Adrian Kaether
· 19.11.2023
Obwohl das Haibike eQ Xduro damals noch mehr Aufsehen erregte: Für uns bei BIKE beginnt die Geschichte des E-Mountainbikes mit Flyer. Denn schon Jahre vor dem ersten Mountainbike mit Motor versuchte Flyer-Chef Kurt Schär, BIKE-Gründer Uli Stanciu fürs E-Bike zu begeistern. Stanciu blieb skeptisch. „Erst wenn du mir ein vernünftiges vollgefedertes E-MTB hinstellst, kann ich das Thema ernst nehmen.“ Und Stanciu hielt Wort. Gleich im September 2010 stürzte er sich gemeinsam mit einem nagelneuen Flyer X-Serie und und Radsport Legende Wolfgang Renner in ein ganz neues Abenteuer: Transalp mit dem E-MTB. Stanciu war begeistert.
>> Meilensteine des E-MTB: So hat sich das E-Mountainbike seit dem ersten Haibike von 2010 verändert
Vollgefedert, kräftiger Panasonic-Motor mit bis zu 300 Watt Leistung. Das Flyer X Serie war die Kulmination von Flyers diversen Prototypen-Versuchen, die der Schweizer E-Bike-Pionier schon ab Mitte der 2000er Jahre anstellte. Entscheidend für den Einsatz in den Bergen: Der für damalige Verhältnisse sehr große Akku mit 475 Wattstunden. Ganz anders als heute wurde der Akku hinter dem Sitzrohr platziert und setzt auf Lithium-Mangan-Zellen.
Das wirkt sich natürlich auch auf die Form des Bikes aus. Wegen Motor und Akku sind die Kettenstreben extrem lang. Der steile Lenkwinkel und der sehr lange Vorbau erinnern noch stark an ein Trekking-Bike, genauso wie der Schwalbe Marathon Reifen. Das Flyer ist also beides: Halb Mountain- und halb Trekkingbike und dürfte entsprechend zu Anfang viel auf leichten Touren zum Einsatz gekommen sein. Dazu passen sparsame 100 Millimeter Federweg und auch die Ausstattung mit Rahmenschloss und Seitenständer ist insofern konsequent. Doch Stancius Transalp zeigte – das Flyer kann auch anders.
Flyers neuestes E-Mountainbike, das Uproc Evo:X, ist da ganz anders aufgestellt. Der Rahmen ist aus Carbon statt Alu, der Akku in den Rahmen integriert und mit 750 Wattstunden fast doppelt so groß. Allerdings hat der moderne Bosch CX Motor mit bis zu 600 Watt Leistung auch gleich doppelt so viel Bumms wie der Panasonic im Flyer X-Serie. Und von Trekking-Genen ist hier nichts mehr zu spüren: Die Kettenstreben sind kurz, der Lenkwinkel flach, 170 Millimeter Federweg und das große 29 Zoll Vorderrad machen im Gelände deutlich – zwischen den beiden Bikes liegt eine Ära.
Die Ausstattung ergibt das gleiche Bild: Kräftige Bremsen mit 200-Millimeter-Scheiben, fette 38er Standrohre vorne, Tele-Stütze, Zwölffach-Schaltung mit kleinem Klettergang. Hätte man das moderne Flyer Evo:X 2010 schon auf die Eurobike gestellt – die Besucher wären sich fast wie beim Motocross vorgekommen. Spannend: Nicht in allem gibt’s linearen Fortschritt zu verkünden. So kommt das moderne Flyer nur mit farbigen LEDs statt Display mit Zahlen für Akkustand, Geschwindigkeit und Unterstützungsstufe. Und auch beim Gewicht kann das moderne Carbon-Bike wegen der robusten Ausstattung und dem großen Akku nicht wirklich punkten.
Natürlich liegen Welten zwischen den beiden E-Bikes – nach 13 Jahren Entwicklung wenig verwunderlich. E-MTBs sind seitdem natürlich auch moderner geworden, aber vor allem viel unterschiedlicher. Von SUV über Cross Country bis hin zu fetten Enduros decken E-MTBs längst jede Spielart des Mountainbikens ab und sind in der Szene voll angekommen.

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