Wer noch vor wenigen Jahren vom klassischen Bike auf ein E-MTB umsatteln wollte, hatte leichtes Spiel. Nur eine Handvoll Hersteller hatten überhaupt geländetaugliche E-Bikes im Programm. Ein paar Hardtails für eine Randzielgruppe, Fullys gab es praktisch keine. Niemand hätte gedacht, dass sich der Spieß in so kurzer Zeit umdrehen würde. Heute stecken viele Hersteller mehr Geld in die Entwicklung der motorisierten Bikes, einige haben sich sogar ganz aus dem rein muskelbetriebenen Mountainbike-Segment verabschiedet. Der E-MTB-Markt boomt, aber die Folge ist ein schier undurchdringlicher Dschungel aus unterschiedlichen Kategorien, Modellen und Preisklassen. Und während sich beim klassischen Bike die Fragen um Federungen, Schaltungen, Scheibenbremsen, Laufräder und Gewichte drehen, fällt der Fokus jetzt vor allem auf den Antrieb. Der Markt bietet zahlreiche Motorenfabrikate, und auch die Vielfalt verfügbarer Akku-Lösungen wird immer größer.
Ein komplexes Thema, bei dem man sich schnell überfordert sieht. Auf den folgenden Seiten wollen wir Ihnen daher erst mal eine grobe Orientierung geben. Danach sollten Sie in der Lage sein, die wichtigsten Fragen für sich beantworten zu können: Welcher E-MTB-Typ bin ich? Was soll mein Bike können? Welcher Antrieb passt am besten zu meinen Ansprüchen? Wie viel Akku-Kapazität brauche ich? Soll der Akku integriert sein oder einfach zu tauschen? Und natürlich: Was kostet der ganze Spaß überhaupt? Wenn Sie darauf die passenden Antworten gefunden haben, können Sie ruhigen Gewissens den Weg in den nächsten Bikeshop antreten. Wenn Sie zuvor schon tiefer in die Materie eindringen wollen, finden Sie in EMTB eine Fülle weiterer Informationen. So haben wir 21 Bikes aus unterschiedlichen Kategorien in dieser Ausgabe getestet. Viel Erfolg!
Wer einen Sportwagen sucht, braucht sich nicht im Diesel-Segment umzuschauen. So ähnlich verhält sich das auch bei der Suche nach dem passenden E-Bike. Für jeden Einsatzzweck gibt es mittlerweile den passenden Untersatz. Man muss sich nur im Klaren sein, was man damit anstellen will. Wollen Sie vorwiegend auf Schotterwegen ein bisschen Bergluft schnuppern, dann brauchen Sie keine 160 Millimeter Federweg. Wer den Spaß im Gelände sucht, wird mit einem Hardtail nicht glücklich werden. Machen Sie sich also Gedanken, welcher Biker-Typ Sie sind, wo Sie hauptsächlich biken, welche sportlichen Voraussetzungen Sie mitbringen, aber auch, was Sie sich als Ziele vorgenommen haben. Auf den nächsten Seite helfen wir Ihnen dabei.
Alles dreht sich ums Geld – natürlich auch bei der Auswahl des E-MTBs. Wie viel man für ein Bike ausgeben muss, hängt natürlich davon ab, was man damit machen will – also wo und wie intensiv man das Bike nutzt. Ganz grob geht der Offroad-Spaß bei etwa 2300 Euro los. Dafür bekommt man ein Hardtail, das man im einfacheren Gelände einsetzen kann. Vollgefederten Bikes sind kaum Grenzen gesetzt – limitierend wirkt hier eher die eigene Fahrtechnik. Bei Fullys liegt der Einstieg bei etwa 3300 Euro. Das beste Preis/Leistungsverhältnis findet man in der Preisklasse zwischen 3500 und 4500 Euro.
Fully oder Hardtail, Federwege, Laufradgrößen – die Auswahl an E-MTBs wird immer größer. Welcher E-MTB-Typ sind Sie?
Sie wollen sich nicht unnötig plagen und auch kein Rennen gewinnen. Sie brauchen ein komfortables Bike für den Ausflug zum Biergarten, auf die Hütte oder nach Feierabend rund um den See. Sie suchen keine anspruchsvollen Trails, haben aber nichts dagegen, auch mal über Stock und Stein zu fahren. Eine bequeme Sitzposition auf dem Bike ist Ihnen wichtiger als die ultimative Steigfähigkeit. Dann sind Sie der Genuss-Biker.
