Das gilt bis heute als Meilenstein der Fahrzeugsicherheit.

Im Motorradbereich brachte BMW Motorrad 1988 das erste Serien-ABS auf den Markt. Fahrrad-ABS dagegen ist vergleichsweise jung: Erst seit den 2010er-Jahren kamen die ersten marktreifen Systeme auf E-Bikes und Trekkingrädern auf den Markt – ebenfalls stark vorangetrieben von Bosch eBike Systems.

Meinung: Das sagt Konstrukteurs-Urgestein Lutz Scheffer

BIKE: Du bist einerseits ein ABS-Gegner und anderseits setzt du dich für die maximale Sicherheit für Radfahrer ein. Wie passt das zusammen? Antiblockiersysteme schützen doch besonders ungeübte Radfahrer, die in Schotterkurven undosiert in die Bremse greifen.

LUTZ SCHEFFER: Ja, ABS kann Schreckbremsungen und Überschlagsunfälle verhindern – das ist positiv. Kritisch wird es, wenn Fahrer darauf vertrauen, Trails runterzuballern, die sie vorher nicht fahren konnten. Der Fahrer sollte im Rahmen seines Fahrkönnens unterwegs sein, nicht im Vertrauen auf Elektronik. Außerdem: Ich will nicht, dass ABS-Pflicht in die Regulierung kommt. Kurzum: Ich verteufle ABS nicht, doch wenn Bürokraten vorschreiben, dass alle Pedelecs ABS haben müssen, wäre ich todunglücklich.

Lutz Scheffer: “Ich verteufle ABS nicht, doch wenn Bürokraten vorschreiben, dass alle Pedelecs ABS haben müssen, wäre ich todunglücklich.”Foto: Laurin LehnerLutz Scheffer: “Ich verteufle ABS nicht, doch wenn Bürokraten vorschreiben, dass alle Pedelecs ABS haben müssen, wäre ich todunglücklich.”
Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

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