Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, die Ohren von Nils und Filip wären für einen Moment nach oben gewandert. Schon beim Testen zusammen mit der BIKE-Mannschaft am Reschensee grinsten die beiden ständig vom linken bis zum rechten Ohr. Dass sie die zwei ausgewählten Bikes dann auch noch für sechs weitere Monate fahren durften, krönte das Ganze noch.
Das Drag Ronin für 2290 Euro und das Rock Machine Blizzard für 2399 Euro zielen klar auf junge Bike-Aspiranten wie Nils und Filip. Die federwegsstarken Bikes eignen sich selbst für erste Bikepark-Besuche. Bislang feilten die beiden ausschließlich auf Hardtails an ihrer Fahrtechnik. Während sonst bei einem Dauertest bei BIKE akribisch das Fahrtenbuch gezückt und jeder Höhen- und Kilometer notiert wird, drückten wir in diesem Fall ein Auge zu. Wie misst man Kilometer, wenn die meiste Zeit das Vorderrad in der Luft hängt? Also ließen wir die Jungs einfach mal machen. Diverse Bikepark-Besuche und unzählige Runden auf den Hometrails standen auf dem Programm. Immer mit der Devise: erst die Fahrtechnik, dann die Kondition.
Zumindest bei Filip kamen dennoch einige Kilometer zusammen. Nils musste dagegen leider früh in die Zwangspause. Bei einem Unfall in der Trampolinhalle brach er sich den Fuß und pausierte zusammen mit dem Drag Ronin dann erst einmal für zweieinhalb Monate. So ist das im Leben eines Testers. Doch danach blieb immer noch genügend Zeit, sich stark zu verbessern. Auf die Frage nach ihren Lieblingstricks, antworteten die Jungs nicht etwa mit Wheelie oder Bunnyhop, sondern gleich mit Seatgrap, One-Hander oder gar Manual.
Ebenso überraschend arrangierten sie sich mit dem Gewicht der Bikes. In der kleinsten Rahmenhöhe waren beide Bikes zwar für Fahrer ab 1,60 Meter geeignet, brachten mit fahrfertigen 15,9 bzw. 16,2 Kilo aber doch einiges auf die Waage. "Das Ronin ist leichter als mein Hardtail, mit dem ich zur Schule fahre", gab Nils sogar unbeeindruckt vom Gewicht seines Fullys zu Protokoll. Wer ebenfalls nach einem Fully im All Mountain/Enduro-Segment für kleine Fahrer sucht, sollte sich auch die sechs Bikes auf Seite 99 anschauen. Zum Teil wiegen diese sogar unter 15 Kilo.
Unsere beiden Dauertest-Bikes haben nicht allzu viele Kilometer, dafür aber ordentlich Luft unter die Reifen bekommen. Die Schadensbilanz fällt dabei äußerst positiv aus.
Trotz 29-Zoll-Laufräder und Größe M als kleinstmöglicher Rahmen eignet sich das Drag Ronin bereits für kleine Fahrer. Nach anfänglichem Ausprobieren und Durchtauschen beim Test in Nauders, schnappte sich dann doch Nils das Bike mit den größeren Laufrädern. Mit 1,68 Metern überragt er nämlich Filip um eine Handbreite. Die bei uns noch eher unbekannte Marke Drag stammt aus Bulgarien und setzt auf fair kalkulierte Bikes. Das getestete Ronin ist das neueste Modell in der Palette und wurde vom deutschen Konstrukteur Andi Heimerdinger entworfen. Mit seiner 150-Millimeter-Gabel und 142 Millimetern Federweg am Hinterbau rangiert das Ronin in der All-Mountain-Klasse.
Mit 2245 Euro ist das Ronin Pro SLX das zweitgünstigste Modell im Angebot. Dafür schaltet der Kunde bereits mit der zuverlässigen Shimano-SLX-Gruppe. Für Komfort sorgt ein Rockshox-Fahrwerk. Die 35-Gold-Federgabel wird auch im Rock Machine verbaut, zählt jedoch zu den günstigeren Modellen. Breite WTB-Felgen und gut rollende Reifen komplettieren das robuste Ronin. Mit fast 3500 Gramm fällt allein der Viergelenker-Rahmen schon recht schwer aus. Das Gesamtgewicht summiert sich auf 15,6 Kilo ohne Pedale. Im Vergleich zu Nils’ altem Hardtail entpuppte sich das Ronin dennoch als Leichtgewicht. Auch die serienmäßige Teleskopstütze von Kindshock verdiente sich das Prädikat "mega-cool" und arbeitete zuverlässig, ohne Ausfälle. Doch es gab auch Kritik von Nils. Zum einen nutzten sich die Griffe extrem schnell ab, und die Shimano-Bremse konnte nur im Trockenen überzeugen. Bei Nässe verzögerte die günstige MT501 deutlich schlechter. Durch die langen Kettenstreben fällt es zudem schwer, das Bike in den Manual zu ziehen.
