Timo Pritzel – auf dem Thron der Dirtjump-Szene Timo Pritzel – auf dem Thron der Dirtjump-Szene Timo Pritzel – auf dem Thron der Dirtjump-Szene

Timo Pritzel im Porträt

Timo Pritzel – auf dem Thron der Dirtjump-Szene

  • BIKE Magazin
 • Publiziert vor 18 Jahren

Der Computer der Berufsberatung hatte nur eine Empfehlung für den Schüler aus Berlin Kreuzberg – Bauarbeiter. Doch Timo Pritzel (26) sprang sich lieber auf den Thron der Dirtjump-Szene.

Für einen kurzen, verzweifelten Moment versucht Timo Pritzel (26) noch, der kreischenden Meute von Grundschülern zu entkommen. Doch der dichte Belagerungsring aus Schreibblöcken und Filzstiften lässt ihm keine Chance. „Hey, schreib ,Radfahrer’ unter das Autogramm.“ Timo schreibt „Radfahrer“. Da knufft es wieder. „Nee, schreib, geiler Radfahrer’!“ Dabei ist Timo nur für den BIKE-Fotografen über eine winzige Kante gesprungen, als die Schulklasse zufällig vorbeikam.

Amtlich registriert ist er inzwischen als "Fahrrad-Artist". Keiner fliegt höher als er. Dabei hätte ihm ein Absturz einmal fast das Leben gekostet.

Doch irgendwie haben die Kleinen ja recht. Die Berliner Zeitung nannte Timo mal eine „One-Man-Boy-Group“. Weil keiner radikaler fährt. Weil er mit dem Bike Saltos springt. Weil er eine virtuose Körperbeherrschung hat. Weil er einfach ein geiler Radfahrer ist. Bloß gut, dass Timo damals nicht auf den Computer im Berufsberatungszentrum gehört hat. Als er den virtuellen Fragebogen mit seinen Vorlieben ausgefüllt hatte, wusste der Rechner nur eine Berufsempfehlung: Bauarbeiter. „Ich wollte mein Geld eben unbedingt an der frischen Luft verdienen“, sagt Timo amüsiert.

Zehn Jahre sind inzwischen vergangen. Heute ist er selbstständig. Nicht Bauarbeiter, sondern „Fahrrad-Artist“, steht auf seinem Gewerbeschein. Kunstflieger würde es besser treffen. Es war ein langer Weg, bis Timo vom Radfahren leben konnte. Dass er genau das wollte, wusste er schon Mitte der Achtziger, nachdem er zu Weihnachten sein erstes BMX-Bike bekam.

Seinen Weg zum Ruhm hat er in dem riesigen Regal neben der Stereoanlage dokumentiert: Ordner, voll mit Zeitungsausschnitten. Fotos mit verwegenen Stunts. Bike-Videos mit Timo in den Hauptrollen. „Ich würde am liebsten die Zeit anhalten. Hoffentlich kann ich noch lange, lange Rad fahren“, sagt Timo. Er kann es selbst kaum glauben, dass alles mit einer Kontaktanzeige begonnen hat. Um der Ausbildung zum Bauarbeiter zu entgehen, suchte Realschulabgänger Timo in einem amerikanischen BMX-Magazin nach einer Gastfamilie für ein praktisches Jahr in den USA. Die 20-Zoll-Szene dort boomte. Jim Kleinhans, ein Privatdetektiv aus Las Vegas, holte den Berliner zu sich ins Haus. Aus irgendwelchen Gründen hatte sich der wabbelige Radfanatiker in den Kopf gesetzt, ein eigenes BMX-Team zu gründen. Bald ging es an den Wochenenden gemeinsam mit anderen Fahrern zu den Rennen. Eine großartige Erfahrung für Timo.

Timo jobbte neben der Highschool in einer Schraubenfabrik, lernte BMX-Millionär T.J. Lavin kennen, errang erste Rennerfolge – und bekam 1994 einen richtigen Profi-Vertrag, nachdem er beim damals größten Rennen der Welt, den „ABA Grandnationals“, Dritter wurde.

Zurück in Deutschland mischte sich plötzlich bürgerliche Vernunft in den Höhenrausch. Timo war fest entschlossen, den Weg in ein normales Berufsleben zu gehen. Doch seine Bewerbungen waren so schlecht, dass er nur Absagen bekam. „Zum Glück“, findet Timo heute. Nur die Post in Berlin Schöneweide bot ihm einen Job als Briefträger an. „Unglaublich, was man da erlebt. Da machten Frauen in Unterwäsche auf und luden mich auf einen Kaffee ein“. Timo trinkt aber lieber Tee. Und so ergnügte er sich stattdessen auf den Doubles der Dirtstrecke.

