Bis dato rollte das Specialized Chisel ausschließlich als fesches Hardtail über die Trails und konnte einst sogar einen Testsieg bei den Einsteiger-Hardtails in BIKE gewinnen. Die Besonderheit des filigranen Alurahmens steckt im Schweißverfahren des Chassis. Specialized spricht von der D’Aluisio-Smartweld-Technologie, bei der hydrogeformte Rohrverbindungen zum Einsatz kommen. Mit diesem Kniff können die Schweißnähte der perfekt zueinander passenden Rohre an weniger beanspruchte Stellen wandern, was sich positiv auf das Gewicht und die Festigkeit auswirkt.
Das gleiche Verfahren wenden die Kalifornier seit Kurzem auch bei ihrem neuesten Wurf, dem Specialized Chisel FS, an. Zusätzlich verfügt das Chisel über ein hydrogeformtes, einteiliges Sitzrohr, bei dem sowohl Tretlagergehäuse als auch Lagersitze bereits integriert sind. Mit diesem Aufwand kommt der Rahmen auf ein Gewicht von 2559 Gramm, was laut Aussage von Specialized absolute Benchmark in diesem Segment ist. Genau wie das Hardtail richtet sich auch das neue Fully an preisbewusste Fahrer, die zwar gerne auf Carbon, aber weniger auf Funktion verzichten wollen.
Beim Chisel FS hatte Specialized vor allem Racer im Auge, was die starke Anlehnung an das Worldcup-Flaggschiff Epic 8 erklärt. Beim sündteuren Carbon-Bruder hat sich das Chisel FS nicht nur die Geometrie, sondern auch die Kinematik des Hinterbaus abgeschaut. Ein Blick in unsere Testdatenbank verrät, dass das Chisel FS tatsächlich in den meisten Punkten deckungsgleich liegt. Den größten Unterschied machen der 1,2 Grad flacherer Sitzwinkel, das 15 Millimeter längere Steuerrohr und den minimal kürzeren Reach aus. Mit diesen minimalen Abweichungen haucht Specialized dem Chisel FS etwas mehr Komfort als dem kompromisslosen Epic 8 ein und entschärft die gestreckte Sitzposition.
Auf dem Trail verfügt das Chisel FS dennoch über eine leicht sportliche Sitzposition, die eine gute Länge mit sich bringt und auch in steilen Anstiegen für genügend Druck auf dem Vorderrad sorgt. Im Wiegetritt pumpt der Hinterbau, lässt sich aber per Plattformhebel beruhigen. Eine Remote-Option gibt es in dieser Preisklasse noch nicht. Dank des 760er Lenkers behält man auch in fordernden Trails die Kontrolle und profitiert vom laufruhigen 66,4er Lenkwinkel. Das Chisel FS ist damit nicht nur auf der Rennstrecke, sondern auch im Trail-Einsatz absolut richtig platziert. Bei einem Preisschild von 2600 Euro und dem aufwendig gemachten Alurahmen bleibt wenig Spielraum, was die Ausstattung angeht. So tut das Fahrwerk, was es soll und generiert Komfort, bietet aber vergleichsweise wenig Dämpfungskontrolle. Auch bei den Bremsen muss man Abstriche in Kauf nehmen. Die Sram Level T verzögert nur schwach und sorgt auf langen Abfahrten schnell für dicke Unterarme. Positiv hingegen setzen sich die Specialized-Reifen in Szene: Sie rollen gut, sorgen durch das große Volumen für Komfort und bieten anständigen Grip. Laufräder und Kurbeln mit günstigem Powerspline-Innenlager bieten wenig Grund zum Jubeln. Hier ist definitiv noch Potenzial vorhanden. Das nächste Chisel mit Shimano SLX Ausstattung kostet 700 Euro mehr.
BENOTUNG: Das BIKE-Urteil setzt sich aus den subjektiven Eindrücken der Testfahrer und unseren Labormesswerten zusammen. Das Urteil ist preisunabhängig. Notenspektrum: sehr gut (0,5–1,5), gut (1,6–2,5), befriedigend (2,6–3,5), ausreichend (3,6–4,5), mangelhaft (4,6–5,5).
Das Chisel FS ermöglicht einen günstigen Einstieg in Specializeds Fully-Welt. Während der schön gemachte Alurahmen überzeugt, muss man bei der Ausstattung mit Abstrichen leben.