Jeder kennt das Phänomen der rosaroten Brille: Anfangs scheint am Partner einfach alles perfekt zu sein. Doch nach und nach zeigen sich erste kleine Makel. Erst, wenn sich der rosa Schleier lichtet, wird ersichtlich, ob eine Beziehung auch auf Dauer funktionieren kann.
Ähnlich erging es uns auch beim Test des Radon Slide Trail 9.0 – dem Testsieger unseres All-Mountain-Vergleichstest. Mit seinem erstklassigen Fahrwerk, dem geringen Gewicht und einem überragenden Preis-Leistungs-Verhältnis erschien uns das Bike nahezu perfekt. Um zu überprüfen, ob das Radon auch noch überzeugen kann, wenn man die Phase der ersten Euphorie hinter sich gelassen hat, haben wir es durch unseren Dauertest geschleust.
Unser Dauertester Sergej Harsch hat sich uns für diesen Einsatz geradezu aufgedrängt. Warum? Er wollte ein Bike mit besonders großem Einsatzspektrum. Er sammelt viele Kilometer im Bikepark oder auf Enduro-Touren mit Liftunterstützung. Ein
potentes Fahrwerk mit viel Federweg war also Pflicht. Allerdings sollte dabei auch das Gewicht nicht ausufern, denn Pendelfahrten ins Büro oder kurze Feierabendrunden im Münchner Umland standen ebenfalls im Anforderungsprofil. Kein Problem für das Radon: Schon im Vergleichstest attestierten wir dem Versender-All-Mountain mit 150 Millimetern Federweg ein hervorragendes Fahrwerk.
Während am Heck ein Float-X-Dämpfer zum Einsatz kommt, glättet eine Fox-36-Federgabel mit vielfach einstellbarer Grip2-Kartusche die Schläge am Vorderrad. Durch den kurzen Reach und den knappen Radstand bleibt das Radon aber auch handlich und trifft den Kompromiss aus Laufruhe und Agilität. Beim Gewicht landet das Slide mit seinem Carbon-Hauptrahmen unter der 15-Kilo-Marke – so gelingt der Weg zur Arbeit ohne übermäßiges Schweißtreiben, und Touren machen auch ohne Liftunterstützung Spaß.
Zwar entpuppte sich das Slide bei den zahlreichen Besuchen im Bikepark erwartungsgemäß nicht als kompromissloser Baller-Bolide, das souveräne Fahrwerk leistete aber ganze Arbeit und hielt den Spaßfaktor hoch. „Besonders gefällt mir, dass Radon zu diesem Preispunkt eine so vielseitig verstellbare Gabel spezifiziert“, hebt Tester Sergej hervor. Auch erwähnenswert: der Alu-Hinterbau. Der hat während des Tests bei Stürzen oder beim Transport so einige Schläge und Macken abbekommen. „Carbon wäre da schon längst in die Brüche gegangen!“
Kritik gibt’s für die Magura-MT5-Stopper. Der Druckpunkt wanderte auch nach mehrmaligem Entlüften immer wieder gefährlich nahe in Richtung Lenker. Der Maxxis-Hinterreifen mit schmächtiger EXO-Karkasse entpuppte sich dem Einsatzbereich entsprechend als ungeeignet und musste nach mehreren Pannen Maxxis-Pneus mit massiver Double-Down-Karkasse weichen. Extremen Verschleiß erlitten während der Testphase aber nur die Bremsen. Beide Bremsscheiben haben nach zahlreichen Parkeinsätzen die Mindeststärke erreicht. In derselben Zeit nahm Sergejs Nutzungsverhalten auch vier Paar Bremsbeläge in Anspruch.
Ein gründlicher Check im Labor ergab, dass auch die 1700er-DT-Swiss-Laufräder unter dem Dauereinsatz gelitten haben. Diagnose: Ein Seitenschlag am Hinterrad, und beide Nabenlager laufen unrund. Ansonsten hat das Slide Trail den Langzeittest ohne größere Blessuren überstanden und kann rückblickend – trotz weniger kleiner Schwächen – auch ohne rosarote Brille überzeugen.
Müsste ich mir ein Bike kaufen, würde ich wieder das Radon wählen. Das, was die Bonner für aktuell 2799 Euro in den Versandkarton packen, ist beachtlich. Und nicht nur was die Qualität der Komponenten anbelangt. Auch an der Haltbarkeit gibt es kaum etwas auszusetzen. Wer einen Allrounder mit Reserven für die Abfahrt sucht, landet hier einen Volltreffer.
>> Hier finden Sie den Artikel: Radon Slide Trail 9.0: BIKE-Testsieger All Mountains 2022 <<