Fahrbericht YT Decoy X​Comeback mit Starkstrom

Dimitri Lehner

 · 10.04.2026

Ich: „Muss ich bei der Turbo-Kiste irgendwas beachten?“ YT-Boss Markus Flossmann: „Keine Angst, Buddy, das Decoy X beisst dich nicht!“
Foto: Isac Paddock/YT
Das neue YT Decoy X ist das erste Bike nach der Insolvenz-Schrecksekunde. Es hat einen Aluminiumrahmen, einen Motor mit Flugzeugstart-Ambitionen – und macht plötzlich Dinge möglich, die früher nur bergab Spaß machten: Mountainbiken bergauf. Ein Test zwischen Skepsis, Wheelies und Steilwandfahrten.

Themen in diesem Artikel

Die Rückkehr der Forchheimer

Da sind sie wieder.
Die YT’ler aus Forchheim.

Letztes Jahr noch Insolvenzmeldung, Krisengespräche, Existenzfrage. Jetzt Neustart mit kleinem Team, großem Optimismus und einem neuen Bike: dem Decoy X. Ein E-Enduro mit 170/160 Millimetern Federweg und dem derzeit meistdiskutierten Motor im Gelände: Avinox M2S - der neue!

Zwischen dem leichten Decoy SuperNatural und dem großen Bosch-Freeride-Decoy schließt es eine Lücke. Und zwar genau dort, wo man als Fahrer denkt: ein bisschen mehr Power wäre jetzt schon schön.

Alu ist das neue Egal

Das neue Decoy X ist aus Aluminium.

Früher hätte man das vorsichtig formuliert. Heute sagt man: logisch. Robust, günstiger, sinnvoll. Im Downhill-Worldcup fahren die Helden schließlich überwiegend Alu – das hat am Alu-Image poliert.

Dank Hydroforming sieht das Ganze fast nach Carbon aus. Nur die Schweißnähte verraten die Wahrheit. Und ganz ehrlich: Bei einem E-Enduro mit 1300 Watt interessiert sich niemand ernsthaft für 300 Gramm mehr Rahmengewicht.

Praktisches Detail: Endlich passt eine normale 600-ml-Flasche rein. Fortschritt passiert manchmal in kleinen Dingen.

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​Auf dem Decoy X sitze ich und denke nach fünf Metern: passt.
Noch bevor der Supermotor überhaupt eine Rolle spielt. Das ist typisch YT. Die Forchheimer schaffen es seit Jahren, ihren Bikes eine Geometriemischung zu verpassen, die sofort Vertrauen erzeugt. Draufsetzen, losfahren, zuhause fühlen. Das klappt beim verspielten Trailbike Izzo genauso wie beim kompromisslosen Downhiller Tues – und eben auch hier.

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Ich kenne die beiden bisherigen E-Geschwister bereits gut: das leichte Decoy SN und das Fullpower-Decoy. Umso beruhigender ist es, dass sich das neue Decoy X geometrisch spürbar näher am SN orientiert. Also weniger Traktor, mehr Spielgerät. Genau richtig.

Besonders auffällig – oder besser: besonders angenehm unauffällig – sind die moderaten Kettenstreben. Viele Hersteller verlängern inzwischen das Heck ihrer E-Enduros fast reflexartig. Aus Angst, das Bike könne im Steilen steigen statt klettern. Das funktioniert technisch auch. Diese Räder ziehen sauber nach oben wie kleine Seilbahnen. Nur leider fahren sie sich bergab oft wie Möbeltransporter auf Betriebsausflug.

Der berühmte Langholzlaster-Effekt eben: maximal stabil, minimal verspielt.

Das Decoy X macht da nicht mit. Mit seinen 442 Millimetern bleibt das Heck angenehm kurz. Manuals gehen leichter. Richtungswechsel passieren intuitiv. Und auch enge Kehren fühlen sich nicht nach Rangierarbeit an. Kurz gesagt: Danke dafür, YT.

In der Launch-Edition hängt dann vorne noch die Fox Podium drin – eine Upside-Down-Gabel, die schon in unserem letzten Test durch ihre enorme Traktion aufgefallen ist. Leicht ist sie nicht. Aber Komfort ist hier wichtiger als Grammzählerei. Optisch sorgt sie mit ihren schwarzen Fendern außerdem für eine ordentliche Portion Hardenduro-Ästhetik. Wer wissen will, wie sich das im Extremfall anfühlt: einmal Manuel Lettenbichler anschauen. Danach versteht man sofort, warum so eine Gabel aussieht, wie sie aussieht.

1300 Watt und ein bisschen Ehrfurcht

Dann kommt der Moment.

Motor an.

1300 Watt.

Ich bin kein App-Typ. Ich bin der Draufsetzen-Losfahren-Typ. Deshalb war meine größte Sorge nicht die Leistung, sondern die Bedienung. Muss ich jetzt Informatik studieren, bevor ich Mountainbike fahren darf?

Muss ich nicht.

Der Avinox M2S funktioniert überraschend intuitiv. Und er funktioniert kräftig. Sehr kräftig. Wheelies passieren plötzlich beiläufig. Fast höflich. Ohne Armausrenken.

Bosch kann auch viel. Aber das hier fühlt sich an wie: mehr.

Der Uphill wird zur Spielwiese

Der Trail heißt Rollercoaster. Passt.

Offcamber, Schlamm, Wurzeln, Stufen, Kurven, Gefälle – alles drin. Teamfahrer Christian Textor fährt vor mir – das ist nicht Fahren, das ist Kunstflug, was der Bursche da treibt. CEO Markus Flossmann verschwindet im Wald, obwohl er acht Monate nicht auf dem Bike saß. Gibt’s doch nicht!

Ich bleibe zurück. Macht nix. So kann ich mich schön auf mich konzentrieren und auf das Decoy X.

Das Decoy X fährt sich wie ein YT eben fährt: verspielt. Kurze Kettenstreben. Manuals gehen. Richtungswechsel gehen. Spaß geht sowieso.

Dann drehen wir unten um. Gleicher Trail wieder hoch.

Früher hätte ich gelacht – ein „Wovon träumst du“-Lachen. Heute drücke ich Boost.

Rein in den Hohlweg und auf der anderen Seite in die steile Wand. Braaap! Der Avinox zieht mich hoch.

Wow!

Geil!

Nochmal.

Und nochmal.

Freeride – jetzt auch bergauf

Der Avinox macht aus Uphill plötzlich Freeride.

Nicht automatisch. Man braucht auch Technik. Gewicht nach vorne. Gang richtig. Timing sauber. Sonst bleibt man hängen wie früher.

Aber wenn es klappt: Wahnsinn.

Ex-Worldcupper Textor fährt einen Felsen hoch. Ich auch. Fast. Nur vergesse ich, oben das Heck zu entlasten. Motorplatte bleibt hängen. Ich spring rückwärts ab.

Also nochmal.

Und nochmal.

So vergeht der Nachmittag.

Good Times sind zurück

Am Ende bleibt ein Eindruck:

Das Decoy X ist ein Spaßgerät mit ernsthaftem Motor.

Vielleicht sehe ich jetzt aus wie ein Fanboy. Kann sein. Aber bisher hat mich noch kein YT enttäuscht. Und dieses hier ganz sicher nicht.

Früher war der Downhill der Grund loszufahren.

Jetzt ist es plötzlich auch der Uphill.

​YT-Chef Markus Flossmann sagt: „Musste ich so alt werden, damit der Uphill endlich Spaß macht?“

Ich sage: „Danke, dass ich das noch erleben darf!“


Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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