Am liebsten würde ich es behaltenDas Liv Intrigue X im Dauertest-Finale

Max Fuchs

 · 27.03.2026

Franzi ist Bike-Guide und leidenschaftlich ganzjährig auf dem Trail unterwegs. Seit Februar 2025 nimmt sie das Liv Intrigue X Advanced 1 im Dauertest unter die Lupe – auf Tour, im Alltag und im Bikepark. Nach einem Jahr ist es Zeit für die Abrechnung.
Foto: Max Fuchs

Leicht, vielseitig, frauenspezifisch – seit Februar 2025 spult unsere Dauertestfahrerin Franzi fleißig Kilometer auf das Liv Intrigue X Advanced 1 ab. Nach einem Jahr ist es Zeit für die Abrechnung: Was hält – und was nicht? Und bringt ein Trailbike speziell für Frauen tatsächlich Vorteile?

Dauertest-Fazit zum Liv Intrigue X Advanced 1

Das nenne ich mal sorglosen Fahrspaß. Ein Jahr lang – von Februar bis Februar – hat das Liv Intrigue X intensive Kilometer einstecken müssen. Pflege? Wartungsarbeiten? Nur das Nötigste. Und trotz allem steht das Liv nach über 2.000 Kilometern und 73.441 Tiefenmetern da wie eine 1. Dazu noch das gelungene Fahrverhalten und der frauenspezifische Anstrich, und das Bike verkörpert für mich den Prototypen eines Do-it-all-Bikes. - Franzi Königer, BIKE-Dauertesterin

Als klar war, dass ich ein frauenspezifisches Bike testen soll, dachte ich ehrlich gesagt: „Brauche ich das wirklich?“ Nicht aus Skepsis, sondern weil ich mich mit Frauen-Geometrien und Co. bisher nie beschäftigt hatte. All die Unisex-Bikes, die ich bislang gefahren bin, gaben mir nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Aber neugierig war ich trotzdem, schlug ein – und so begann unsere kleine Liebesgeschichte.

​Die Fakten zum Liv Intrigue X Advanced 1

MerkmalAngabe
Im Test seit:Februar 2025
Kategorie:All Mountain
Preis:5.999 Euro
Federweg:150 mm vorn / 140 mm hinten
Laufradgröße:29 Zoll
Gewicht:14,02 kg
Rahmengröße:M
Kilometer :2063
Tiefenmeter :73441
Gabel :Fox 36 Performance Elite
Dämpfer :Fox Float X Performance Elite
Laufräder :Giant Carbon-Laufräder

Understatement trifft Eleganz

Das Liv Intrigue X Advanced 1 kostet 5.999 € und repräsentiert das Mittelmaß innerhalb der Modellfamilie. Optisch wirkt es schlicht und edel: schwarzes Carbongewand, goldene Schriftzüge – kein schrilles Blingbling, sondern zurückhaltend stilvoll. Mit 150 mm Federweg vorne, 140 mm hinten und 29er-Laufrädern an Heck und Front gibt sich das Intrigue X eindeutig als Trailbike zu erkennen. Mein persönliches Highlight direkt nach dem Auspacken: die Laufräder mit Tubeless-Setup ab Werk. Ohne die nervige Dichtmilch-Sauerei musste ich lediglich den Lenker kürzen, und schon konnte ich die erste Ausfahrt starten. Unkomplizierter geht’s nicht!

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​Sattelergonomie? Wie aus dem Lehrbuch!

