Es gibt kaum eine Sportart, die so abhängig vom Untergrund ist wie Mountainbiken. Beim Fußball gibt’s Rasen, beim Tennis Sand. Der Schwimmer hat Wasser, der Fallschirmspringer Luft. Wir haben einen Trail. Und der kann alles sein: großartig, mittelmäßig oder eine Frechheit.
Beim Wellenreiten ist das ähnlich. Doch lange nicht so schlimm. Sind die Wellen mies, paddelt man eben zurück an den Strand, bestellt ein Bier und sonnt sich. Wir Mountainbiker haben es schwerer: Hinter uns liegen 1000 Höhenmeter, erkämpft mit Schweiß, Zeit und mindestens einem kurzen Fluch. Dafür wollen wir jetzt gefälligst einen Trail. Einen guten. Einen sehr guten. Sonst werden wir unleidlich.
Besonders schlimm wird es, wenn uns jemand den Trail empfohlen hat.
Freeride-Pionier Richie Schley hat es einmal wunderbar auf den Punkt gebracht: „Frag Wade Simmons niemals nach einem Trail. Er sagt immer: Super Trail.“ Danach fährt Schley hin – und findet ihn beschissen. Der Grund: Wade Simmons verwandelt sich auf dem Bike in den glücklichsten Menschen der Welt. Egal, was unter seinen Reifen liegt.
Ich bin leider nicht Wade. Ich bin Richie. Ich habe Ansprüche.
Ein guter Naturtrail ist für mich schmal, aber nicht zu schmal. Ich will spielen können, und dafür brauche ich Platz. Ich will meine Linie selbst suchen, also bitte ein paar Varianten. Fels? Sehr gern. Aber bitte fest. Dieses Geröll, auf dem der Reifen bei jedem Turn zur Seite flutscht, kann mir gestohlen bleiben. Steil darf es sein, aber nicht so steil, dass ich kilometerlang auf der Bremse hänge und die Federgabel vorne eintaucht wie ein U-Boot.
Ich will Flow und Speed, aber auch technische Passagen. Balance, Bike-Handling, Konzentration. Und dann bitte ein paar Features: Drops, Roll-offs, Steilstücke, Spitzkehren, raffinierte Traversen, Skinnies. Kleine Mutproben am Wegesrand. Das Entertainmentprogramm des Mountainbikers eben.
Natürlich sind Geschmäcker verschieden. Das weiß ich.
Bei Trails erst recht. Ein Cross-Country-Pilot mit Hardtail, Laktatfetisch und Sattel auf Wolkenkratzerhöhe wird unter Umständen einen Trail empfehlen, bei dem ich mich frage, ob er mich hasst.
Aber wer zum Beispiel als Freerider einen Freerider nach einem Trail fragt, darf doch erwarten, dass beide ungefähr dasselbe unter „geil“ verstehen.
Leider nein.
Das Phänomen der Trail-Nörgler ist allerdings noch jung.
Je älter der Sport wird und je besser die Technik, desto höher steigen die Ansprüche. Früher reichte es, wenn es ordentlich rumpelte. Ein guter Mountainbike-Trail war einer, den man überhaupt irgendwie hinunterkam. Der Reiz lag darin, auszuloten, was mit schlechten Fahrwerken, seltsamen Geometrien und Reifen aus der Steinzeit fahrbar war. Heute ist das anders.
Erschwerend dazu kommt: Mit dem eigenen Trail-Horizont wächst auch die Messlatte. Ich sage nur ironisch: #Don’tGoToWhistler. Wer einmal die Trails von British Columbia erlebt hat, betrachtet manche europäischen Stolperpisten anschließend mit anderen Augen. Und Bikepark-Tracks? Sagen wir so: Der Mensch ist verdorben, sobald er weiß, was möglich ist.
Mittlerweile gehe ich deshalb bei Trail-Tipps ähnlich vor wie bei einem Kinotipp. Ich lasse mir vorsichtshalber die Filmografie vorlegen, am besten die persönlichen Top fünf. Stehen dort La La Land, Spider-Man und Avengers, muss ich nach den Trail-Tipp gar nicht fragen. Ich weiß dann schon, was gleich kommt: „Richtig geil!“ – und ich werde kotzen.
Also: Danke, aber nein.
Eine große Enttäuschung erlebte ich am Gardasee. Ich fragte einen meiner besten Riding-Buddys nach seinem Lieblingstrail. Zugegeben: eine schwierige Frage, weil am Gardasee kaum ein Trail das Prädikat „Liebling“ verdient.
„Skull-Trail“, sagte er. „Richtig geil.“
Also quälte ich mich in der brütenden Sonne den Altissimo hinauf. Höhenmeter um Höhenmeter. Schweiß, Schmerz, Vorfreude. Oben angekommen, erwartete ich offenbar das Nirwana des Mountainbikens.
Was kam?
Gerümpel in der Falllinie.
Ich vernichtete meine hart erarbeiteten Höhenmeter, dazu einen nicht unerheblichen Teil meiner Bremsbeläge. Flow? Fehlanzeige. Features? Eher Steine. Entertainment? Ich hatte vor allem Gelegenheit, über meine Lebensentscheidungen nachzudenken.
Seitdem gilt für mich eine eiserne Regel: Traue keinem Trail-Tipp. Nicht einmal dem deines besten Riding-Buddys.
Denn „richtig geil“ kann alles heißen. Für den einen bedeutet es Adrenalin, Flow und Herzrasen. Für den anderen offenbar: 40 Minuten bergab bremsen und hoffen, dass die Felge durchhält.
Danke, Wolfi Watzke.
Wie seht ihr das? Sitzen die Trail-Tipps bei euch? Oder ergeht es euch auch wie mir?
Das würde mich interessieren – ich freue mich über eure Anmerkungen in den Kommentaren.
Und am meisten über einen Hammer-Trail-Tipp – ha ha!

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