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Porträt Vali Höll

Vali Höll: Der Freeride-Star von morgen?

Henri Lesewitz am 15.04.2016

Bis zur Downhill-WM 2022 sind es noch sechs Jahre, doch einige Medien verkündeten bereits die Siegerin: Vali Höll. Die 14-Jährige selbst juckt das herzlich wenig. Sie versägt lieber die Jungs.

Als alle Superlative verschlissen waren, als absolut keine Steigerung mehr möglich war, wurde sie zur Downhill-Weltmeisterin 2022 erklärt. So stand es tatsächlich frei von Ironie in der Pressemitteilung, die ihr Sponsor im Freudentaumel des frisch unterzeichneten Sechs-Jahres-Vertrages verschickt hatte. Was nebenbei gleich noch den nächsten Superlativ darstellte. Nie zuvor war einer Dreizehnjährigen ein derartiger Vertrag angeboten wurden.

"Ach, die Sache mit der Weltmeisterschaft", rollt Valentina Höll, genannt Vali, keck mit den Augen: "Ich finde das ja eher lustig."

Porträt Vali Höll

"Alle Leute, die Biken, sind cool"

Es ist Dienstag, das österreichische Touristen-Örtchen Saalbach dämmert verdunkelt von einem feuchtkalten Wolkenschwamm vor sich hin. Vali lümmelt auf der tabakbraunen Polstersitzecke, die den mächtigen Massivholztisch der Essecke umgibt. Die behagliche Vierzimmerwohnung, von deren Terrasse man auf sattgrüne, hochalpine Grasmatten blickt wie von einer Zuschauertribüne, wird von den Hölls nur im Winter bewohnt. Den Sommer über betreiben sie das Spielberghaus, eine rustikale Hütte mit Gästezimmern oberhalb von Saalbach. Nächste Woche ist Saisoneröffnung. Mama Sabine und Papa Walter wuseln aufgeregt umher. Vali sitzt seelenruhig da und checkt mit dem Smartphone ihre Facebook-Seite. Am Wochenende ist sie beim Rookies Cup in Winterberg gestartet und Vierte geworden. Nicht in der Mädchenklasse. Und auch nicht bei den Frauen. Diese Kategorien interessieren sie schon längst nicht mehr. Um ihren Stresshormonen überhaupt eine stimulierende Wirkung zu entlocken, fährt Vali bei den U15-Jungs. Die Frauenwertung hätte sie mit einer halben Minute Vorsprung gewonnen.

"War mir aufgrund des fetten Vorsprungs vor allen Damen nicht sicher, ob ihr ’ne kürzere Strecke bei den U15 gefahren seid ...", kommentiert einer ungläubig den Facebook-Eintrag.

"Haha … nee, genau die Gleiche", tippt Vali als Antwort. 255 gefällt das.

Das ist sie also. Vali Höll, das angeblich größte Downhill-Talent der Welt. Das Mountainbike-Wunderkind, das den
Voraussagen zufolge 2022 die schnellste Bikerin der Welt sein wird. Das Mädchen, das so virtuos zu Tal saust, das für sechs Jahre von demselben Team verpflichtet wurde, in dem auch Szene-Superman Andreu Lacondeguy fährt. Was total unwirklich scheint, wenn man sie so dasitzen sieht – mit ihrem grauen Schlabberpulli und dem braven Schulmädchenblick. Doch es täuscht. Vali ist längst ein Medienprofi. Sie hat mehr Foto-Shootings gehabt als mancher Worldcup-Held. Sie hat für Kataloge posiert. Neulich war das ORF da. Die Klamotten bekommt sie kistenweise zugeschickt. Jedes Teil ist sorgsam ausgewählt. Sie weiß genau, wie man sich in Szene setzt.

Macht Dich der Druck nicht wahnsinnig?
Vali:
Nein, gar nicht. Ich mache ja nur, was mir Spaß macht. Als ich den Vertrag mit dem Profi-Team bekommen habe, da kamen natürlich auch blöde Kommentare. Was das solle, ich sei ja noch ein Kind. Aber ehrlich: Ich kann jederzeit aussteigen, wenn es mir nicht mehr gefällt. Ich habe keinen Druck.

Jeder Sponsor hat Erwartungen.
Nee, ich soll nur biken und Spaß haben.

Was genau macht Dir Spaß?
Kurven! Kurven mag ich voll gerne! Und Step-ups und Tables. Und Wurzelteppiche, wo man Gas geben kann. Nur kein Rockgarden. Das tut weh, wenn man da stürzt. Flauschiger Waldboden ist das Beste!

Vali Höll Saalbach Hinterglemm Pro Line

Kurven als sprudelnde Quelle von Lebensenergie: Vali Höll holt sich auf der Pro-Line in Hinterglemm die tägliche Dosis Fahrtwind.

