Ohne Nachwuchs keine Zukunft. Das gilt auch für den MTB-Sport. Junge Talente brauchen für eine Sportkarriere gezielte Unterstützung und Förderung. Im internationalen Vergleich hinkt Deutschland jedoch hinterher. Wir werfen einen Blick auf die Nachwuchsförderung im Mountainbike-Sport.
Mountainbiken boomt. Trails werden voller, Bikeparks größer, E-MTBs sind in Deutschland allgegenwärtig. Gleichzeitig kämpfen viele Vereine und Verbände mit einem Problem, das deutlich weniger sichtbar ist: dem fehlenden Nachwuchs im organisierten Sport. Während Freizeitfahrer die Berge bevölkern, fehlt es vielerorts an strukturierten Angeboten für Kinder und Jugendliche. Dabei entscheidet genau diese Basis darüber, wie sich der Mountainbike-Sport in Deutschland langfristig entwickelt. Der Leistungssport beginnt selten auf Weltcup-Niveau. Er beginnt auf dem Schulhof, bei Vereinsausfahrten oder auf improvisierten Technikparcours hinter der Turnhalle. Genau dort entstehen die Talente von morgen – vorausgesetzt, sie finden die richtigen Strukturen vor.
Der organisierte Nachwuchssport im Mountainbike-Bereich wird in Deutschland vor allem von Vereinen und Landesverbänden getragen. German Cycling, einst der Bund Deutscher Radfahrer (BDR), koordiniert Sichtungsrennen, Trainingskonzepte und Förderprogramme, während Vereine die eigentliche Basisarbeit leisten. Laut German Cycling gehören Nachwuchsgewinnung und Talentförderung zu den zentralen Aufgaben des Verbandes. Besonders wichtig sind regionale Rennserien wie etwa der Mitteldeutsche XCO-Bikecup oder der Schwarzwälder Mountainbike Cup. Hier sammeln Kinder und Jugendliche erste Wettkampferfahrung, ohne direkt dem Druck internationaler Rennen ausgesetzt zu sein. Die Formate verbinden sportlichen Wettbewerb mit Fahrtechnik, Gemeinschaft und niedrigschwelligen Einstiegsmöglichkeiten.
Doch erfolgreiche Nachwuchsarbeit bedeutet weit mehr als Rennen. Viele Vereine setzen inzwischen auf breit angelegte Konzepte mit Fahrtechniktraining, Athletik, Schulkooperationen und gemeinsamen Trailprojekten. Der Sportverein Dresdner SC etwa beschreibt seine Förderung als langfristigen Aufbau „von der Talentfindung bis zum Leistungstraining“. Gleichzeitig bieten viele Clubs bewusst unkomplizierte Probetrainings an, oft sogar mit Leihrädern für Einsteiger.
Gerade im Mountainbike-Sport ist der Zugang entscheidend. Anders als im Fußball existieren vielerorts keine frei verfügbaren Trainingsflächen. Trails müssen genehmigt, gepflegt und abgesichert werden. Bikeparks kosten Geld, Trainer benötigen Ausbildung, Versicherungen und Vereinsarbeit verschlingen Zeit. Ohne Ehrenamt funktioniert diese Infrastruktur nicht. Das wird zunehmend zum Problem. Viele Vereine berichten von fehlenden Übungsleitern, steigenden organisatorischen Anforderungen und einer schwierigen Nachwuchsgewinnung. Gleichzeitig verändert sich das Freizeitverhalten junger Fahrer. Social Media, Gravity-Content und die starke Individualisierung des Sports sorgen dafür, dass klassische Vereinsmodelle oft an Attraktivität verlieren. Diskussionen in der Community zeigen zudem, dass sich manche junge Fahrer von traditionellen Vereinsstrukturen nicht ausreichend angesprochen fühlen.
Hinzu kommen politische und gesellschaftliche Herausforderungen. Die Diskussionen um Trailnutzung, Naturschutz und gesetzliche Einschränkungen zeigen, wie wichtig organisierte Interessenvertretungen geworden sind. Ohne legale Trainingsmöglichkeiten wird Nachwuchsarbeit kaum möglich sein. Verbände wie die Deutsche Initiative Mountainbike (DIMB) engagieren sich deshalb zunehmend nicht nur sportlich, sondern auch politisch für den Erhalt und Ausbau legaler MTB-Infrastruktur.
Dabei zeigt der internationale Vergleich längst, wie erfolgreich nachhaltige Förderung sein kann. Nationen wie Frankreich, die Schweiz oder Großbritannien investieren seit Jahren massiv in regionale Trainingszentren, Schulprogramme und moderne Vereinsstrukturen. Deutschland dagegen lebt vielerorts noch vom Engagement einzelner Ehrenamtlicher. Trotzdem gibt es auch positive Entwicklungen. Immer mehr Vereine öffnen sich neuen Formaten: Girls-Camps, Fahrtechnik-Kurse für Anfänger, schulische MTB-AGs oder vereinsübergreifende Nachwuchsprojekte gewinnen an Bedeutung. Auch die deutsche Radsportjugend baut ihre Nachwuchssichtungen und Schulsportmeisterschaften kontinuierlich aus.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Mountainbiken Nachwuchs begeistert. Das tut der Sport längst. Entscheidend ist vielmehr, ob es gelingt, aus dieser Begeisterung langfristige Strukturen entstehen zu lassen. Talente wachsen nicht zufällig. Sie brauchen Trainer, Strecken, Vereine und Menschen, die Zeit investieren. Die Zukunft des Mountainbike-Sports entscheidet sich deshalb nicht nur auf Weltcup-Podien – sondern vor allem dort, wo Kinder zum ersten Mal mit schmutzigen Reifen aus dem Wald zurückkommen.
Als Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler habe ich viele MTB-Jugendprojekte selbst begleitet. Manchmal ist es regelrecht erschreckend, wie wenige Ressourcen in diesem Feld zur Verfügung stehen. Andere Länder machen längst vor, wie Mountainbike-Nachwuchsförderung aussehen kann. Erfolg auf der Weltbühne des Sports braucht eine Basis, die meiner Meinung nach nicht nur auf Ehrenamt fußen kann. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

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