Von meinen bisherigen Bikes bin ich es gewöhnt, den Sattel noch vor der ersten Ausfahrt zu tauschen. Als erstes frauenspezifisches Komplettbike wollte ich dem hauseigenen Sattel von Liv aber zumindest mal eine Chance geben. Und siehe da: Überraschung! Der Liv Sylvia blieb drauf. Komfort-Level 100! Der Sattel passte mir derart gut, dass ich ihn auch weiterfuhr, selbst nachdem eine der Streben bei einem Sturz verbog und er leicht schief stand. Auch die Liv-Griffe fühlen sich an, als hätte man sie mir auf den Leib geschneidert, was ich bei einem Unisex-Bike noch nie erlebt habe. In Sachen Geometrie blieb der Aha-Effekt aus. Das Bike passt mir zwar wie angegossen, mit der richtigen Rahmengröße habe ich bislang aber auch bei anderen Bikes immer einen guten Fit erzielt.

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Eine neue Welt im Uphill

In Sachen Uphill-Performance hat das Liv meine bisherigen Maßstäbe komplett über den Haufen geworfen. Bergauf fühlt sich das Bike super leichtfüßig und effizient an – fast so, als wäre ich über Nacht plötzlich um einiges fitter geworden. Den Dämpfer fuhr ich die meiste Zeit offen. Nerviges Wippen? Fehlanzeige! Neben dem effizienten Fahrwerk verleihen vor allem die leichten Carbon-Laufräder dem Liv seinen ausgeprägten Vortrieb. Das angenehme Rollverhalten der Maxxis-Reifenkombi tut ihr Übriges.

Viele Setup-Möglichkeiten, viel Eingewöhnungszeit

Bergab lief es anfangs etwas holprig zwischen uns beiden. Es mangelte an Kontrolle über das Vorderrad, als hätte ich zu wenig Druck auf der Front. Nicht dramatisch, aber etwas mehr Fahrsicherheit habe ich mir dann doch gewünscht. So richtig „Klick“ gemacht, hat’s deshalb in den ersten Abfahrten nicht.

Zum Glück verfügt das Liv über genügend Möglichkeiten, die Geometrie so feinzu­tunen, dass ich am Ende doch noch im Setup-Sweetspot landete. Egal ob Lenkwinkel, Sitzwinkel, Tretlagerhöhe oder Reach – über den Flip-Chip an der Dämpferwippe und den Offset-Steuersatz kann man das Fahrverhalten des Intrigue X grundlegend verändern. Nach viel Experimentierfreude entfalteten die exzentrischen Steuersatzschalen in der +5-Millimeter-Stellung die gewünschte Wirkung. Durch die etwas längere Front wandert nämlich der Schwerpunkt weiter über das Vorderrad, und der Radstand wächst minimal. Ergo: mehr Kontrolle über die Front und einen Ticken mehr Laufruhe.

Von da an blühte ich auf dem Liv auch bergab so richtig auf. Wir konnten gemeinsam unsere Grenzen ausloten. Auch schnelle Kurvenwechsel gelingen trotz des „Geometrie-Updates“ nach wie vor mit links. Der verspielte, präzise Charakter des Liv dominiert nach wie vor.

​Ein Jahr unterwegs: von Franken bis Finale Ligure

Im Laufe des Jahres bekam Liv die unterschiedlichsten Locations zu spüren: meine Hometrails in Franken, alpine Touren in Frankreich, Österreich und Italien, das Enduro-Paradies Finale Ligure und natürlich Bikeparks wie Klínovec oder Lac Blanc.

Auf unseren Hometrails überzeugte mich das Intrigue X Advanced 1 ganz besonders: spritzig bergauf, verspielt, aber dennoch sicher bergab. Die 150/140 mm Federweg schlucken Wurzeln, Steine und kleine Drops mühelos und erzeugten Traktion en masse. Dennoch verlieren auch zahmere Strecken durch den begrenzten Federweg nicht ihren Reiz, wie es bei so manchem federwegsbepackten Enduro oft der Fall ist.

Auch in den Alpen lieferte das Bike souverän ab. Klar: Wenn man 1.000 Tiefenmeter am Stück abfährt, ermüden Arme und Beine wegen der knappen Reserven vergleichsweise früh – hier war stets mein Durchhaltevermögen der limitierende Faktor. Denn das Bike an sich wirkte nie überfordert.

