Zu Besuch bei MTB-Legende Greg "H-Ball" Herbold Zu Besuch bei MTB-Legende Greg "H-Ball" Herbold Zu Besuch bei MTB-Legende Greg "H-Ball" Herbold

Porträt Greg Herbold – Downhill-Weltmeister Nr. 1

Zu Besuch bei MTB-Legende Greg "H-Ball" Herbold

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor 7 Jahren

Greg "HB" Herbold wollte nur Mountainbike-Weltmeister im Downhill werden. Er konnte nichts dafür, dass es die ersten Titelkämpfe der Bike-Geschichte waren. Jetzt ist er ein Held. Für immer.


Er hatte kein Geld. Er wollte vom Biken leben. Also plante er den Weltmeister-Titel so penibel wie einen Bankraub. Und wurde zum absoluten Siegertyp, zur Legende. Seit 1990 ist Greg Herbold nun schon der erste Bike-Weltmeister der Geschichte. Er wird es so lange sein, wie der Planet Erde um die Sonne kreist.

Tom Moran Der Husarenritt 1990: Greg Herbold rast mit aufprallsicherem Höschen und Rahmenluftpumpe zum ersten Weltmeistertitel im Downhill.

Greg Herbold ➧ Rennerfolge Greg Herbold gewann das erste Dual-Slalom-Rennen der Welt und die erste Downhill-WM der Geschichte. Er gehörte bis Mitte der Neunziger zu den internationalen Top-Fahrern. 2010 wurde er US-Meister der Seniorenklasse.
➧ Starkult Kaum ein anderer Fahrer genießt derartigen Kultstatus. Herbolds Spitzname "HB", abgeleitet von hair ball, ist längst zur Marke geworden. Herbold ist Mitglied in der MTB Hall of Fame. Er hatte einen eigenen Fanclub namens "H-Ball".
➧ Materialtester Greg Herbold arbeitet als freier Tester für die Firma Sram, zu der auch Rock Shox gehört. Er organisiert auch Schulungen und Presse-Camps.

Ruhm ist vergänglich. Doch es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn die Heldentat von so herausstechendem Charakter ist, dass sie prägend war für eine Kultur, einen Sport, ein Lebensgefühl. Der Amerikaner Greg Herbold (53) hat eine solche Tat vollbracht, wenn auch unbeabsichtigt. Seit nunmehr 24 Jahren ist er der erste Weltmeister der Mountainbike-Geschichte. Er wird es in hundert Jahren noch sein. Und auch in tausend. So lange, wie der Planet Erde um die Sonne kreist. Greg Herbold ist, ob es ihm nun gefällt oder nicht, der ewige Held des Mountainbike-Sports.

Henri Lesewitz Das Testen von Gabeln bestimmt den größten Teil von Herbolds Berufsleben. Ein Grund mehr, auf die Trails zu gehen.

Henri Lesewitz Als ehemaliger Downhill-Supermann beherrscht Herbold sämtliche Steuer-Tricks. Zur Zeit kachelt er gerne mit haftstarken Fatbikes durch die Kurven.

„Ein Held? Bullshit!“, winkt Herbold ab: „Ich war jung. Ich brauchte Geld. Ich hatte diesen Sieg geplant wie einen Bankraub.“ Die Mundwinkel zucken zum breitmöglichsten Grinsen. Dann spritzt er mit dem Hochdruckreiniger weiter den Staub von der Grundstückseinfahrt. Was herrlich kleingärtnerhaft wirkt, angesichts des wilden Rock-’n’-Roller-Images, das den Namen Greg Herbold umgibt. Oder besser gesagt den Namen „H-Ball“, beziehungsweise die Ganzkurzform „HB“, wie ja alle sagen, selbst seine Mutter. HB, für hair ball. Da steht er also, der Bike-Rockstar der frühen Neunziger. Angeschlemmertes Bäuchlein, Freizeit-Pantoffeln, in der Hand eine Reinigungsspritzpistole. Auch Helden haben Haushaltspflichten.

