Jan Timmermann
· 28.04.2026
Das Specialized Epic 9 soll eine Erfolgsgeschichte fortschreiben. An Bord des Vorgängers dominierte das Specialized Factory Racing Team die World Cup Saison 2025 im Cross Country. Gleich zwei mal belegten die Specialized-Rennfahrer alle drei Podiumsplätze bei einem World Cup Event und Christopher Blevins strich souverän die Gesamtwertung ein.
Epic-Pilotin Annika Langvad hält seit diesem Jahr den Rekord für die meisten Siege beim legendären Cape Epic und auch unsere BIKE-Tests adelten das Specialized Epic 8 zu einem der besten Race-Fullys am Markt.
Seit über 24 Jahren streicht das Epic auf Weltniveau bereits Medaillen ein. Kann man so ein Bike noch besser machen? Man kann - da waren sich die Entwickler sicher und bereits wenige Wochen nach dem Presse-Launch des Epic 8 begannen sie, mit der Evolution zum Epic 9 zu experimentieren.
Bislang stellte Specialized dem Epic einen effizienten Leichtbau-Spezialisten namens Epic World Cup sowie ein leichtes Trailbike unter dem Label Epic Evo zur Seite. Damit ist es fürs Modelljahr 2026 vorbei. Statt drei Bikes gibt es nun nur noch eines: Das Specialized Epic 9 soll die Stärken aller Vorgänger in sich vereinen.
Dazu stellten die Entwicklungsingenieure eine zentrale Frage: “Was bremst Racer?” So klar wie die Problemstellung war auch die Antwort. Das neue Epic sollte einfach noch leichter, effizienter und fähiger werden. Ein Team von bis zu 30 Personen arbeitete zusammen, um diese Ziele zu erreichen. Hohe Ziele. Doch sie alle hatten bereits das Epic 8 verantwortet und kannten daher die Ausgangsbasis sehr gut. Und vielleicht wussten sie sogar, was da noch herauszuholen war.
“Masse ist der Gegner der Performance” - unter diesem Motto war es das Ziel, dem neuen Specialized Epic 9 jedes überflüssige Gramm zu nehmen. Trotzdem sollte die Radikaldiät keine negativen Auswirkungen auf die Fahreigenschaften haben.
Für einen Rahmen inklusive Dämpfer in Größe M und aller Schrauben-Hardware, etc. geben die Kalifornier ein Gewicht ab 1589 Gramm an. Insgesamt 206 Gramm konnten im Vergleich zum Epic 8 eingespart werden - eine Reduktion von rund 14 Prozent. Dafür verabschiedet sich das Racebike wieder vom Staufach im Unterrohr. Stattdessen kommt eine neue am Flaschenhalter montierte Swat-Box zum Einsatz, die sich bei Bedarf abnehmen lässt.
Das Carbon-Layup des Sitzrohrs ist nun abhängig von der Rahmengröße, um jedem Fahrer das optimale Verhältnis aus Steifigkeit und Gewicht zu bieten. Die obere Aufhängung der Wippe wandert ins Oberrohr, was die Umlenkung verkürzt. So wiegt der geschmiedete Alu-Link nur noch 57 Gramm (minus 25 Prozent) und selbst bei der Hardware konnten nochmals 10 Gramm (minus 13 Prozent) eingespart werden. Sogar die Hinterradachse konnte um zehn Prozent leichter designet werden.
Durch besonders hochwertige Carbonfasern wiegt der Rahmen der S-Works-Variante etwa 120 Gramm weniger als die Rahmen des Standard-Epics. Nach eigenen Angaben war das Epic 8 in Teilen “over-engeneered”. Im Vergleich zum Vorgänger konnte Specialized am Epic 9 nach eigenen Angaben das Gewicht an folgenden Stellen reduzieren:
Moderne Cross-Country-Kurse sind brutal, technisch und schnell. Fehler passieren, zurückhaltende Rennfahrer schaffen es nicht aufs Podium und Stürze kosten den Sieg. Deshalb war es erklärtes Ziel der Entwickler, das Specialized Epic 9 noch souveräner zu machen.
Das Racebike behält sich 120 Millimeter Federweg an Front und Heck bei, kommt aber mit einer neuen Kinematik. Dazu wählten die Amerikaner ein niedrigeres Übersetzungsverhältnis, etwas mehr Anti-Squat und wollen die Reibung im System um elf Prozent reduziert haben.
Das Ergebnis ist eine lineare Kennlinie mit markanter Anfangsprogression. Davon verspricht man sich einen effizienteren Gegenhalt bei Tretbewegungen und eine verbesserte Traktion. Gleichzeitig sollten die bewährte Kontrolle im mittleren Federwegsbereich sowie die Endprogression des Epic 8 erhalten bleiben.
