Hall of Shame: Ideen ohne Zukunft

  • BIKE Magazin
 • Publiziert vor 13 Jahren

Die Ideen waren gut, die Welt noch nicht soweit: Viel haben BIKE-Tester schon als Revolution gelobt. Manches wurde ein Verkaufsschlager, anderes verpuffte. Ein sentimentaler Rückblick auf die größten Fehlzündungen der BIKE-Geschichte.

Die Ideen waren gut, die Welt noch nicht soweit: Viel haben BIKE-Tester schon als Revolution gelobt. Manches wurde ein Verkaufsschlager, anderes verpuffte.

Ein sentimentaler Rückblick auf die größten Fehlzündungen der BIKE-Geschichte.


Cannondale Delta V 4000, 1994
Raumgleiter! Sensation! DER Schritt ins nächste Jahrtausend! Die Bike-Szene geriet beim Jubeln schier in Atemnot, als Cannondale seinen aus Alu-Blöcken geraspelten Prototyp vorstellte: Vollfederung, Scheibenbremsen, 9,1 Kilo Gewicht. Und das Beste: Firmen-Chef Scott Montgomery versprach seinen Hut zu fressen, wenn das Rad nicht nächstes Frühjahr in die Läden käme. Die BIKE-Prognose: „Sensationell! DIE Zukunft!“ (Dann fiel der Autor wohl vor lauter Hyperventilation vom Bürostuhl). Und dann? Montgomery kaute medienwirksam seinen Hut, den er vorher noch mit Salat garnierte.


Shimano Airlines, 1997
Der Sahne-Syphon muss als Vorbild gedient haben: Mit Druckluft versuchte Shimano, die Gänge pneumatisch in Position zu pusten. Passend nannten die Japaner ihre Erfindung „Airlines“. Das extrem aufwändig gebaute Teil funktionierte, litt nach Tausend Schaltbewegungen aber an Luftnot und musste mit Kartuschen reanimiert werden. Die BIKE-Prognose: Was sonst, als DIE Sensation? Und dann? Ein paar Sammler bestaunen das gute Stück heute in ihren Vitrinen. Ansonsten: vom Winde verweht.


Wendler/Starbrake, 1997
Wer sich dem Messestand von Jochen Wendler näherte, hatte auch schon den Aufkleber „Subb’r Wendler!“ irgendwo auf seinen Textilien pappen. Bald waren die Aufkleber alle, denn die hydraulische V-Brake wollte einfach jeder sehen. Die BIKE-Prognose: Was nur ist die Steigerung von Sensation? „Wow!“, fasste der Tester die ersten Bremsungen zusammen und schickte überschwänglich hinterher: „Subb’r Wendler!“ Und dann? Laden, Singletrail, Tonne: Der hydraulisch gesteuerte Kreislauf war ein äußerst kurzer. Die Qualität der eilig aufgelegten Serienbremse war alles andere als „subb’r“. Wendler sprach von Abzocke durch den Produktionspartner und miesen Deals. Was genau passierte, nahm die Bremse mit ins Grab.


Koppelberg „One-Arm“, 1995
Das Urteil von Amtsrichter Günter Koppelberg fiel gnadenlos aus: Die Funktion von Tele-Gabeln sei für ihn eine persönliche Beleidigung. Also ging er nach Feierabend selbst zu Werke. Das Ergebnis: Eine seltsam anmutende Einarmgabel mit stolzen 70 Millimetern Federweg, auf deren Achse das Laufrad über ein riesiges Gleitlager rotierte. Koppelberg kündigte vollmundig an, darauf 100.000 Kilometer einwandfreie Funktion zu garantieren. Die BIKE-Prognose: „Test mit Auszeichnung bestanden“, lobte Reporter Eddie Wagner und stellte den Titel „beste Gabel der Welt“ in den Raum. Auf jeden Fall war er sich sicher: „Sensation! Koppelberg for President!“ Und dann? Gabel und Erfinder verschwanden von der Bildfläche – ohne 100.000 Kilometer, ohne Präsidentenamt.


Noleen Smart Shock, 1998
Noch nie schien der Bike-Sport so eng mit der Formel 1 verkumpelt, wie bei der gigantisch aufgezogenen Präsentation von „The Brain“. So hatten die Noleen-Ingenieure ihren neuen Dämpfer genannt, weil sich dieser elektronisch gesteuert der Fahrbahn anpasste. Sorry: anpassen sollte. Die BIKE-Prognose: Die Kontrollelektroden leuchteten schön, sonst war nicht viel zu spüren und erst recht nichts zu messen. Doch was tun, wenn die ganze Fachwelt angeblich noch nie so schnell und komfortabel unterwegs war, wie mit dem vermeintlichen Wunderdämpfer? Logo, man spürt lieber auch erst mal etwas. Nämlich, dass „dieses Teil für Furore sorgen könnte.“ Und dann? Der Umsatz von R6-Batterien stieg kurze Zeit furios an. Dann erloschen die nutzlosen, gefräßigen LEDs für immer.


(Text: Henri Lesewitz)


Lesen Sie das BIKE Magazin. Einfach digital in der BIKE-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag