Jan Timmermann
· 21.03.2026
Fahrradrahmen aus Stahl gelten als langlebig, schwer, komfortabel und exotisch. Filigrane Stahlrohre finden sich heute nur noch an wenigen Fahrrädern. Und wenn sich doch mal ein Bike mit Stahlrahmen blicken lässt, handelt es sich oft entweder um einen Retro-Klassiker oder um ganz spezielles Unikat. Gegenüber Alu oder Carbon nimmt Stahl nur noch einen kleinen aber einen ganz besonderen Stellenwert ein. Wir haben Leo von Leovelo zehn Fragen zum Thema Stahl gestellt. Leo zeigt Interessierten in seinen Rahmenbaukursen, wie sie sich selbst ein individuelles Fahrgestell aus klassischem Stahl löten können. Im Interview verrät er uns, warum Stahlrahmen meist einen emotionalen Wert haben und ob man sich tatsächlich vor Rost fürchten muss.
BIKE: Wie wird ein Stahlrahmen bei dir gebaut?
LEOVELO: Bei mir im Rahmenbaukurs beginnen wir mit einem Bike-Fitting. Die Werte der Bike-Fitting-Maschine und ein Gespräch über die Vorlieben des Fahrers lassen sich dann in eine Geometrieskizze übertragen. Das nächste ist die Auswahl der Materialien, sprich der unterschiedlichen Rohre. Der Bau selbst läuft bei einem normalen Rahmen immer nach demselben Schema ab. Wir beginnen mit der Vorbereitung des Tretlagers und des Steuerrohrs. Anschließend passen wir die anderen Rohre auf die richtige Länge an. Alle Teile müssen auf den Millimeter genau ausgeschliffen werden. Wenn sie dann in der Rahmenbaulehre perfekt zueinander passen, werden sie durch Löten miteinander verbunden.
Welche Unterschiede gibt es beim Ausgangsmaterial eines Stahlrahmens?
Grundlegende Unterschiede gibt es bei der Legierung. Gängig ist zum Beispiel das sogenannte 25CrMo4, der meistverwendete Stahl im Fahrradbau. Andere Rohrsätze, etwa Columbus “Live” und Spirit” haben andere Legierungen und erreichen eine höhere Zugfestigkeit. Hinzu kommen besondere Edelstahl-Varianten. Ein weiterer Unterschied ist die Materialstärke. Dünnwandige Stahlrahmen können vergleichsweise leicht sein, trotzdem müssen natürlich auch Steifigkeit und Stabilität passen.
Woher kommen die Rohre für einen Stahlrahmen?
Ich nutze fast ausschließlich Rohre von Columbus aus Mailand. Dort können Rahmenbauer gewisse Mengen abnehmen. Es gibt aber auch andere Hersteller von Stahlrohren, etwa Reynolds aus Großbritannien.
Was macht Stahlrahmen so besonders?
Stahl ist das Material mit der größten Historie im Rahmenbau und hat dadurch immer eine Art Klassik-Effekt. Das macht Stahl vor allem bei Liebhabern attraktiv. Aluminiumrahmen wurden über die Zeit immer großvolumiger. Stahl erlaubt dagegen aufgrund einer anderen Dichte und Stabilität schlankere Silhouetten. Es ist leicht zu verarbeiten und braucht beispielsweise anders als Titan keine klinischen Voraussetzungen und anders als Aluminium keine aufwändigen Vorrichtungen im Rahmenbau. Über die Jahrzehnte haben viele Rahmenbauer gelernt gut mit Stahl zu arbeiten. Rein technisch gesehen ist es heute aber nicht mehr die sinnvollste Materialentscheidung für einen Fahrradrahmen.
Welche Vorteile hat ein Stahlrahmen beim Fahren?
Rational ist diese Frage nur schwer zu beantworten. Ein Stahlrahmen kann besonders ästhetisch und schön sein. Vor allem ein selbstgebauter Stahlrahmen, bei dem alle Parameter individuell bestimmt wurden, schafft eine emotionale Verbindung zum Bike. Wer alle Arbeitsschritte einmal selbst durchläuft, liebt sein Rad am Ende über alles.
Warum gibt es heute nur noch so wenige Fahrradrahmen aus Stahl?
Das hat sicher mit der Weiterentwicklung von Materialien, wie Aluminium oder Carbon, zu tun. Stahl hat über die Zeit an Bedeutung für den Rahmenbau verloren und ist heute mehr Liebhaber- als Wettbewerbs-Material. Im sportlichen Bereich geht es stets um “höher, weiter, schneller”. Da gibt es inzwischen einfach rational bessere Lösungen als einen Stahlrahmen.
Wie unterscheiden sich Stahlrahmen aus deinem Kurs von solchen aus Serienproduktion.
In der Einzelproduktion gibt es um einen Rahmen stets einen großen Prozess. Da kommen jedes Mal neue Parameter zusammen, die individuell abgestimmt werden wollen. In der Massenproduktion ist das etwas ganz anderes. Dort gibt es zum Beispiel für jeden Arbeitsschritt eine speziell eingerichtete Lehre, um möglichst effizient große Stückzahlen bauen zu können. Außerdem versuche ich bei Leovelo-Rahmen immer ein möglichst geringes Gewicht zu erreichen und auf “versteckte” Gewichte durch dickwandige Tretlager oder Steuerrohre zu verzichten. Für eine cleane Optik setze ich auf eine interne Zugführung. In jedem Rahmen steckt unendlich viel Liebe zum Detail.
Woran erkenne ich einen guten Stahlrahmen?
Die meisten Serienrahmen aus Stahl haben in der Regel haltbare Nähte und eine stimmige Verarbeitungsqualität. Wenn der Hersteller, zum Beispiel auf dem Gebrauchtmarkt, nicht erkennbar ist, gibt es eventuell irgendwo einen Rohrsatz-Aufkleber. Ich klopfe ganz gerne auf die Rohre und höre mir die Resonanz genau an. So lassen sich Rückschlüsse auf Wandstärke und Material ziehen. Auch das Gewicht ist ein Indikator für die Güte eines Stahlrahmens.
Wie schätzt du die Nachhaltigkeit von Stahl ein?
Ich bin kein Aluminium-Experte, weiß aber dass das als Ausgangsmaterial benötigte Bauxit eine große Umweltsünde sein muss. Auch die Recyclingfähigkeit von Carbon ist limitiert. Stahl wiederum ist für seine gute Recyclingfähigkeit bekannt. Stahl ist relativ leicht reparierbar und gilt im Volksmund als besonders haltbar. Ich hatte jedoch mal die Gelegenheit in einem Prüfinstitut für Fahrradteile zu arbeiten und bin von dieser Philosophie etwas abgerückt. Das Material eines klassischen Stahlrahmens mit dicken Wandungen von 0,8 bis einen Millimetern schwingt extrem wenig und ist sehr stabil. Moderne Stahlrahmen sind meist leichter aber auch sensibler. Einem Sturz auf eine Kante quittieren diese eigentlich immer mit Dellen oder anderen Beschädigungen. Ich muss aber auch sagen: Über die Nachhaltigkeit eines Stahlrahmens zu sprechen, der komplett mit Parts aus Alu und Carbon behangen ist, macht nur teilweise Sinn.
Brauchen Stahlrahmen eine besondere Pflege?
Das kommt auch auf den Wohnort an. Regenwasser ist für Stahlrahmen unbedenklicher als Salzwasser. In feuchter Meeresnähe etwa sollte man sich besonders um eine gute Hohlraumkonservierung bemühen. Wenn ein Rahmen nach dem Löten gewissenhaft gewaschen und professionell konserviert wurde, müssen sich Stahlrahmen-Fahrer ansonsten keine Sorgen um die Pflege machen. Unter der Beschichtung, etwa mit Lack, ist der Stahl geschützt. Ist die Beschichtung beschädigt, kann aber Streusalz ein Problem sein.
Ich bin selbst großer Stahlrahmen-Fan und schätze das klassische Material vor allem für seine lebendigen Fahreigenschaften. Vor allem bei Hardtails und Gravelbikes mag ich den natürlichen Flex im Material. Außerdem hebt sich ein gut gemachter Stahlrahmen optisch von der Masse ab und mir gefällt die filigrane Optik. Ein individueller Maßrahmen aus Stahl ist natürlich das höchste der Gefühle. - Jan Timmermann, Bike-Redakteur

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