Der Rest ist Geschichte: Deutsche Meistertitel, Weltmeister im Dirtjump, Weltrekord im Bike-Hochsprung, Profi-Vertrag. Dann der Umstieg aufs Mountainbike, weil Dirtjump inzwischen auch in der 26-Zoll-Szene boomte. Vielleicht wäre alles so weiter vor sich hingeplätschert, hätte der Zufall nicht wieder Regie geführt. Anfang 2001 tingelte Pritzel zusammen mit einer Reihe Dirt- Profis für ein BIKE-Fotoshooting durch Deutschland. Darunter John Cowan, einer der Stars aus dem radikalen Kult-Video „New World Disorder“. Cowan blieb nach dem Trip noch für ein paar Tage in Kreuzberg und erzählte Timo von seinem geheimen Projekt – dem „Hell Track“ in Kalifornien. Diese Hölle war für Pritzel das Paradies – eine ins Riesenhafte mutierte Dirtstrecke mit einer zwölf Meter hohen Startrampe. Ein eigens geschaffener Drehort für „New World Disorder 2“. „Eigentlich wollte Cowan dort zusammen mit seinem Freund Graham Kuerbis fahren. Doch der hatte sich leider beim Biken schwer verletzt. Also fragte er mich, ob ich fahren wollte.“

Pritzel fegte wie ein Gott über den Hell Track. Saltos, No Food, Superman – das volle Programm an Kunstflug- Manövern. Und das, obwohl er sich beim ersten Versuch drei Rippen gebrochen hatte. Da war er endlich, der ganz große Durchbruch. Aus dem Star wurde ein Superstar.

Manchmal, wenn Timo abends mit Freundin Lilly in der Wohnung sitzt und Musik hört, macht er sich Gedanken über die Zukunft. Dann kommen auch Ängste hoch. Ängste vor Verletzungen. Ängste, die draußen auf der Strecke von Adrenalin, Applaus und Schulterklopfen betäubt werden. Dann denkt er an den berüchtigten „Backjard Jam“ in England, wo er sich 1996 beim Sprung über einen 14 Meter breiten Graben unter anderem die Niere riss. Oder der Nachtsprint beim BIKE-Festival in Riva 2001, wo Timo nach einem missglückten Salto auf den Kopf krachte.

Sein Ruf ist für Pritzel zur Verpflichtung geworden. Mit seinen 26 Jahren hat Timo alles erreicht, wovon er je geträumt hat. Erfolge, Reisen, Sponsoren – und arbeiten an der frischen Luft. Trotzdem sieht er sich noch ganz am Anfang. Freeride-Rennen will er künftig fahren und ein bisschen Dual-Worldcup. Der Berliner BMX- und Dirt-Szene würde er gerne noch mehr unter die Arme greifen, das Szene-Blatt „Zwanzig Zoll Rider Magazin“ mitgestalten, Events organisieren, mit Sponsor Scott neue Produkte entwickeln und natürlich noch viele spektakuläre Videos drehen. Er wird noch viele Schulblöcke mit seinem Namen vollkritzeln. Doch was ist eigentlich die Steigerung von „geil“?

Archiv

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Steckbrief Timo Pritzel


Wohnort: Berlin Kreuzberg
Alter: 26 Jahre
Beruf: Radprofi
Team: Scott
Sponsoren: Scott, Oakley, Eastbag, Iriedaily, SRAM
Hobbys: Reisen, Essen
Lieblingsmusik: Hip Hop, Dead Prez
Lieblingsfilm: Die Verurteilten, Slam
Lieblingsbuch: Der Pate
Lieblingsessen: gesund
Lieblingsurlaubsland: Thailand, Australien
Lieblingsmagazine: Lodown, 20-Zoll, Style
Erfolge: Weltmeister BMX-Dirtjump 1998, 6 x Deutscher BMX-Meister, 2 x Sieger Red Bull Freezride MTB 2002/2003, Sieger Dirtjump Sea Otter 2002, Weltrekord Bike- und BMXHochsprung (4,55 Meter/5,12 Meter)
Kontakt:
timo@timopritzel.de
Homepage:
www.timopritzel.com

Themen: BerlinBMXDirtbikeDirt JumpPortrait


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