Adrian Kaether
· 28.01.2026
Ein Enduro um 18 Kilogramm? Allein das wäre noch kein Aufreger. Tatsächlich tendieren immer mehr moderne Abfahrtsboliden wieder in die Gewichtssphären klassischer Freerider. Mit E-Motor und stabilen Parts ist das Orbea Rallon RS aber doch eine Leistung.
Orbeas neuester Wurf basiert auf dem klassischen Rallon Enduro und ist auf den ersten Blick fast mit ihm zu verwechseln. Doch: Das geringe Gewicht und der schlanke Look sind teuer erkauft. Der Motor gibt kaum Schub, der Einstiegspreis für das Komplettbike ist dafür umso heftiger.
Normal steht das Kürzel RS für aufgemotzte Produkte mit Extra-Power. Bei Orbea meint man aber “Rider Synergy” - also eher das Gegenteil. Der Fahrer soll im Fokus stehen, nicht der Motor, so heißt es im Pressetext. Anders gesagt: Der Motor kann auch nicht im Fokus stehen.
Denn Orbea verbaut den eigentlich eher für Rennrad und Gravel entwickelten HPR 40 mit höchstens 40 Nm und 200 Watt Spitzenleistung. Im schlanken Unterrohr steckt ein Akku mit nur 290 Wattstunden. Optional kann man die Reichweite mit dem 160-Wattstunden Range Extender für 600 Euro etwas erweitern.
Die Krux ist allerdings, dass der Mini-Motor gerade schweren Fahrern kaum etwas nutzen dürfte. Bei realistischen 200 Watt Eigenleistung bergauf für den 80-Kilo-Mann gibt der Motor im Dauerbetrieb vielleicht noch 50 Prozent hinzu. Die vollen 200 Watt Motorleistung kann man mit Rücksicht auf Derating und Akkugröße nur temporär abrufen.
Die moderate Leistung reicht dann für etwas zügigere Anstiege auf der Forststraße, mehr aber auch nicht. Leichtere Fahrer profitieren etwas mehr. Da der Motor hohe Trittfrequenzen und Eigenleistungen fordert, um seine begrenzte Power überhaupt freizugeben ist aber auch hier sportlicher Einsatz gefragt.
Dafür wiegt TQs Mini-Aggregat nur 1,2 Kilogramm und lässt sich maximal schlank integrierten. Orbea verzichtet dafür auf die Zusatz-Wippe und die Ausgleichgewichte des normalen Rallon, dafür sieht das Rallon RS seinem motorlosen Bruder zum Verwechseln ähnlich.
Schön zu sehen: Statt nur den Motor und Akku zu integrieren, hat man sich bei Orbea etwas mehr Gedanken um das Konzept gemacht und eigene Parts passend zum Bike entwickelt. Die eigene Remote zeigt den Akku-Stand in 10-Prozent Schritten an. Die Fernbedienung wechselt für die letzten 20 Prozent im Akku sogar auf eine noch genauere Anzeige mit fünf roten Balken für je vier Prozent Akku.
Außerdem kann die eigens entwickelte Dropper-Post durch die Remote bedient werden. Ebenso wie die Schaltung braucht sie keinen separaten Akku, sondern hängt an der Haupt-Batterie. Mit Fox’ Live Valve System im Top-Modell setzt Orbea dem Rallon RS die Krone auf. Hier wird sogar der elektronische Dämpfer mit in das System eingebunden und kann auf die Daten der anderen Komponenten wie Motor und Tele-Stütze zugreifen, um bei Bedarf vollautomatisch die Plattform einzulegen. Ob man dieses Feature bei modernen Kinematiken wirklich braucht, sei dahingestellt.
Wenig überraschend: Bei der Geometrie orientiert sich das Rallon RS stark am klassischen Rallon. Steiler Sitzwinkel, moderater Lenkwinkel und langer Reach. Über einen Flip-Chip lässt sich die Geometrie feineinstellen. Auf günstige Räder verzichtet Orbea beim besonderen Konzept des Rallon RS vorerst. Es gibt ausschließlich ein Team-Modell mit Fox Factory und Shimano XT und das LTD-Modell mit Live-Valve-Fahrwerk, XTR und noch mehr Carbon. Die Preise liegen bei 11.000 und satten 15.000 Euro.
“Das Orbea Rallon RS verwischt die Grenzen zwischen klassischem Enduro und E-Bike. Unsere Vermutung: Wer schon E-Bike fährt, den dürfte das minimalistische Konzept kaum ansprechen. Warum nicht etwas mehr Power à la HPR 60 bei minimalem Mehrgewicht? Vermutlich, weil Orbea mit dem Rise bereits ein vielseitiges und leichtes E-Bike im Programm hat.
Das Rallon RS steht dazu kaum in Konkurrenz sondern ist mehr Technik-Studie und PR-Stunt. Es zeigt, was in Sachen Integration und Vernetzung möglich ist. Leichte Fahrer, die selbst sportlich treten und auf langweiligen Foststraßen-Uphills nur etwas schneller vorankommen wollen, könnten dennoch Gefallen am Konzept finden - das nötige Kleingeld vorausgesetzt.”
Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik