Das E-Inception landete direkt nach seiner Vorstellung einen Volltreffer: Testsieg bei den High-End E-All-Mountains! Auch ein Jahr später konnte sich das Stevens in einem ähnlichen Test nochmal durchsetzen und ist bis heute eines der vielseitigsten E-MTBs am Markt. Entsprechend war klar: Der Evergreen der Hamburger sollte sich mal dem Dauereinsatz stellen. Halten Shimano-Motor und Leichtbau-Parts auch im Alltag stand?
Für den Dauertest rekrutierten wir Outdoor-Filmprofi Christian Walter. Bei ihm musste sich das E-Inception nicht nur auf höhenmeterintensiven Feierabend-Runden im hochalpinen Kleinwalsertal beweisen. Christian nutzte das Stevens auch regelmäßig als Packesel für seine Filmtouren und hängte bergauf den Nachwuchs hinten an das Bike an. Schwerstarbeit, auch für den Shimano EP8 mit vollen 85 Newtonmetern.
Glänzen durfte das E-Bike auch auf größeren Touren um Massa Vecchia und in Ligurien. Hier machte sich der Akku bezahlt. 726 Wattstunden sind nach heutigen Maßstäben nicht mehr enorm viel, als das E-Inception vorgestellt wurde, war es aber in Sachen Reichweite kaum zu schlagen. Dazu bietet der verbaute Darfon-Akku (3,8 kg) bis heute ein sehr gutes Verhältnis aus Gewicht und Reichweite und sorgt so auch für ein attraktives Gesamtgewicht des Bikes. Kurze Runde im Boost-Modus oder lange Tagesetappe mit gedrosselter Unterstützung? Bei diesem Spagat setzte das E-Inception einst Maßstäbe und rangierte auf einem Niveau mit Klassikern wie dem Specialized Levo oder Rotwilds R.X 750.
Entsprechend intensiv wurde das Bike genutzt, trotz am Ende verhältnismäßig geringer Laufleistung. Kein Wunder, viele Höhenmeter fallen im Mountainbike-Einsatz oft mehr ins Gewicht als die reine Fahrstrecke. Verschleiß machte sich dabei vor allem am Hinterrad bemerkbar. Der Reifen selbst musste bald getauscht werden und ist zum Ende des Tests schon wieder fällig, auch die Zweikolben-Bremse hinten genehmigte sich auffällig viele Belag-Sätze. Bei 95 Kilo Fahrergewicht inklusive dickem Foto-Rucksack hätten vier Kolben am Heck vermutlich besser gepasst.
Ebenfalls auffällig, aber weniger überraschend: Die Vierkolben-Magura am Vorderrad zeigte im Test einen wandernden Druckpunkt. Zum Ende hin fällt der Hebel der Vorderbremse fast durch. Man kann mit Entlüften und Mobilisieren der Kolben gegenarbeiten, beides schafft aber immer nur temporär Abhilfe. Den erhöhten Wartungsaufwand kennen wir leider schon von vielen anderen Magura Bremsen. Kratzer am Hinterbau und die leicht abblätternde Gummi-Beschichtung des Covers gehen auf Kosten von nicht immer optimalem Transport und Verladung. Das Rad kann wenig dafür.
Die Diskussion über derartige Details zeigt aber auch: Insgesamt blieb das Stevens im Testzeitraum enorm unauffällig. Zum Ende des Tests haben wir das E-Inception in der BIKE-Werkstatt zerlegt und dabei selbst gemessen an der moderaten Laufleistung kaum Auffälligkeiten gefunden. Federelemente und Lager laufen noch sauber, die edlen Carbon-Felgen haben keinen Schlag oder gar Risse, auch der Shimano-Motor und der Darfon-Akku mit 726 Wattstunden machten keine Mucken.
Selbst die hochwertige XT-Kette liegt noch knapp unterhalb der Verschleißgrenze, die XTR-Schaltung sortiert die Gänge nach wie vor zuverlässig. Das zeigt: Gut gepflegt und ohne zu viel schlechtes Wetter können hochwertige Antriebskomponenten selbst am Full-Power-E-MTB eine Weile durchhalten. Geschont wurde das Bike im Uphill nicht – Christian fährt auf seiner Hausrunde mit 1500 Höhenmetern fast nur schmale Wege bergauf und ist bekennender Uphill-Trail-Fan.
Da es im Testzeitraum keine echten Defekte gab, fällt bei den Kosten vor allem der hohe Wertverlust ins Gewicht. Leider ist das nicht untypisch. Gerade bei E-Mountainbikes gehört selbst topaktuelle Technik schnell zum Alteisen. Daran können auch Edel-Parts wie die Carbon-Laufräder von Raceface, die XTR-Schaltung und die Fox-Factory-Parts nicht viel ändern. Wer ein Bike in dieser Preisklasse kauft, sollte sich dessen bewusst sein.
Das Stevens hat mich echt überzeugt. Die Geometrie ist bis heute topaktuell. Bis auf die hintere Bremse gibt's trotz Leichtbau keine Probleme im Dauerbetrieb. Der starke Alleskönner hat damit das Potential, ein wahrer Klassiker zu werden - Christian Walter, c:dub films
In der Bike-Branche ist der Kleinwalsertal-Local kein Unbekannter. Der Outdoor-Aficionado und Filmemacher setzt am liebsten auf Bike, Kite oder Ski und hat an der Schnittstelle von Sport, Outdoor und Film seine Berufung gefunden. Mit seiner Firma c:dub films hat er diverse Image-Kampagnen von Mountainbike bis Tourismus gedreht. Seine aktuelle Reportage über Bike-Bergsteiger Harald Philipp läuft als Teil der European Outdoor Filmtour (E.O.F.T.) noch bis Anfang 2025 in diversen deutschen Kinos.

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