Es ist fortgeschrittener Vormittag, der Outdoor-Spielplatz Moab wird resolut von Sonne befeuert. Von der Hauptstraße her dröhnt das brachiale Gurgeln, Fauchen und Röhren benzindurstiger V8-Motoren über Herbolds Grundstück, das sich unweit der Zufahrtsstraße zu den berühmten Slickrocks befindet. Reifen quietschen, Boxen wummern. „Offroad Days“, nennt sich die Veranstaltung. Tausende bevölkern die Stadt, um mit angsteinflößenden, übertrieben bereiften Auto-Mutationen den unverkrampften Umgang mit fossilen Brennstoffen zu zelebrieren. Die vielleicht speziellste Art, die Liebe zur Natur auszudrücken. Herbold lächelt gütig. Er war mit seinem Geländewagen gerade Hund Baxter ausführen. Baxter draußen, Herbold drinnen. Erster Gang, Radio volle Lotte. „Pure Entspannung“, schwärmt Herbold.

In den heiligen Stätten des Mountainbike-Sports

Es gibt zwei Städte auf dieser Welt, deren Beschreibungen so märchenhaft klingen, dass man sie für Fabelorte halten könnte. Der eine Ort heißt Durango. Austragungsort der ersten Bike-Weltmeisterschaft und Heimat zahlreicher Szene-Legenden. Der andere Ort heißt Moab. Rege besuchtes Outdoor-Vergnügungsviertel, eingerahmt von hochspektakulär geformten Steilwandfelsen, durch die sich die berühmtesten aller Mountainbike-Trails winden. Slickrock, Porcupine, Kokopelli, Whole Enchilada, dazu Dutzende weitere.

Durango und Moab sind die heiligen Stätten des Mountainbikens. Dass Herbold ein Haus in Durango und eines in Moab besitzt, hat schon fast etwas Unwirkliches. Aber natürlich gehört er genau dorthin. Sein Leben ist so untrennbar mit dem Bike-Sport verwoben wie das Rentiermotiv mit einem Norwegerschal. Das Test-Center auf seiner Farm in Durango, wo er im Auftrag von Sram Prototypen quält, ist turnhallengroß. Die Trails auf dem Grundstück sind künstlich angelegt und derart ausufernd, dass Herbold für die Schnellbesichtigung Cross-Motorräder bereithält.

Henri Lesewitz Hausarbeit muss sein: Herbold spritzt die Betoneinfahrt sauber. Das Haus in Moab wird als Testzentrale genutzt.

Henri Lesewitz Herbolds Spielzeuge 1: skurrile Selbstbauten.

Henri Lesewitz Herbolds Spielzeuge 2: grob bereifte Geländefahrzeuge jeder Art.

Weil das immer spezieller werdende Bike-Material nach immer speziellerem Testgelände verlangt, hat er jetzt noch eine Art Außenstelle in Moab eingerichtet. Herbold schraubt, tüftelt, fährt, reist, mailt, telefoniert. Seine Rennkarriere ist seit zwei Jahrzehnten vorbei, doch er ist noch immer ein Schwerstarbeiter in Sachen Mountainbike-Sport.

„Es ist unglaublich, wie alles gekommen ist“, sagt Herbold und lässt sich auf einem der Korbstühle nieder, um seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte von Leidenschaft, Überlebenskampf und Ruhm, der urplötzlich in sein Leben knallte. Eine Wahnsinnsgeschichte.

Greg Herbold wuchs in einem Vorort von Denver auf. Als er zum Studieren nach Durango ging, war er bereits in der gerade aufkeimenden Bike-Szene verwurzelt. Es war der Übergang vom Underground zum Sport. Die Hippies in Durango fuhren noch ihre schundigen Cruiser. Die Clique um Herbold huldigte dem Technikkult.

„Wir waren anders. Wir hatten coole Bikes und guckten MTV“, plaudert Herbold, die Arme lässig vor der Brust verschränkt. Die Rennen, die der Durango Wheel Club jeden Mittwochabend veranstaltete, zogen Woche für Woche Hunderte an. Der Modus wurde erst kurz vor dem Startschuss verkündet. Mal wurde Downhill gefahren, mal Uphill oder Trial, dann wieder Marathon. „Ich wäre am liebsten nur Downhill gefahren, aber so eine Spezialisierung gab es nicht. Alle sagten: ,Wenn Du runter willst, musst Du vorher rauf.‘ Niemand hat geshuttelt. Die waren alle wie Tiere!“

"Die Japaner verkaufen viele Bikes. Aber sie haben keine Ahnung vom Biken."