Mama Sabine, die gerade mit einem Stapel Geschäftsordner vorbeihuscht, hat den Gesprächsfetzen aufgeschnappt und ruft in Anspielung auf den unlängst gemeinsam verbrachten Whistler-Urlaub: "Und ab und zu muss ein süßer Babybär über den Trail laufen! Nä, Vali?" Downhillerin Angie Hohenwarter, vielen auch bekannt als sexy Miss September des Cyclepassion-Kalenders, hatte Vali die Reise ins Freeride-Mekka zur Firmung geschenkt.
"Das war voll cool. In Whistler gibt es 58 Strecken auf einem einzigen Berg. Am besten fand ich die Blue Velvet", schwärmt Vali, woraufhin Sabine mit dem vielleicht ungewöhnlichsten Mutti-Satz antwortet, den ein vierzehnjähriges Mädchen so zu hören bekommt:

"Also ich fand die Crank-it-up-Line mit den geil geshapeden Tables am besten!" Und man ahnt: Wer sich auf die Spuren des Downhill-Wunders begeben will, der kann gleich hier sitzen bleiben auf der tabakbraunen Polstersitzecke am Höll’schen Esstisch. Walter und Sabine haben sich eh schon dazugelümmelt. Wenn es um ihr Lieblingsthema geht, kann die Arbeit schon mal ruhen.

Walter, ein kerniger Typ mit der Statur eines Holzfällers, fuhr schon Rennen mit John Tomac und Jimmy Deaton. Stundenlang könnte er vom mythenumrankten Downhill-Worldcup in Kaprun erzählen, bei dem er 1992 todesmutig zu Tal raste. Wie er in der prallen Hitze neun Stunden lang auf seinen Start gewartet hatte. Wie er vor Durst fast verreckt wäre und dann trotzdem Dreihundertster wurde, von 1000 Startern, immerhin. Wie er seinen Hund "Downhill" nannte, weil er den Sport so cool fand und all die Typen. Greg Herbold. Gerhard Zadrobilek. Und vor allen Dingen natürlich Missy Giove.

"Kennst Du Missy Giove, Vali?", fragt Walter, voll in seinem Element. Vali zuckt ahnungslos mit den Schultern: "Nee."
"Das war mal die krasseste Downhillerin, total furchtlos. Die trug einen getrockneten Piranha um den Hals!"
"Echt? Cool!"

Walter und Sabine lernten sich auf der Skipiste kennen. Als Mixed-Team quälten sie sich bei der BIKE Transalp Challenge über die Alpen. Am 11. Februar 2001 kam Töchterchen Vali auf die Welt. Aus dem Biker-Pärchen wurde eine Biker-Familie. Es war im Grunde die selbstverständlichste Sache der Welt. Vali lernte biken wie andere Kinder laufen. Es hatte die Wirkung eines Boosters, dass Saalbach Hinter­glemm zufällig zur selben Zeit zu einem gigantischen Mountainbike-Erlebnispark umgebaut wurde. Das Trail-Netz wuchs und wuchs. Immerzu gab es Rennen, Festivals, Veranstaltungen. Das Spielberghaus der Hölls wurde zum Biker-Treffpunkt mit eigenem Pumptrack. Als Achtjährige startete Vali bei ihrem ersten Downhill-Rennen und gewann. Mit Zwölf ging sie mit einer selbst gebastelten Mappe auf Sponsorensuche. Ganz allein. Ohne Eltern.

Vali Höll Familie Spielberghaus

Eine schrecklich nette Familie: Walter, Vali, Sabine sowie der dreijährige Joni. 

Die vielen Szenegrößen, die im Spielberghaus logierten, hatten ihr erklärt, wie das mit der Selbstvermarktung funktioniere. Dass ihr die Firma YT gleich einen Sechs-Jahres-Vertrag geben würde, hätte aber wohl niemand für möglich gehalten. Die öffentliche Empörung war groß. Kinder-Dressur. Schamlose PR-Geilheit. So die Nörgler. Weshalb Daniel Roos, ein Freund der Hölls, den Streifen "How to be a MTB-Star" drehte, quasi als Konter. Im züchtigen Dirndl tritt Vali im Film vor ihren Gebieter und fragt: "Meister, wie werde ich ein Mountainbike-Star?" Der Gebieter, im feinsten B-Movie-Style gespielt von Walter, ruft: "Kraft! Ausdauer! Disziplin! Loyalität! Geschwindigkeit! Blut! Schweiß!" Dann Schnitt. Trainingsszenen wie aus Rocky 4 und Karate Kid. Ach herrje, denkt man, das arme Kind! Doch plötzlich: Vali, nun in Bike-Kluft: "Alles Quatsch. Wir wollen doch nur Spaß haben!" Fahrszenen, fluffige Rockmusik, Abspann. 7769 Klicks auf Youtube, 62 Likes.

