Britische Stahl-Enduros strahlen einen ganz eigenen Charme aus. Das Auckland Marra macht da keine Ausnahme und legt mit einer aufsehenerregenden Hinterbau-Konstruktion sogar noch eine Schippe an technischer Faszination drauf. Am in England handgebauten Rahmenset gibt es viel zu gucken. Hier werfen wir einen Blick auf den Exoten von der Insel.
Inspiriert durch gemeinsame Fahrten mit dem legendären Ultra-Distance Biker Mike Hall wollte Auckland Cycle Works Gründer Gary Ewing die etablierten Normen für Mountainbike-Hinterbauten auf den Kopf stellen. Die ersten Modelle baute Ewing nicht etwa im CAD-Programm seines Computers zusammen, sondern aus Legosteinen.
Auch die ersten fahrbaren Prototypen-Bikes setzten auf unkonventionelle Systeme. Für den Rahmenbauer gab es dabei kaum Tabus. Alte Bikes wurden zersägt und neu zusammengesetzt. Seine ersten Entwürfe waren derart kreativ, dass sie ihm einen Innovations-Award der prestigeträchtigen Bespoked-Messe einbrachten.
Wie viele andere Rahmenbauer auch, hatte Ewing während der Corona-Pandemie die Zeit gefunden, sein Kernprodukt Marra zu optimieren. Unter dem Label Auckland Cycle Works wurde eine 2023 eine im Jahre 1898 gegründete Stahl- und Maschinenbau-Ikone der Region County Durham wiederbelebt. Heute können die ersten Custom-Bikes der Schmiede geordert werden.
Dabei geht Ewing auch auf individuelle Kundenwünsche ein. Aufgrund der Fertigung in Kleinserie ist die Stückzahl limitiert. Für 2026 gibt es noch wenige Restplätze. Das Rahmenset inklusive Cane Creek Kitsuma G2 oder Rockshox Vivid Ultimate RC2T Dämpfer schlägt mit 7000 Britischen Pfund zu Buche. Zu diesem Preis kann sich der Kunde eine Rahmenfarbe wünschen.
Um seine Vision eines perfekten Mountainbike-Hinterbaus zu realisieren, kamen bei Auckland-Tüftler Ewing wilde Gedanken auf. Erste Prototypen setzten noch auf ein aus den 90ern adaptiertes Konzept namens “Uniefied Rear Triangle” (URT), bekannt etwa vom Klassik-Bike Klein Mantra, das der Entwickler für seine Zwecke neu erdachte.
Bald warf Ewing dieses Design jedoch über Bord und kreierte ein neues System, das er “Kolarp Suspension” taufte und unter Patent stellen ließ. Der Clou an dem High-Pivot-Hinterbau mit virtuellem Drehpunkt und nach hinten gerichteter Raderhebungskurve: Die Umlenkung der Kette ist nicht am Rahmen, sondern an der unteren Wippe des Auckland Marra aufgehängt. Die I-Track-Umlenkrolle hält die Kette auf Spannung, ohne dass sich das Schaltwerk zu stark bewegt. Um die Kinematik anzupassen, kann die vordere Dämpferaufnahme in Zwei-Millimeter-Schritten versetzt werden.
Laut Ewing verschlechtert sich die Hinterbau-Performance eines modernen Mountainbike-Fullys bei harten Bremsmanövern um 28 bis 38 Prozent. Der Einfluss von Bremsvorgängen auf das Fahrwerk des Auckland Marra mit Kolarp Susupension System soll dagegen bei lediglich fünf Prozent liegen, was dessen Leistung in solchen Situationen um 34 bis 50 Prozent besser machen soll.
Damit verspricht das Enduro-Bike des Briten mehr Potential aus dem High-Pivot-Hinterbau herauszuholen und die Bremseigenschaften deutlich zu verbessern. Außerdem sollen die Geometrieveränderungen durch Fahrwerkeinflüsse in verschiedenen Fahrsituationen konstant klein bleiben und durch einen optimierten Gegenhalt im Fahrwerk das Bike in allen Gängen besser klettern lassen.
Typisch britisch entsteht der Rahmen des Auckland Marra aus hochwertigem Reynolds 853 Stahl. Rahmenbauer Ewing arbeitet eng mit den Experten bei Reynolds zusammen, um dem Enduro einen angepassten Custom-Rohrsatz zu gönnen.
Ebenfalls typisch für Maschinenbau von der Insel: Die Lager sollen besonders gut abgedichtet, groß dimensioniert und lange haltbar sein. Natürlich wird das Tretlager nach BSA-Standard eingeschraubt.
Auckland gibt den Hinterbau nur für 27,5 Zoll kleine Laufräder frei. Vorne bleibt die Wahl zwischen 27,5 oder 29 Zoll. Der Rahmen nimmt Federgabeln mit 170 bis 200 Millimeter Hub auf.
An seinem persönlichen Showbike entscheidet sich Ewings für eine 180-Millimeter Gabel, welche 63,25 Grad flach steht. Das gerade Sitzrohr ist in Rahmengröße L 430 Millimeter kurz und erlaubt dennoch eine lange Einstecktiefe bei der Sattelstütze.
Der Sitzwinkel misst 76,5 Grad, der Reach liegt bei 485 Millimetern. Ein modulares Design der Ausfallenden ermöglicht die Verstellung der Kettenstreben um insgesamt zwölf Millimeter. In der neutralen Position liegt die Kettenstrebenlänge bei kompakten 429 Millimetern.
Die junge Firmengeschichte von Auckland Cycle Works steckt bereits voller Heritage. Das Marra ist ein eigenwilliges Stahl-Fully mit britischem Charme. Kein Bike für jeden, sondern ein Custom-Projekt mit viel Herzblut zu dem es eine Geschichte zu erzählen gibt. Und geht es bei unserem liebsten Hobby nicht auch darum? Ich finde das Auckland Marra jedenfalls spannender als jedes Rad von der Stange. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur
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