Max Fuchs
· 11.05.2026
Nach einem Jahr im Dauereinsatz bleibt das Canyon Spectral CF 9 das, was ich mir erhofft habe: ein Allrounder, der fast alles richtig gut kann. In keiner Hinsicht perfekt, aber vielseitig genug, um damit in jedem Szenario eine gute Zeit zu haben. Und genau das ist am Ende das, was für mich zählt. - Lukas Königer, BIKE-Dauertester
| Modell | Canyon Spectral 9 |
| Einsatzbereich | All Mountain |
| Rahmenmaterial | Carbon |
| Preis / Gewicht | 4.999 € / 14,9 kg |
| Größen | M / 475 mm |
| Laufradgröße | 29 Zoll |
| Federweg vorne / hinten | 150 mm / 140 mm |
| Gabel / Dämpfer | RockShox Lyrik Ultimate / SuperDeluxe Ultimate |
| Bremse / Schaltung | SRAM Code / SRAM GX AXS T-Type |
| Laufleistung Test | 1810 km / 78.312 hm |
| Funktionalität | 6/6 |
| Haltbarkeit | 4/6 |
Ein Rahmenbruch ist selten der Auftakt zu einer guten Geschichte. In meinem Fall aber schon. Ende 2024 verabschiedete sich mein Banshee Titan – ein Riss im Rahmen legte mein treues Enduro abrupt lahm. Totalschaden, und ich stand ohne Bike da.
Doch statt Drama folgte das perfekte Timing, denn für die Saison 2025 sollte ich zum ersten Mal als Dauertestfahrer ein Komplettbike in die Mangel nehmen – das Testsieger-All-Mountain Canyon Spectral CF 9. Fast so, als hätte ich den Defekt meines Banshee kalkuliert, stand das Testbike nur wenige Tage später im BIKE-Testkeller zur Abholung bereit.
Das erste Kapitel schrieben wir nicht im winterlichen Franken zwischen Geschenkestress und Festtagsbraten, sondern dort, wo sich Reifen die Zähne ausbeißen und Bremsen glühen: im Enduro-Mekka Finale Ligure. Und obwohl ich mir mit nur 140 Millimetern Federweg im Heck zwischen all den fetten Enduro-Boliden ziemlich „underbiked“ vorkam, sprang der Funke sofort über.
Ich stieg auf und fühlte mich wohl. Keine Eingewöhnungsphase, nur wenig Getüftel an den Einstellungen. Nichts schreit nach Aufmerksamkeit – außer vielleicht die Limoncello-Lackierung. Ganz nach dem Motto: draufsetzen und wohlfühlen. Es kam mir vor, als würde ich das Bike schon ewig kennen.
Komplett reibungslos verlief unser Start dann aber doch nicht. Der erste Patzer: Die viel zu lange Bremsleitung am Vorderrad war optisch wie praktisch in meinen Augen ein No-Go. Und dann noch die Laufräder: tubeless-ready, aber mit Schlauch ausgeliefert. Bei diesem Preispunkt hätte ich als Otto Normalverbraucher gehofft, dass ich mir nicht noch vor der ersten Ausfahrt beim Tubeless-Setup die Hände schmutzig machen muss.
Lob gibt es dafür für die 200er Bremsscheiben vorne wie hinten. An einem Bike mit nur 150 und 140 Millimetern Federweg steckt darin schon ein erster Hinweis auf das Abfahrtspotenzial. Und davon schlummert im Spectral CF 9 jede Menge.
Vor allem in der flachen Geometrie-Position: 64 Grad Lenkwinkel und satte 475 Millimeter Reach – das sind Werte, die aus der Enduro-Liga stammen. Das Resultat: ein messerscharfer Geradeauslauf, der auf ruppigen Trails viel Laufruhe bringt und Selbstvertrauen schafft.
Auch bergauf ergibt das Spectral Sinn. Schön antriebsneutral und effizient erklimmt man damit lange Anstiege entspannt, ohne den Plattformhebel am Dämpfer umlegen zu müssen. Der steile Sitzwinkel macht sich besonders in steilen Passagen bezahlt. Hier bleibt das Vorderrad auch ohne viel Körpereinsatz am Boden.
Wer die maximale Steigfähigkeit des Canyon freischalten will, kann den Geo-Flipchip auf „high“ stellen. Dann fühlt sich das Bike noch spritziger an und klettert selbst steilste Rampen hinauf. Kletter-Ass und Mini-Enduro in einem – vielseitig ist die Spectral-Plattform allemal.
Im März lagen dann zum ersten Mal die Nerven blank. Schuld war die Code-Bremsanlage von Sram. Vor allem am Hinterrad ging mir das ständige Durchpunktwandern auf den Keks. Später schlich sich auch noch das Sram-typische Slow-Lever-Syndrom ein. Durch die träge Hebelrückstellung fehlte der Gegendruck am Finger. Mehrmaliges Entlüften, Kolbenmassage: alles ohne Erfolg. Also flogen die Code-Bremsen raus und ich montierte eine eigene Bremsanlage: die Trickstuff Diretissima.
Durch den sehr langen Hauptrahmen und den moderaten Stack lastet viel Druck auf der Front. Für eine gleichmäßigere Radlastverteilung habe ich von Anfang an alle Spacer unter den Vorbau gesteckt. So stand ich aufrechter und zentraler im Bike. Perfekt war die Fahrposition allerdings immer noch nicht. Also habe ich den Canyon-Lenker mit 30 Millimetern Rise gegen ein Modell mit 55 Millimetern getauscht – und zack: Sweetspot.
Kein echter Defekt, aber auf Dauer nervig: Gegen Ende des Tests gab der Hinterbau bei jeder Federbewegung ein schrilles Quietschen von sich. Nicht laut, aber präsent genug, um auf Dauer zu nerven. Nach einem langwierigen Troubleshooting entpuppte sich die Leitungsdurchführung zwischen Hauptrahmen und Hinterbau als Übeltäter.
Der einzige größere Defekt geht auf das Konto der DT-Swiss-XM1700-Laufräder: Nach nur 700 Kilometern und etwa 25.000 Tiefenmetern hingen einige Speichen wie halbgare Spaghetti im Hinterrad. Messungen mit dem Tensiometer attestierten auch am Vorderrad hier und da zu wenig Spannung und ich musste beide Laufräder nachzentrieren.
Über ein ganzes Jahr hinweg – auf den Hometrails, in zahlreichen Bikeparks und bei alpinen Touren – haben sich 78.312 Höhenmeter und 1810 Kilometer angesammelt. Dabei hat sich schnell herauskristallisiert, wo die Stärken des Canyon Spectral CF 9 liegen: lange Tage im Sattel, moderate Trails vor der Haustür und abwechslungsreiche Touren – dort fühlt es sich zu Hause.
Das Bike ist spritzig und verspielt, bleibt aber dennoch stabil, wenn es rauer wird. Diese Balance bringt in fast allen Lebenslagen viel Fahrspaß. Obendrein ermutigt der ausgeprägte Vortrieb dazu, auch lange Strecken unter die Stollen zu nehmen. So sind dem Spectral gefühlt keine Grenzen gesetzt.
Logisch: Wenn es Wurzelfelder und fette Drops zu verdauen gilt, kann sich ein All Mountain schon mal verschlucken. Zumindest eher als ich es von meinem Bashee gewohnt war. Sobald die Schlagabfolgen schneller und härter einprasseln, zeigt das poppige Fahrwerk seine Grenzen und macht klar: Das hier ist kein Enduro. Muss es aber auch nicht sein.
| Pros | Cons |
| Vielseitige Fahreigenschaften | Defekte Laufräder |
| Viele Highend-Komponenten | Geräuschentwicklung |
| Fairer Preis | Unzuverlässige Bremsen |
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Redakteur