Es klingt nach der klassischen Erfolgsformel. Sportverrückte Eltern mit guten Kontakten pushen ihr Kind zu Ruhm und Prämien. Doch in diesem Fall ist das anders. Es ist die emotionale Power, die Vali ausstrahlt, die Sponsoren fasziniert. Dieses echte, authentische Glühen für den Downhill-Sport. Eine Disziplin, die als so verwegen und knochenbrecherisch gilt, dass sich fast nur Jungs auf die Strecken trauen.

"Männer, das stärkere Geschlecht? So ein Quatsch! die Jammern doch schon bei der kleinsten Erkältung rum."

Warum fahren kaum Mädchen Downhill?
Vielleicht, weil man sehr schnell dreckig wird? (lacht). Nein, keine Ahnung, die ganzen Speed-Sachen, die Felsen, die Wurzeln, das ist sicher nicht jedermanns Sache.

Wie reagieren die Jungs, wenn Du gegen sie gewinnst?
Am Anfang hat keiner mit mir geredet. Ich habe gewonnen, aber die Jungs haben sich nur untereinander abgeklatscht. Inzwischen ist das anders. Da gehen wir nach dem Rennen auch noch mal zusammen chillig biken oder sitzen am Lagerfeuer.

Hast Du manchmal Angst?
Nein. Adrenalin ist schon cool. Aber ich fahre nicht so Harakiri. Drops mag ich gar nicht. Da scheiße ich mich voll an.

Sind Jungs risikobereiter?
Ich denke, ja. Floh, mein Kumpel, der unten im Dorf wohnt, schaltet am Start seinen Kopf total aus. Das ist echt krass.
Walter: Vali fährt wie ein Wiesel. Aber Männer sind nun mal das härtere Geschlecht.
Vali: So ein Quatsch! Männer jammern doch bei jeder kleinen Erkältung rum.
Sabine: Es ist noch nie was Schlimmes passiert, aber ich kann bei den Rennen nicht zugucken. Das packe ich nicht. Einmal musste Vali nach einem Sturz ins Krankenhaus, da meinte der Arzt, eine Niere sei kaputt. Ich war völlig fertig. Zum Glück war es nur eine Quetschung. Aber da macht man sich schon seine Gedanken.

Würde es Dich reizen, die erste Frau bei einem großen Slopestyle-Event zu sein, Vali?
Nee, gar nicht. Das würde meine Mama auch gar nicht erlauben (schielt zu Mama).

Warum fährst Du Mountainbike?
Weil es Spaß macht. Und wegen der Leute. Alle Leute, die biken, sind cool.

Später am Tag, Walter und Sabine wuseln wieder herum, steht Vali in ihrem Kinderzimmer. Über dem Bett hängt ein Poster von Freeride-Profi und Haar-Extremist Rob J, in den sie mal unsterblich verliebt war, wie sie kichernd gesteht. Sie druckst ein bisschen herum. Dann holt sie ihr Smartphone raus und zeigt eine Mail, die sie seit Monaten wie einen Schatz hütet. Es ist ein Fan-Brief an sie. Von Rachel Atherton, der Downhill-Heldin. Hippelig wie ein Zahnspangenmädchen, das gerade ein Autogramm von seinem Star ergattert hat, liest Vali die Zeilen vor. Ach Gottchen, wie süß! Ein normaler Teenager. Also doch.

Fotostrecke: Porträt Vali Höll

INFO VALI HÖLL

Der Vertrag: Die Meldung über den Sechs-Jahres-Vertrag, den der Radhersteller YT Industries im vergangenen Jahr mit der damals gerade 13-jährigen Vali schloss, sorgte für Schlagzeilen. Über die Details wird geschwiegen. Nur so viel ist bekannt: Vali kann den Vertrag jederzeit ruhen lassen und muss lediglich für Fotoshootings zur Verfügung stehen.

Video: Um die Kritik an ihrem Sponsoren-Deal auf die Schippe zu nehmen, drehte Vali zusammen mit Daniel Roos das Video "How to be a MTB-Star" - siehe unten...

Und sonst? Da es kaum weiblichen Downhill-Nachwuchs gibt, fährt Vali bei den Rennen in der U15-Klasse der Jungs. Sie besucht das Sport-Gymnasium in Saalfelden und trainiert fast täglich im heimischen Bikepark Saalbach Hinterglemm. www.bike-circus.at

Die 14 Jahre junge Valentina Höll ist ein Downhill-Talent. Und sie träumt davon, so gut zu werden wie Rachel Atherton.ll

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Henri Lesewitz am 15.04.2016