Anders als die meisten Hersteller vertraut Specialized in Sachen Gabel und Dämpfer nicht auf Standard-Komponenten, sondern beschäftigt seit vielen Jahren ein eigenes Fahrwerks-Entwicklerteam namens Ride-Dynamics.
Wie bereits das Epic 8 setzt auch das Specialized Epic 9 auf eine dreistufige Dämpfungsplattform, die fürs neue Modelljahr jedoch angepasst wurde. Der firmeneigene Tune der mittleren Einstellung bekam ein vollständiges Remake und bietet im Vergleich zum Werks-Setting von Rockshox für den Bereich des Fahrer-Inputs bei Tretbewegungen mehr, beziehungsweise darüber hinaus weniger Dämpfung. Der “Magic-Middle-Mode” soll für möglichst viele Fahrsituationen das richtige Setup bieten.
Bereits das Specialized Epic 8 besaß eine ziemlich radikale Geometrie für ein Cross-Country-Race-Fully. Das neue Epic 9 orientiert sich an bewährten Maßen, bekommt aber einige Neuerungen verpasst. So verabschiedet sich Specialized von der Rahmengröße XS und deckt das bisherige Größenspektrum nun mit nur noch vier Rahmengrößen ab.
Der Stack wurde in Größe S reduziert, um auch kleineren Fahrern zu passen, in Größe XL wächst der Wert deutlich, um die Sattelüberhöhung zu reduzieren und dem Fahrer eine etwas kraftsparendere Haltung zu gewähren. Der Reach wird in allen Größen minimal länger.
Auch ein Flip-Chip ist beim Specialized Epic 9 wieder an Bord. In der flachen Einstellung liegt der Lenkwinkel nach wie vor bei progressiven 65,9 Grad. Für mehr Bodenfreiheit in diesem Setup wurde das Tretlager leicht angehoben.
Der Sitzwinkel steht nun ebenfalls etwas steiler. Das größte Geo-Update betrifft aber die Kettenstreben. Deren Länge ist nun größenspezifisch konzipiert und wächst von 435 Millimetern in Größe S auf bis zu 442 Millimeter in Größe XL.
Wie bereits der Vorgänger kommt das Specialized Epic 9 mit lebenslanger Garantie, und wie beim Kauf aller anderen Fullys der Kalifornier haben Kunden bei Bedarf jedes Jahr Anspruch auf einen Satz neuer Lager.
Auch das neue Epic ist für eine 130er Gabel und Dämpfer mit größerem Luftvolumen freigegeben. Auf mehr Hub lässt sich der Hinterbau jedoch nicht mehr aufmotzen, so wie es beim Specialized Epic 8 Evo noch möglich war. Der neue Hinterbau bietet nun mehr Reifenfreiheit für Matschfahrten. Das Tretlager wird via BSA-Standard verschraubt. Natürlich passen zwei Flaschenhalter ins Rahmendreieck.
Der Rahmen des Specialized Epic 9 funktioniert nur noch mit Funkschaltungen, da für Schaltzüge keine Führung mehr vorgesehen ist. Auch alle Bikes unter S-Works-Niveau setzen nun auf eine Leitungsführung durch den Steuersatz.
Zur Markteinführung bietet Specialized das Epic 9 ab Expert-Level an. Noch günstigere Optionen könnten später folgen. Die S-Works-Variante kommt mit dem superleichten Roval Control World Cup Laufrädern (991 Gramm pro Satz) und Rockshox Flight-Attendant-System.
Auch ein Rahmenset soll zum Portfolio gehören - dieses wird ausschließlich im Set mit Rockshox Flight Attendant Fahrwerks-Komponenten angeboten.
Die S-Works Ultralight-Option ist auf 110 Millimeter Hub getravelt und auf 300 Stück weltweit limitiert. Sie erreicht das Traumgewicht von 8,39 Kilo und wiegt damit nur rund ein Drittel von so manchem E-Bike.
Fürs Traumgewicht setzt das Bike auf Trickstuff Piccola Carbon Bremsen, ein nur 20 Gramm leichtes Lack-Finish und eine spezielle Rockshox SID Federgabel mit unlackiertem Magnesium-Casting, muss jedoch ohne Powermeter auskommen.
Was gibt es geileres als ein richtig leichtes Racebike? Specialized setzt das Epic 9 auf Diät und spitzt es für Rennfahrer zu. Das Ergebnis ist ein beeindruckend leichtes Fully mit den Kernkompetenzen des performanten Vorgängers. Die Weiterentwicklung ist konsequent und mit dieser explosiven Mischung dürfte Specialized auch 2026 wieder ganz oben auf der Liste der World-Cup-Favoriten stehen. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

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