Herbold lümmelt sich in den Stuhl, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche. Und dann feuert er die Anekdoten ab, die zu Meilensteinen seines Lebens wurden. Wie Mitte der Achtziger alles professioneller wurde und alle anfingen, mit Rennrädern zu trainieren und auf die Ernährung zu achten. Wie er trotz „Party, Bikes and Girls“ sein Wirtschaftsstudium mit Auszeichnung abschloss, Job-Angebote von IBM, Honda und Panasonic aber ausschlug, um Radrennen fahren zu können. Wie er Amerikanischer Singlespeed-Meister wurde und über „Bicycle Bob“, den Mechaniker von John Tomac, Kontakt zum japanischen Fahrradhersteller Miyata bekam. Was wenig später sein Leben verändern sollte.

„Mein erster Vertrag war …“, sagt Herbold und zählt auf: „ … ein Bike. Zwei Shorts. Zwei Shirts. Drei Mützen. Zwei Sets Handschuhe. Vier Extrareifen.“ Es klingt nach mickriger Grundausstattung, aber Herbold dachte weiter. „Ich wusste: Die Japaner verkaufen viele Bikes. Aber sie haben keine Ahnung vom Biken.“ Herbold faxte seine Fahreindrücke und Verbesserungsvorschläge nach Japan. Und tatsächlich, es funktionierte. Er wurde zum Produkttester. Er bekam einmalig 500 Dollar. Er gewann den ersten Dual Slalom der Bike-Geschichte. Er faxte und faxte. Er bekam 800 Dollar, monatlich. Es ging steil bergauf. Doch war das nur das Vorspiel.

„Ich war ein guter Profi, weil ich ein guter Tester war“, sagt Herbold, den Kopf unruhig in Richtung Einfahrt gedreht. Gattin Debby, eine fettarme Ex-Straßenfahrerin, ist vom Einkaufen zurück. Sie sagt keinen entsprechenden Satz, doch Herbold scheint nach 19 Jahren Ehe ein Meister im Lesen von mimischen Feinheit zu sein. Er solle mal nicht so viel rumquatschen und die Einkaufstüten reintragen, scheint ihm Debby wohl mitzuteilen. Herbold springt auf und trägt – ganz Gentleman – die prall gefüllten Tüten ins Haus. Als Debby wenig später mit ihrem gigantisch bereiften Fatbike in Richtung Slickrock-Trail wegwalzt, fährt er mit der Geschichte fort.

Henri Lesewitz Auf dem Grundstück von Greg Herbold in Durango steht noch das berühmte Miyata-Team-Mobil aus den frühen Neunzigern.

Henri Lesewitz Auch Gattin Debby liebt Radsport. Sie hat dreimal an der Tour de France der Damen teilgenommen.

Henri Lesewitz Keine Federgabel von Rock Shox, deren Kennlinien er nicht überarbeitet hätte.

Es war 1989, die Disziplinen Downhill und Cross Country waren noch nicht voneinander separiert, als Herbold mit dem Miyata-Team einen Monat lang durch Europa tingelte. In den Bikes steckten Prototypen einer gefederten Gabel namens „Rock Shox“, was für so viel Aufsehen sorgte, dass sich ihnen ein Dickicht von Mikrofonen in den Weg stellte, wo immer sie aufkreuzten. Herbold war eine der treibenden Kräfte bei der Entwicklung der Wundergabel. Sie war nicht seine Idee, aber dennoch so etwas wie sein Baby.

Die inoffizielle WM im belgischen Spa war die letzte Station der Europa-Tournee. Herbold staunte, als er Radhändler Ed Zink aus Durango auf dem Podium einer Pressekonferenz erspähte, zu der auch alle amerikanischen Fahrer eingeladen waren. „Ich dachte, was macht der denn da?“, erinnert sich Herbold.

Was bei der Pressekonferenz verkündet wurde, war nichts weniger als eine Sensation. Mountainbiken sollte ab 1990 offiziellen WM-Status bekommen. „Disziplin number one: Cross Country. Disziplin number two: Downhill“, imitiert Herbold den Originalwortlaut. Er lehnt sich stumm zurück, um den eigentlichen Knaller mit größtmöglicher Wucht in die Stille rumsen zu lassen: „Austragungsort: Durango in Colorado.“

Herbold nimmt einen Schluck Wasser. Er wirkt jetzt sichtlich bewegt. Damals ahnte er noch nicht, was die Worte auf der Pressekonferenz einmal auslösen sollten. Er wusste, dass der Freak-Sport Biken nun Profi-Radsport werden würde. Er konnte aber nicht ahnen, dass jener Ed Zink diesen Sport schon wenig später auf die olympische Bühne führen würde. Er konnte nicht ahnen, dass in Folge der WM-Euphorie aus dem Studenten-Kaff Durango ein Mountainbike-Mekka werden sollte, mit mehr als 500 Kilometern Singletrails. Er konnte nicht ahnen, dass die Bike-Industrie zu einem globalen Multi-Milliarden-Dollar-Business reifen würde; dass der Sport einmal Millionen elektrisiert; dass ausgerechnet er der erste Weltmeister der Bike-Geschichte werden würde.

Herbold ist nicht der einzige erste Weltmeister. Es wurden vier Goldmedaillen vergeben an jenem Wochenende. Eine Damen- und eine Herren-Medaille im Downhill. Und je eine im Cross Country. Herbold gewann die der Abfahrer. Es war ein schneller, gefährlicher Kurs. Herbold kannte jeden Stein, die Rock Shox war getuned auf sechs Zentimeter Federweg. Philippe Perakis stürzte fies. John Tomac fuhr mit Rennradlenker. Der Vorsprung war deutlich. „Ich habe ein Jahr dafür gelebt, dieses Rennen zu gewinnen. Ich hatte nie Geld. Ich wollte von diesem Sport leben. Ja, ich habe den Sieg geplant wie einen Bankraub“, grinst er.

Und dann: das Miyata Ridge Runner – das heilige Bike

Herbold stemmt sich aus dem Stuhl. Feierlicher Gesichtsausdruck. Ob man es sehen wolle, fragt er. Und man traut sich kaum nachzufragen, so religiös aufgeladen ist der Moment. Denn man ahnt, was er meint. Es – das heilige Bike.
Und da steht es auch schon im Neonlicht der Halle, inmitten von Testgabeln, Reifenknäulen, Werkzeugwänden. Das weiß-blaue Miyata Ridge Runner, mit dem er an jenem Freitag im September 1990 Geschichte schrieb. Startnummer 111, Hair-Ball-Aufkleber, die weißen Onza-Reifen. So, wie es über den Zielstrich gerollt ist.

Henri Lesewitz Das heilige Miyata: Das einstmals schnellste Bike der Welt hat im Originalzustand überlebt.

Henri Lesewitz Hinten hart, aber dennoch eine Art Fully – Größter Unterschied von Greg Herbolds Miyata Ridge Runner Team zu den Bikes der Cross-Country-Kollegen: abgefräste, flexende Kurbeln für einen Hauch von Komfort.

Henri Lesewitz Ausatmen, Bauch einziehen, dann passt das Regenbogen-Trikot noch wie angegossen. Für den Termin mit BIKE hat H-Ball sein Miyata extra aus dem Museum geholt. Die Berge des Szene-Mekkas Moab bilden eine würdige Kulisse.

Ein emotionales Großereignis. Auch für Herbold. Normalerweise hängt das Bike bei Ed Zink im Shop, dessen Wände so üppig mit Szene-Reliquien dekoriert sind, dass er mehr einer Hall of Fame gleicht als einem Verkaufsraum. Herbold hat das Miyata extra für den BIKE-Reporter hergeschafft. Die Kurbeln sind für mehr Flex abgefräst, ein Mega-Kettenblatt garantiert maximalen Speed. Ein Zeugnis von Detail-Versessenheit und unbedingtem Siegeswillen.

Als Herbold seine aktive Rennkarriere beendete, hätte man sich das Internet noch ausdrucken und durchlesen können. Es gibt nicht viele Informationen über den ersten Downhill-Weltmeister, die man googeln könnte. Es sagt viel über die Strahlkraft seines Titels, dass Herbold auch heute noch zu den größten Persönlichkeiten des Sports gehört.

In hundert Jahren, vielleicht sogar in tausend, wird jemand das Miyata mit der Startnummer 111 betrachten. Er wird sich fragen, wie todesmutig jener Mensch gewesen sein muss, der damit einen Berg hinunterraste. Unzählige werden dann Weltmeister gewesen sein, doch in den Geschichtsbüchern wird wohl vor allem ein Name den Zeitenlauf überdauern: Greg Herbold – der erste Erste. „Ich habe für diesen Sieg hart gearbeitet. Dass er eine historische Dimension hat, war nichts weiter als Glück“, sagt Herbold. Dann tut er, was er seit jeher am liebsten tut: Er geht Biken.

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