Mich hat das Drag Ronin auf jeden Fall überzeugt. Ich musste nichts tauschen und konnte meine Fahrtechnik damit stark verbessern. Das Bike ist haltbar und leise beim Fahren. Da es einen hochwertigen Eindruck macht, habe ich es auch einem Freund empfohlen, der sich das Ronin jetzt kaufen will.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 15,6 kg / 151/142 mm / 29"
Preis 2245 Euro*, Versandhandel
Rahmenmaterial Alu
Rahmengröße M / L / XL (43 cm)
MESSWERTE
Gewicht o. Pedale 15,59 kg
Rahmengewicht o. Dämpfer 3456 g
Gewicht Laufräder 5662 g
Lenkerbreite 780 mm
AUSSTATTUNG
Gabel Rockshox 35 Gold RL
Dämpfer Rockshox Deluxe Select+
Kurbeln Shimano FC MT610
Schaltung Shimano SLX 1x12
Übersetzung / Bandbreite 32; 10–51 / 510 %
Bremsanlage / Disc (vorne / hinten) Shimano MT501/500 / 180 mm / 180 mm
Teleskopstütze / Hub / Durchmesser Kindshock Rage / 150 mm / 31,6 mm
Laufräder Shimano MT400/510-Naben; WTB ST i29-Felgen
Reifen Schwalbe Hans Dampf Perform. 29 x 2,35
*Preis ggf. zzgl. Kosten für Verpackung, Versand und Abstimmung.
Mit dem Blizzard hat die tschechische Marke Rock Machine ein lupenreines Enduro mit Stahlfederdämpfer im Programm. In der kleinsten Rahmengröße (M) passte es perfekt für den 14-jährigen Filip. Denn entgegen den aktuellen Trends kommen beim Blizzard 27,5-Zoll-Laufräder zum Einsatz. Vor allem kleinere Fahrer profitieren von diesem Maß und den damit verbundenen 426 Millimeter kurzen Kettenstreben. Durch den kompakten Radstand bleibt das Blizzard trotz flachem Lenkwinkel wendig und geht auch mit wenig Körpereinsatz willig aufs Hinterrad. Perfekt, um an der Fahrtechnik zu feilen und Tricks wie den Manual zu erlernen. Einer der Lieblingstricks von Filip.
Auch wenn die Größe des Bikes passte, zeigte sich der Stahlfederdämpfer von den 48 Kilo Fahrergewicht etwas unbeeindruckt. Selbst mit der softesten Serienfeder (350 lbs) war der Federweg nicht ansatzweise nutzbar. Erst Fahrwerks-Tuner MRC-Trading konnte mit einer 250er-Feder aushelfen, mit der der Hinterbau schließlich sahnig und ohne Nachpumpen ansprach. Durch den Stahlfederdämpfer wiegt das Rock Machine allerdings 300 Gramm mehr als das Drag. Doch auch Filip störte sich wenig am hohen Gewicht. "Ich bin sowieso nicht der Bergauffahrer", sagt Filip. Durch die etwas größere Kilometerleistung, die Filip auf dem Blizzard abspulte, gab es etwas mehr Problemchen. So schaltete das Sram-SX-Eagle-Schaltwerk bereits früh recht unpräzise. Auch ein neues Schaltauge brachte nur wenig Besserung. Beim Parallelogramm des Schaltwerks stellte sich nämlich Spiel ein. Bei etwa 900 Kilometern machte der Bowdenzug der Teleskopstütze schlapp, und auch die Griffe waren genauso schnell abgewetzt wie beim Drag.