Im Downhill-Gelände im Bikepark zeigt das Intrigue X dann aber doch schnell seine Grenzen auf. Wo man mit Enduro-Bikes das Gas stehen lassen kann, erfordert das Liv Fingerspitzengefühl. Verpatzte Landungen verpuffen nicht unbemerkt im Federweg, und auf der falschen Linie wird man ordentlich durchgeschüttelt.

Mein Ausstattungshighlight: die Shimano-XT-Bremsen

Auf meinem eigenen Bike fahre ich eigentlich Trickstuffs Direttissima und dachte anfangs: „Okay, ein paar Wochen XT – dann wird umgebaut.“ Tja, falsch gedacht. Die XT-Bremsanlage konnte mich auf ganze linie überzeugen: suoer Ergonomie, schön kräftig und vor allem zuverlässig. Das nenne ich mal Preis-Leistungsstark! Die Haltbarkeit der Bremsbeläge kann sich auch sehen lassen. Vorne stand der erste Belagswechsel erst nach 52441 Tiefenmetern und 1340 Kilometern an. Das hinter Belagspaar hielt sogar noch länger durch.

Kleines Schmankerl zum Schluss: Highrise-Lenker

Gegen Ende der Testphase gönnte ich dem Liv noch ein Upgrade und wechselte auf einen Highrise-Lenker (Renthal, 70 mm). Das veränderte das Bike spürbar – und ich verliebte mich noch einmal neu. Ich stand aufrechter im Rad, satter auf den Pedalen und gewann sofort an Fahrsicherheit. Vor allem in steilen, technischen Passagen sorgte das für ein klares Plus an Kontrolle.

Mängelliste / Verschleißerscheinungen

Als Defekte könnte man höchstens die verbogene Sattelstrebe sowie einen verbogenen Bremshebel aufführen – beides Konsequenzen aus einem Sturz. Den Fox Foat X Dämpfer musste ich einmal einschicken, weil er Öl verlor. Dass ich wegen Druckpunktproblemen der XT einmal eine Kolbenmassage verpasst habe, zählt für mich zu den klassischen Wartungsarbeiten. Die abschließende Durchsicht im BIKE-Testlabor ergab Folgendes:

Laufrad vorneSpeichenspannung OK, leichter Achter (0,5 mm)
Nabe vornekein Spiel, leichtgängig
Laufrad hintenSpeichenspannung OK, leichter Achter (0,5 mm)
Nabe hintenkein Spiel, leichtgängig
Reifen vornemehrere Seitenstollen eingerissen
Reifen hintenviele Seitenstollen eingerissen
Bremse vorneDruckpunkt ok, Beläge OK, Scheiben unter Maß (1,3–1,4 mm)
Bremse hintenDruckpunkt ok, Beläge OK, Scheiben unter Maß (1,5 mm)
KetteLängung noch OK
Kettenblattleichte Verschleißspuren, aber OK
Kassetteleichte Verschleißspuren, aber OK
SchaltungSchaltverhalten OK
Innenlagerkein Spiel, leicht rau
Steuersatzkein Spiel, leichtgängig
GabelService dringend nötig, läuft zäh
DämpferOK
Hinterbaukein Spiel, leichtgängig
Sattelstützeseitlich viel Spiel, läuft leichtgängig, Remote funktioniert
Max Fuchs

Max Fuchs

Redakteur

Max Fuchs hat seine ersten Mountainbike-Kilometer bereits mit drei Jahren gesammelt. Zunächst Hobby-Rennfahrer und Worldcup-Fotograf im Cross-Country-Zirkus, jetzt Testredakteur und Fotograf bei BIKE. Sein Herz schlägt für Enduros und abfahrtsstarke Trailbikes – gern auch mit Motor. Bei der Streckenwahl gilt: je steiler und technischer, desto besser.

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