80 Millimeter Heckfederweg? Im Jahr 2026 ist das fast schon eine Randerscheinung. Doch Trek, Specialized und BH zeigen eindrucksvoll, dass weniger Federweg nicht automatisch weniger Performance bedeutet. Für Racer, Marathon-Fahrer und alle, die ein maximal effizientes XC-Bike suchen, stellen die drei Konzepte eine spannende Alternative zu den etablierten 100- und 120-Millimeter-Fullys dar. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Ihr Revier sind schnelle Rennstrecken und lange Anstiege – nicht verblockte Trail-Abfahrten.
Wir konnten alle drei Modelle bereits ausführlich auf dem Trail fahren und in unserem Labor vermessen. Dabei wird schnell klar: Trotz gleicher Federwegsklasse könnten die Konzepte unterschiedlicher kaum sein.
Das BH kommt dem klassischen Fully am nächsten. Sein Hinterbau spricht sensibel an, bietet viel Komfort und reichlich Traktion – Eigenschaften, die vor allem im Gelände überzeugen. Im Gegenzug wirkt der Hinterbau unter Last etwas weniger straff, wodurch es bei der Antriebseffizienz nicht ganz mit den Konkurrenten mithalten kann.
Das Specialized verfolgt den kompromisslosesten Ansatz. Sein Fahrwerk arbeitet spürbar straffer und verlangt nach einem sorgfältigen Setup, um sein Potenzial voll auszuschöpfen. Dafür belohnt es den Fahrer mit dem geringsten Gewicht im Vergleich und einem Fahrgefühl, das einem Hardtail erstaunlich nahekommt – direkt, explosiv und kompromisslos auf Vortrieb ausgelegt.
Die ausgewogenste Lösung liefert aus unserer Sicht das Trek Supercaliber. Es verbindet die Effizienz und den direkten Vortrieb des Specialized mit einem Komfortniveau, das näher am BH liegt. Trek gelingt es am besten, die begrenzten 80 Millimeter Federweg sinnvoll zu nutzen, ohne den Charakter eines echten Race-Bikes zu verwässern. Wer das vielseitigste Gesamtpaket sucht, findet im Supercaliber deshalb unseren Favoriten.
Lange galt im Cross-Country eine einfache Faustregel: Hardtail oder 100-Millimeter-Fully. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das Segment stark verändert. Moderne XC-Fullys bieten heute meist 110 oder sogar 120 Millimeter Federweg, längere Reach-Werte und deutlich mehr Trail-DNA. Das macht sie bergab schneller denn je – gleichzeitig entfernen sie sich aber ein Stück weit vom ursprünglichen Rennsport-Gedanken maximaler Effizienz.
Genau hier setzen Trek, Specialized und BH an. Ihre Bikes sollen keine Bikes sein, die zwischen Trail und Cross-Country wandeln, sondern vielmehr die Lücke zwischen Hardtail und klassischem XC-Fully schließen. Die Devise lautet: Nur so viel Federweg wie nötig, aber so wenig wie möglich.
Das Ergebnis sind Bikes, bei denen im Antrieb, selbst bei offenem Dämpfer, kaum Energie verpufft, gleichzeitig Wurzeln, Steine und Schläge aber deutlich besser entschärft werden als bei einem Hardtail. Besonders auf langen Marathonrennen oder XC-Runden, auf denen Traktion und Ermüdung eine immer größere Rolle spielen, hat dieses Konzept durchaus seine Berechtigung.
Mit dem Supercaliber brachte Trek 2019 als erster großer Hersteller ein modernes Micro-Travel-Fully auf den Markt. Herzstück ist bis heute der IsoStrut-Hinterbau, der Dämpfer und Rahmen praktisch miteinander verschmelzen lässt. Das spart Gewicht, erhöht die Steifigkeit und reduziert den Wartungsaufwand. Mittlerweile gibt es das Bike schon in der zweiten Ausbaustufe.
Kaum ein anderes Rad hat die Bezeichnung „Racebike“ mehr verdient als das Supercaliber. Der pointierte Charakter des Silberpfeils ist nicht für jeden etwas. Daran ändern auch die Updates und das Mini-Plus an Federweg nichts. Aus Sicht eines Rennfahrers kann das Trek aber die perfekte Waffe für den großen Tag sein, denn in seiner Neuauflage steht das Supercaliber noch mehr auf Speed – bergauf und bergab. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur
Specialized verfolgt beim Epic World Cup einen etwas anderen Ansatz. Das 9,6 Kilo leichte Specialized Epic World Cup soll Racer glücklich machen, die sich beim Sprint ein Hardtail-Heck wünschen und trotzdem bergab nicht auf die Federung verzichten wollen. 110 Millimeter Hub an der Front kombiniert Specialized mit nur 75 Millimetern Hub im Heck. Das Besondere: Der Hinterbau lässt sich über einen Spezialdämpfer entweder ähnlich wie bei einem klassischen Fully abstimmen. Dann steht der Dämpfer leicht im Hub (Negativfederweg) und reagiert einigermaßen feinfühlig auf Unebenheiten im Untergrund. Oder man leert über ein spezielles Ventil am Dämpfer die Negativkammer. Das erzeugt ein sehr hohes Losbrechmoment beim Einfedern und das Heck fühlt sich dann starr an, wie bei einem Hardtail. Den Federweg gibt es erst bei groben Schlägen frei. Bergauf oder im Wiegetritt soll das für maximalen Vortrieb wie bei einem Hardtail sorgen, bergab aber die Sicherheit eines Fullys bieten. Da dann der ohnehin schon überschaubare Negativfederweg komplett fehlt, muss man bei kleinen Schlägen auf die Traktion und Sensibilität eines Fullys verzichten.
Wer sich immer mit der Entscheidung zwischen Fully und Hardtail geplagt hat oder regelmäßig im World Cup Short Track und XCO mit demselben Bike bestreiten muss, der dürfte Gefallen am Specialized Epic World Cup finden. Es ist offensichtlich: Genau dafür wurde das MTB entwickelt. Für alle anderen bleibt Specializeds neuester Wurf mit dem leichtesten Rahmen am Markt ein faszinierendes, aber auch mindestens 9.000 Euro teures Stück Technik, das sich nur lohnt, wenn man dem Konzept mit starrem Dämpfer auch etwas abgewinnen kann. - Adrian Kaether, BIKE-Redakteur
BH ist der jüngste Vertreter dieser Gattung. Das Lynx SLS verzichtet auf aufwendige Speziallösungen und setzt stattdessen auf einen klassischen Split-Pivot-Hinterbau mit 80 Millimetern Federweg. Dadurch wirkt das Konzept vertraut und dürfte viele Fahrer schneller überzeugen.
Das kurzhubige BH Lynx SLS überrascht mit einem vollwertigen Hinterbau, der Sensibilität und beste Traktion liefert. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis kann sich sehen lassen. Lediglich die geringe Rahmensteifigkeit und der starke Flex der Lenker-Vorbau-Einheit sind für Fahrer über 80 Kilo nicht optimal. – Peter Nilges, BIKE-Testleiter
Die drei Bikes zeigen, dass die Entwicklung im Mountainbike-Bereich nicht zwangsläufig immer mehr Federweg bedeuten muss. Während sich viele Hersteller in Richtung Downcountry bewegen, verfolgen Trek, Specialized und BH einen kompromisslos sportlichen Gegenentwurf.
Ob sich das Konzept langfristig durchsetzt, ist fraglich. Denn aktuell ist weder Specialized noch Trek mit seinen Micro-Travel-Fullys im Weltcup unterwegs. Auch die Zielgruppe ist vergleichsweise klein und besteht vor allem aus ambitionierten XC- und Marathonfahrern, die maximale Effizienz über Trail-Performance stellen. Für genau diese Fahrer können Micro-Travel-Fullys jedoch die derzeit spannendste Alternative zum klassischen Hardtail sein.
Und vielleicht liegt genau darin ihre größte Stärke: Sie wollen kein Bike für alles sein – sondern das schnellstmögliche Bike für ihren ganz speziellen Einsatzzweck.

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