Das Blizzard ist ein solides Enduro, das gemessen am Preis sehr gut dasteht. Für eine bessere Touren-Tauglichkeit wären schnellere Reifen sinnvoll. Ich würde es auf jeden Fall weiter empfehlen, auch wenn mein Lieblings-Bike ein schwarzes Santa Cruz Nomad mit AXS-Schaltung ist.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 15,9 kg / 160/154 mm / 27,5"
Preis 2399 Euro, Fachhandel
Rahmenmaterial Alu
Rahmengröße M / L / XL (42 cm)
MESSWERTE
Gewicht o. Pedale 15,89 kg
Rahmengewicht o. Dämpfer 3125 g
Gewicht Laufräder 5809 g
Lenkerbreite 760 mm
AUSSTATTUNG
Gabel Rockshox 35 Gold RL
Dämpfer Rockshox Super Deluxe Select Coil
Kurbeln Sram X1 1000
Schaltung Sram SX Eagle 1 x 12
Übersetzung / Bandbreite 32; 11–50 / 454 %
Bremsanlage / Disc (vorne / hinten) Shimano MT 401/420 / 180 mm / 180 mm
Teleskopstütze / Hub / Durchmesser One 1 / 125 mm / 30,9 mm
Laufräder Shimano MT400B-Naben; WTB ST i29-Felgen
Reifen WTB Vigilante/Trialboss 27,5 x 2,5/2,4
Diese sechs Versender-Bikes bieten ebenfalls Federwege ab 150 Millimeter aufwärts und eignen sich bereits für Fahrer um 1,60 Meter Körpergröße. Mit dem Radon Jab für 2699 Euro ist sogar ein sehr leichtes Carbon-Enduro mit von der Partie.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 2199 Euro I 160 mm/150 mm I 14,5 kg
Das Spectral liegt zwischen den beiden Kategorien All Mountain und Enduro und hat bereits mehrfach in Tests geglänzt. Mit 27,5-Zoll-Laufrädern ist es in Größe XS auch für Fahrer unter 162 Zentimeter geeignet. Mit Rockshox Fahrwerk und Sram-NX-Eagle-Schaltung soll es 14,5 Kilo wiegen.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 2299 Euro I 160 mm/160 mm I 15,5 kg
In der Junior-Ausführung können Kids ab 140 Zentimetern Größe bereits zum Clash greifen. Das Bike kommt mit 27,5-Zoll-Laufrädern und einer Rockshox-Gold-RL-Gabel sowie einem Deluxe-Select+Dämpfer. Geschaltet wird mit Srams NX-Eagle-Gruppe. Die Felgen kommen beim Versender aus Andorra von WTB.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 2699 Euro I 170 mm/160 mm I 13,5 kg
Das Jab mit 27,5-Zoll-Laufrädern kostet in dieser Übersicht zwar am meisten, ist jedoch jeden Cent wert. Das leichte Enduro besitzt bereits einen Vollcarbon-Rahmen und ein hochwertiges Fahrwerk mit Rockshox-Lyrik-Select-Gabel und Deluxe-Select+Dämpfer. Auch die Schaltung fällt mit einem Shimano-SLX/XT-Mix sehr gut aus.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 2299 Euro I 180 mm/180 mm I 14,4 kg
Das Capra gibt es in zwei unterschiedlichen Laufradgrößen. Mit den kleineren 27,5er-Laufrädern beginnen die Rahmen bei Größe S. In diesem Setup bietet das YT stattliche 180 Millimeter Federweg und tendiert in Richtung Freeride. Rockshox Yari RC, Sram-SX-Eagle-Schaltung und DT-E1900-Laufräder sind verbaut.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 2399 Euro I 170 mm/160 mm I 14,8 kg
Auch Versender Propain bietet sein neues Enduro Tyee in zwei Laufradgrößen an. Biker ab 1,58 Meter greifen daher zu 27,5 Zoll. Der Einstieg beginnt beim Startmodell mit Alu-Rahmen und Rockshox-Yari-RC-Gabel. Zusammen mit einer Sram-GX-Eagle-Schaltung und ZTR-Flow-Felgen kommt das Enduro auf 14,8 Kilo.
Gewicht / Federweg vorne/hinten / Reifengröße 1899 Euro I 150 mm/150 mm I 15,3 kg
Das komplett neu konzipierte Root Miller wurde mit mehr Federweg ausgestattet und rollt bereits auf 29-Zoll-Laufrädern. Dadurch ist das Bike mehr potentes All Mountain als Enduro. Spannend ist der Preis von weniger als 2000 Euro. Dafür gibt es bereits eine Sram-NX-Eagle-Schaltung und ein Rockshox-Fahrwerk (35 Gold RL/Deluxe Select+).
Diesen Artikel finden Sie in BIKE 7/2020. Die gesamte Digital-Ausgabe können Sie in der BIKE-App (iTunes und Google Play) lesen oder die Print-Ausgabe im DK-Shop nachbestellen – solange der Vorrat reicht: