Grauer Star: "Call it Punk!"-Patria im Pegoretti-Style Grauer Star: "Call it Punk!"-Patria im Pegoretti-Style Grauer Star: "Call it Punk!"-Patria im Pegoretti-Style

Patria Custom Gravel-Mountainbike

Grauer Star: "Call it Punk!"-Patria im Pegoretti-Style

  • Henri Lesewitz
 • Publiziert vor einem Jahr

Der Klimawandel ist nur ein Grund mehr für BIKE-Chefredakteur Henri Lesewitz, wann immer es geht Mountainbike statt Auto zu fahren. Aber braucht man zum Kilometerschrubben echt ein spezielles Bike?

Der Meeresspiegel steigt, die Polkappen schmelzen. Der Klimawandel ist nur ein Grund mehr für Henri Lesewitz, wann immer es geht Mountainbike statt Auto zu fahren. Aber braucht man zum Kilometerschrubben wirklich ein spezielles Bike? Ein Custom-Made-Report.

Trends verwelken wie Primeln. Erst blühen sie zur Mode heran. Dann werden sie vom nächsten Trend ins Jenseits befördert, wo sie auf dem Komposthaufen der Geschichte verrotten. Das ist mit Klamottenstilen so. Mit Musikrichtungen. Mit Technik sowieso. Die Zeit killt alles. Nur nicht echte Leidenschaft.

Was mich betrifft, so haben sich drei Dinge in meinem Leben als unverrottbar herausgestellt. Die Liebe zum Punkrock. Die Liebe zum Biken. Und die Liebe als solches.

Genau dreißig Jahre ist es her, dass ich bei "Radsport Paul" im Städtchen Eilenburg in der Nähe von Leipzig stand und mir ein Mountainbike kaufte. Es war die erstmögliche Minute meines Lebens, in der ich das tun konnte. Das Land, in dem ich aufgewachsen war, die Deutsche Demokratische Republik, lag röchelnd am Boden. Das neue Land, die wiedervereinigte Bundesrepublik, war schon beschlossen, aber noch Zukunft. Eine süße Mischung aus Wild West und Aufbruch lag über dem grauen, bröseligen Osten. In der Nacht war die DDR-Mark schon mal in D-Mark umgetauscht worden. Und nun stand ich Punkt 9:00 Uhr in diesem kleinen Kabuff von Laden und kaufte mir für damals unvorstellbare 1059 West-Mark das einzige Mountainbike, das in diesem Laden stand: ein Winora Power Pro.

Henri Lesewitz Ohne Geld ist Freiheit nichts weiter als ein Wort mit acht Buchstaben. Es sei denn, man besitzt ein Mountainbike. Mit diesem Winora Power Pro, gekauft am Tag der Währungsunion, erlebte unser in der DDR aufgewachsener Autor zum ersten Mal in seinem Leben echte, grenzenlose Freiheit. 

Ich war achtzehn, ehemaliger Kader-Radsportler, Punk. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was man mit einem Mountainbike genau macht. Aber die Karre sah höllenmäßig radikal aus. Und ich spürte, dass es der Schlüssel zu dem ist, von dem ich nach meiner Kindheit im Menschengehege DDR mindestens ebenso träumte wie von der großen Liebe: Freiheit! Grenzenlose, große, romantische Freiheit. Wie in den Abenteuerbüchern. Das Winora mit seinen geländegängigen Reifen und 21 Gängen schien perfekt. Ich werde nie den Moment vergessen, als ich Minuten nach dem Kauf testweise von der Straße in einen Waldweg bog und unter den Reifen sanft der Schotter knirschte.

Heute bin ich achtundvierzig, zweifacher Vater, verheiratet, vollberufstätig, zahnersatzzusatzversichert. Vieles hat sich verändert. Die Welt. Die Mode. Auch das Biken. Die Evolution in den letzten 30 Jahren verlief so heftig, dass sich selbst die simple Frage kaum noch beantworten lässt: Was genau ist das eigentlich, Mountainbiken? Ebenso gut könnte man fragen, was Musik sei. Angesichts der ganzen Sparten und Unterarten ist eine klare Definition so gut wie unmöglich.

Dennoch könnte ich für mich den Kern vom Biken mit einem einzigen Wort charakterisieren: Freiheit. Man fährt mit der Kraft der Banane von A nach B. Schotterpiste, Singletrail, Feldweg? Gebirge, Heide, Wüste? Völlig egal. Ein Bike sollte alles mitmachen und niemals nerven, weswegen ich trotz all der stolzen, schönen, bequemen Enduro-Fullys noch immer Hardtails bevorzuge. Je komplizierter Technik ist, desto divenhafter ist sie meist auch.

Thomas Dietsch Schon irre, was man mit zwei Rädern und ein paar zusammengeschweißten Rohren erleben kann. Mountainbiken – die Ausweitung des Aktionsradius ins schier Unendliche. Hier hat Henri Lesewitz mit seinem 27,5-Zoll-Hardtail den Khardung-La-Pass im Himalaya erklommen, der mit 5602 Metern als höchster befahrbarer Pass der Welt gilt ( BIKE berichtete ). Der 27,5-Trend war kurz darauf so tot wie Elvis. Das Erlebnis blieb. 

Ich traf Michael Manck im tschechischen Singletrail-Paradies Nové Město pod Smrkem . Mir war sein grellpink lackiertes Stahl-Fully aufgefallen, auf dem der Name Patria stand. "Patria, war das nicht die Marke, die suburbane Hosenklammerradler so gerne fahren?", zuckte es mir durch den Kopf. Wie sich herausstellte, war Michael Entwickler bei Patria. Das Fully hatte er sich selbst geschweißt. Freestyle, nur für sich. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte von den Patria-Maßrahmen, die auf Grundlage aufwändiger Kundenvermessungen entstehen; von der Möglichkeit, Beschwerden wie etwa Knieprobleme, mit einer speziellen Geometrie entgegen zu wirken.

Ich hörte gebannt zu, denn seit Jahren plagten mich bei Langstrecken gelegentlich Kniereizungen. Nicht bei kurzen Langstrecken unter 100 Kilometer. Aber bei echten, taffen Ausdauerprüfungen wie der berühmt-berüchtigten Salzkammer-Trophy , bei der man sich 211 Kilometer und mehr als 7000 Höhenmeter am Stück in die Beine drückt. Was Michael erzählte, klang spannend. Denn in meinem Kopf nistete schon länger die Idee, mir einen kompromisslosen, maximal strapazierfähigen Kilometerflitzer aufzubauen. Ein Bike für Alltagstouren und Bikepacking-Abenteuer. Ohne Schnörkel, ohne Schnickschnack. Ein Bike wie ein Punkrock-Song. Geschmiedet aus purer, ungezügelter Leidenschaft, scheißegal, welche Mode der Markt gerade diktiert. Die Frage war nur: Ein Patria? Gemuffter Stahl, Trekkingbiker-Image. Echt jetzt?

Henri Lesewitz Michael Manck ist Entwickler bei Patria und ein Experte für Rahmengeometrien. Er empfahl unserem Autor einen Maßrahmen. 

Ich kenne mich ziemlich aus mit Custom-Schmieden. Die Stars der Rahmenbau-Szene heißen Wiesmann, Firefly, SingleBe, DeKerf und Co. Die Bielefelder Manufaktur Patria werkelt – was Mountainbikes anbelangt – völlig unterm Radar. Sie ist spezialisiert auf Reiseräder. Das Hauptklientel sind gut situierte Genussradler mit Öko-Touch. Die Schmiede existiert seit 1898, der Familienbetrieb wird inzwischen in dritter Generation geführt. Damit die Räder optimal passen, werden Kunden, die sich für einen Maßrahmen interessieren, knapp eine Stunde lang auf dem eigens konstruierten "Velochecker" vermessen. Nachdem ich diverse Geometrie-Varianten unter Intervall-Bedingungen probiert hatte, notierte Michael die Werte. Er bat mich in den folgenden Wochen mehrmals, mich auf die Geometrie einzulassen. Sie würde völlig anders sein, als jede, die ich bisher gefahren sei, kündigte er an.

"Du tendierst zum Sitzriesen. Deine Oberschenkel sind im Verhältnis zum Oberkörper recht kurz. Du brauchst sehr lange Rahmen mit steilen Sitzrohrwinkeln und dazu kurze Kurbeln", so seine Zusammenfassung. Sitzriese? Mir wurde mulmig.

Nach Monaten des Wartens, endlich. Erste Fotos per Mail, die den roh gelöteten Rahmen zeigten. Darunter die Frage von Michael nach der Wunschfarbe für die Pulverbeschichtung. Alle RAL-Töne seien möglich, allerdings keine mehrfarbigen Designs. Ich versuchte es dennoch. Ob man nicht eventuell doch einen wilderen Look hinbekommen könne?, schrieb ich Michael. Seine Antwort: "Okay, ich kann mal was versuchen. Aber das ist wirklich nur speziell für Dich. Das kann man so nicht bestellen. Bisschen dreckig, nix sauber abkleben, viel dem Zufall überlassen, Pegoretti-Stil."

Dario Pegoretti! Der leider viel zu früh verstorbene Rahmenbau-Künstler, der jeden seiner Rennrahmen mit Pinsel zum Unikat machte! Ich spürte die Flammen der Begeisterung bis unter die Schädeldecke knistern.

Dominik Asbach In der MTB-Szene ist der Name Patria eher unbekannt. Dabei existiert die Manufaktur aus der Nähe von Bielefeld schon seit 1898. Patria-Rahmen werden traditionell gelötet. Das wirkt im Zeitalter von Carbon fast altertümlich, ermöglicht aber eine materialschonende Verarbeitung und damit maximale Haltbarkeit. 

Dominik Asbach Keine Sorge, dieses Foto stammt nicht aus der Firmenkantine. In dem Topf befindet sich Flussmittel, mit dem die Oxidation der Metalle beim Löten verhindert wird. 

Michael Manck Der Rahmen für Henri, noch splitternackt und roh nach dem Löten. Patria ist eine der wenigen Firmen weltweit, die Mountainbikes mit Muffen baut. Um die Lenkkopfsteifigkeit zu erhöhen, wird der untere Bereich des Steuerrohrs mit einem zusätzlichen Eckblech (engl.: gusset) verstärkt. 

Wochen vergingen. Dann traf der Rahmen schließlich bei mir ein. Ich war begeistert, wurde eine gewisse Skepsis aber nicht los. Die Lackierung war super. Frisches Schiefergrau, darauf Streifen und der Schriftzug: "Call it Punk!" Was großartig zum Projekt passt, denn Punk bedeutet im Kern ja das Brechen festgefahrener Strukturen und Regeln. Auch die Muffen, die aus einem anderen Jahrhundert zu stammen schienen und wie blanke Ironie auf das Carbon-Zeitalter wirken, fand ich genau wegen dieser Modeverweigerung lässig. Relativ schwer war der Rahmen, zweieinhalb Kilo. Vor allem aber wirkte er extrem lang. Zu lang irgendwie. Ich beschloss, ihn erst mal probeweise mit Teilen meines Marathon-Bikes aufzubauen.

Ich kurbelte los. Verblüffend. Das Patria passte wie angegossen. Die Kraftübertragung war perfekt. Die Sitzposition nahm in Kombination mit den 170er-Kurbeln merklich Druck von den Knien. Und obwohl der Rahmen knapp fünf Zentimeter länger war, als mein gewohntes Marathon-Bike, saß ich bequem. Wie konnte das sein? Die Antwort: Durch den steilen Sitzwinkel, der effizienteres Treten ermöglicht, saß ich weiter vorne über dem Tretlager. Das längere Oberrohr machte die Sitzposition nicht gestreckter, sondern glich das Nachvornerutschen aus.

Schon wenige Tage später kurbelte ich eine 140 Kilometer lange Mountainbike-Tour ab. Kniebeschwerden, Schulterverspannungen: keine. Dann war es an der Zeit, die Ausstattung zu optimieren. Wochen später war der Schotterflitzer fertig. Meine Interpretation eines punkrockmäßigen, moderesistenten Gavel-Mountainbikes. Ein Rad, dafür gemacht, um die Welt zu entdecken. Es gibt so viele schöne Kilometer auf diesem Planeten. Wäre doch jammerschade auch nur einen davon zu verpassen, nur, weil man sinnlos einem Trend oder einer Mode hinterher gehechelt ist.


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Bilderstrecke: "Call it Punk!"-Patria von Henri Lesewitz

Michael Manck Der im freshen Kuntergrau lackierte Rahmen kurz vor dem Versand. Auf dem Foto sind die ungewöhnlichen Proportionen gut zu erkennen. Das Oberrohr ist deutlich länger als bei einer Standard-Geometrie. Praktisch: Die Schlitten-Ausfallenden, mit denen sich der Radstand je nach Einsatz etwas variieren lässt. 

Henri Lesewitz Passt die Geometrie? Unser Autor war skeptisch und baute den Rahmen erst mal probeweise mit Teilen seines Marathon-Bikes auf. Bei einer ersten langen Tour von München nach Österreich wurde aber schnell klar: Das Patria passt perfekt. 

Henri Lesewitz Jungfernfahrt, die Zweite: Der eigentliche Aufbau zog sich. Die Teile sollten maximal robust, langlebig und stressfrei sein. Da extrem verblocktes Gelände beim Gravel-Mountainbiken eher die Ausnahme ist, wurde auf eine Federgabel verzichtet. 

Henri Lesewitz Hübsch: Das Aufeinandertreffen von Rohr und Muffe. 

Henri Lesewitz Obwohl die originale Steuerrohr-Plakette mit dem Schriftzug "Patria – Seit 1898" lässig aussieht, sollte ein Kunstwerk von Jen Green ans Bike. Nach einer handgemalten Vorlage von Henri fertigte die amerikanische Headbadge-Designerin diese Plakette. Das Motiv symbolisiert die drei Säulen bzw. Konstanten in Henri's Leben: Bike, Punk, Liebe. Kosten: 160 Euro. 

Henri Lesewitz Die Vorlage für die Plakette.

Henri Lesewitz Normalerweise bietet Patria nur einfarbige Pulverbeschichtungen an. Nachdem Henri seinen Patria-Kontakt Michael mehrfach nach Möglichkeiten für einen exklusiveren, punkigeren Look gefragt hatte, war dessen kreative Lust geweckt. "Call it Punk", schrieb Michael aufs Oberrohr. Perfekt! 

Henri Lesewitz Die Firestarter-Gabel von Salsa Cycles bietet diverse Aufnahmen für Licht, Gepäckträger und/oder Zusatz-Flaschenhalter. Ohne Anbauten erinnert die Schräubchen-Parade an die Optik eines Nietenarmbandes. 

Henri Lesewitz Punkrock-Fans erkennen die Hommage an die legendären Vandals und ihre großartige Platte "Hitler bad, Vandals good." Die Gabel bot Raum für Notizen. Also kritzelte Henri ein bisschen drauflos. 

Henri Lesewitz Funktion und Style: selbst genähter Kettenstreben-Schutz aus Plüsch. 

Henri Lesewitz Die Kurbeln sollten leicht, schick und ultrastrapazierfähig sein. Die M30 der US-Kultschmiede White Industries sind all das. Die 30-Millimeter-Achse dreht sich sanft im aufwändig gedichteten BSA-Lager der Firma.  

Henri Lesewitz Keine andere Zubehör-Firma nimmt die Themen Langlebigkeit, Funktion und Nachhaltigkeit so erst wie die Lager-Spezialisten von Chris King aus Portland/USA. Die Teile gelten als unzerstörbar. Jedes King-Produkt wird so ökologisch korrekt wie nur irgendwie möglich hergestellt. Für jedes jemals hergestellte Produkt der inzwischen mehr als 40 Jahre alten Firma gibt es Ersatzteile. Die Naben mit dem sagenumwobenen "Angry Bee"-Freilaufsound sind teuer, ihr Geld aber absolut wert. 

Henri Lesewitz Wer gerne länger auf dem Bike sitzt, der weiß, wie wichtig ein bequemes Cockpit ist. Die Münchner Firma SQLab hat sich auf ergonomisches Zubehör spezialisiert. Der Carbon-Bügel 311 FL-X korrigiert mit seiner 16-Grad-Kröpfung (Backsweep) die Handstellung und filtert dank Flex kleine Vibrationen. 

Henri Lesewitz Top Verarbeitung, faire Preise: Scott’s Hausmarke Syncros bietet eine große Bandbreite an erstklassigem Zubehör. Der Vorbau aus der XR 1.5-Linie sieht schick aus, ist solide gefertigt und kostet nur knapp 60 Euro. 

Henri Lesewitz Hundert Prozent wartungsfreundlich: Außen verlegte Züge. 

Henri Lesewitz Die Sram Eagle-Schaltung vereint Leichtbau und Zuverlässigkeit. Am Patria tut die klassische, mechanische Variante ihren Dienst

Henri Lesewitz Filigrane Optik, brachialer Biss und made in Freiburg: Die Vierkolben-Stopper "Direttissima" der Bremsenmanufaktur Trickstuff haben sich auf tausenden Kilometern bewährt. Die Ur-Version, einst unter dem Namen "The Cleq" bekannt geworden, hatte übrigens der damalige BIKE-Redakteur Christopher Hug entwickelt.

Wolfgang Watzke Das Patria in seinem Element: Bei der Gravelbike-Challenge Orbit 360 kneten sich Henri (li.) und seine Kumpels Thomas und Martin (re.) in einem 17 Stunden langen Ritt 263 Kilometer und 3400 Höhenmeter in die Beine. Den Bericht dazu gibts in BIKE 11/2020 .

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