Barbara Merz-Weigandt
· 08.02.2026
Als ich das Liv Intrigue X Advanced E+ Elite 2 zum ersten Mal aus dem Testkeller rolle, ist da sofort dieses leise Gefühl von Vorfreude. Nicht, weil es unbedingt ein Damen-E-Mountainbike hätte sein müssen. Sondern weil dieses Bike etwas ausstrahlt: Leichtigkeit, Eleganz, ein selbstbewusstes Lila mit Metallic-Schimmer. Inzwischen liegen viele Kilometer hinter uns. Hometrails, lange Touren, alpine Abfahrten. Zeit also, Bilanz zu ziehen.
Bei der Wahl der Rahmengröße war ich zuerst unsicher. Größe L, bei 1,75 Metern Körpergröße – laut Tabelle gerade noch passend. Beim ersten Draufsitzen fühlte ich mich fast ein wenig zu hoch. Ich schob die Sattelstütze ganz nach unten und fuhr los.
Auf dem Trail passte alles. Die Sitzposition empfand ich schnell als stimmig, das Bike wirkte nicht sperrig, sondern ausgewogen.
Meine Hometrails zwischen Starnberger See und Garmisch-Partenkirchen kenne ich gut. Zu gut vielleicht. Früher waren da diese Passagen, bei denen der Puls unweigerlich Richtung 180 kletterte. Heute fahre ich sie – ich staune selbst – erstaunlich gelassen hoch. Das Liv unterstützt sanft, unaufgeregt, fast höflich. Kein ruckartiger Schub, kein Ziehen am Lenker. Das Vorderrad bleibt fest am Boden, selbst in steilen Rampen. Ein Grund dafür ist die Geometrie, die sich per Flipchip anpassen lässt. Ein kleines Detail, das im Alltag viel ausmacht. Ich sitze ausgewogen, nicht zu sportlich, nicht zu komfortabel – genau richtig für lange Tage auf dem Trail. Wenn es bergab geht, zeigt das Fahrwerk, was in ihm steckt. Druck- und Zugstufe sind ab Werk auf leichtere Fahrerinnen abgestimmt, und das merkt man sofort. Die Gabel spricht fein an, selbst mit wenig Luftdruck. Unebenheiten verschwinden fast beiläufig, ohne dass das Bike an Präzision verliert. Beim BIKE Women Camp am Molvenosee, auf den technisch anspruchsvollen Trails der Dolomiti Paganella Bike Region, wächst mein Vertrauen mit jeder Abfahrt. Ich lasse es laufen, spiele mit dem Gelände – und merke irgendwann, dass ich nicht mehr darüber nachdenke, ob das Bike mitmacht. Es tut es einfach.
Bisher war das Liv eine zuverlässige Begleiterin. Aber irgendwann kommt diese Frage, die sich jede Fahrerin eines Light-E-MTBs stellt: Reicht der Akku auch für richtig lange Touren? Die Antwort suche ich auf einer Runde von Latsch über die Highline Meran – ohne Lift, dafür mit viel Eigenleistung. Nach knapp 1200 Höhenmetern blinkt der letzte Akkubalken orange. Ein paar Kurbelumdrehungen später ist Schluss mit Unterstützung. Also Trinkflasche raus, Range Extender rein. Er lag bisher unauffällig im Rucksack und wiegt samt Kabel nur 1,2 Kilo. Direkt nach dem Anschließen zeigt das Display wieder zwei weiße Balken. 200 zusätzliche Wattstunden. Genug, um die Tour zu Ende zu fahren.
Kilometer / Höhenmeter 1200 km / 22365 hm
Funktionalität 6/6 Punkte
Haltbarkeit 4/6 Punkte
Am Ziel angekommen stehen 64 Kilometer und 2073 Höhenmeter im Fahrtenbuch – und die ehrliche Erkenntnis: Ohne Unterstützung hätte ich das so nicht geschafft. Wie Mogeln fühlt es sich dennoch nicht an, sondern vielmehr wie eine Einladung, weiterzufahren.
Der SyncDrive-Pro2-MG-Motor sitzt in einem Magnesiumgehäuse, ist leicht – und trotzdem alles andere als zurückhaltend. 85 Newtonmeter Drehmoment sind eine Ansage, gerade in dieser Gewichtsklasse. Sechs Sensoren sorgen dafür, dass die Unterstützung genau dann kommt, wenn ich sie brauche. Besonders beim Anfahren in steilem Gelände ist das spürbar: kein Leerweg, kein Zögern. Manchmal fast ein bisschen zu sensibel. Wer es ruhiger mag, kann das Ansprechverhalten per App drosseln. Ich lasse es meist so, wie es ist.
Nicht alles ist perfekt. Der Hebel der Sattelstütze ist zu schwergängig. Ich brauche volle Handkraft, um ihn zu betätigen. Das stört, gerade auf technisch verspielten Trails. Ein Detail, ja – aber eines, das auffällt. Kurz vor Ende des Dauertests trifft mich dann doch noch ein herber Schlag. Eine geplante Herbsttour zur Hochthörle Hütte und weiter rund um das Zugspitzmassiv endet nicht auf einer sonnigen Alm, sondern unspektakulär auf dem Parkplatz am Eibsee. Die Vorderradbremse versagt – plötzlich, ohne Vorwarnung. Kein Druckpunkt, kein Verzögern. Pumpen hilft nicht, Nachjustieren auch nicht. Diagnose: Ein gebrochener Keramikkolben in der Shimano-Bremse. Ein Problem, das offenbar schon länger bekannt ist. Nun bin auch ich Teil dieser Statistik.
So endet die Saison nicht im goldenen Licht des Spätherbstes, sondern im nüchternen Werkstattkeller. Statt Aussicht gibt es Beton, statt Panorama Ersatzteile. Die neue Bremse ist bestellt, das Bike steht still. Und doch fühlt sich dieses Ende weniger wie ein Abschied an – mehr wie eine kurze Beziehungskrise. Zu viel Leichtigkeit, zu viele gute Tage auf dem Trail liegen hinter uns. Das Liv hat mir Räume eröffnet, Reichweite geschenkt, Vertrauen aufgebaut. Deshalb bekommt es in der nächsten Saison wieder eine Chance. Beziehungen, die tragen, überstehen auch einen Bruch – selbst einen aus Keramik.
Das Liv nimmt mir das Fahren nicht ab, sondern erweitert meinen Radius – bergauf wie bergab. Der Yamaha-Motor erwies sich als zuverlässiger Begleiter und ließ mich nie im Stich. Enttäuscht haben mich dafür die frühen Verschleißerscheinungen an den Shimano-SLX-Komponenten. Diese Schwächen treten jedoch in den Hintergrund, wenn man auf Touren plötzlich weiter kommt, als man es sich selbst zugetraut hätte.