Komfort-Hardtail
Hardtail und Komfort – eigentlich widersprechen sich diese Begriffe. Doch es gibt probate Mittel, das harte Heck auszugleichen. Komfort-Hardtails sollten auf dicken Plus-Reifen rollen, die auch die kleinen Schläge auf Schotterwegen filtern. Vorne stecken Gabeln mit 100–120 Millimetern Federweg Schlaglöcher weg. Die Sitzposition ist aufrecht und komfortabel.
Komfort-Fully
Eine Vollfederung ist grundsätzlich ein Vorteil, beim E-MTB noch mehr als beim klassischen Bike. Bereits die kleinen Unebenheiten eines Schotterweges filtern diese Bikes viel besser, bei Schlaglöchern bleibt man einfach sitzen. Die Sitzposition ist, wie beim Hardtail, aufrecht. Die Federwege dieser Bikes pendeln sich in der Regel zwischen 100 und 120 Millimetern ein.
Sie setzen sich aufs Bike, weil Sie Körper und Material fordern wollen. So trainieren Sie regelmäßig bei Wind und Wetter auf Ihrer Hausrunde. Sie betrachten Ihr Bike als Sportgerät, Sie hegen und pflegen es und verstauen es nach dem Einsatz sorgsam. Sie brauchen nicht viel Federweg, denn Ihr Fokus liegt nicht auf anspruchsvollen Downhills. Viel wichtiger ist Ihnen das Gewicht ihres Bikes. Dann sind Sie der Performance-Biker.
Racehardtail
Der Name mag etwas täuschen, denn echte Rennen, bei denen diese Bikes punkten könnten, gibt es noch gar nicht. Hier geht es eher um den sportlichen Anspruch, die das Klientel dieser Bikes hat. Um die 100 Millimeter Federweg, sportlich gestreckte Geometrie und möglichst geringes Gewicht – das macht diese Art Bikes aus. Gewicht hat auch beim Antrieb Priorität, nicht die pure Leistung. Manche dieser Bikes fahren mit sogenannten Minimal-Assist-Antrieben (z. B. von Fazua) und punkten mit Gewichten weit unter 20 Kilo.
RaceFully
Das vollgefederte Pendant in dieser Kategorie. Ebenfalls gestreckte Sitzposition, weniger auf Komfort und mehr auf Effizienz ausgelegt. Die Federwege dieser Bikes bewegen sich um die 120 Millimeter.
Sie lieben technische Singletrails und technische Abfahrten. Als unmotorisierter Biker waren die Anstiege für Sie nur Mittel zum Zweck, die Abfahrt stand im Vordergrund. Dank Motorunterstützung machen Ihnen jetzt auch die Uphills Spaß. Und auch hier besonders die kniffligen Trail-Passagen. Aber manchmal nutzen Sie Ihr E-MTB auch einfach, um sich die wertvolle Kraft für die Abfahrt zu sparen. Dann sind Sie ein Trail-Biker.
Trail-Fully
Der Weg ist das Ziel, und das soll möglichst viel Spaß machen. Trailbikes sind, wie der Name schon sagt, für den reinen Geländeeinsatz konzipiert. Deshalb gibt es in dieser Kategorie auch keine Hardtails. Sie besitzen Federwege zwischen 120 und 160 Millimetern und flache Geometrien mit langen Vorderbauten (Reach). Manche Hersteller achten auf kurze Kettenstreben für maximale Wendigkeit. Trailbikes haben stark profilierte Reifen für maximalen Grip und rollen neuerdings immer mehr auf gemischten Laufradgrößen (27,5 Zoll hinten, 29 Zoll vorne).
Enduro
Das sind die abfahrtslastigen Versionen der Trail- bikes. E-Enduros besitzen Federwege ab 160 Millimeter, starke Bremsen und extrabreite Lenker. Material und Gelände sind nicht limitierend, Grenzen setzt nur die eigene Fahrtechnik.
Der Motor ist das Herzstück des E-MTBs. Je nach Einsatzbereich und Bike-Kategorie kommen verschiedene Systeme in Frage. Vor der finalen Entscheidung sollte eine Probefahrt stehen. Hier ein Überblick:
Bosch Performance CX
Gewicht 3,9 kg
Max. Dauerleistung 518 Watt
Unterstützungsstufen 4
Der wohl bewährteste Motor auf dem Markt: stark, robust, standfest. Nach wie vor top für Biker, die im alpinen Gelände unterwegs sind. Gibt es mit leichtem externem Akku oder mit integrierter Powertube-Batterie.
Brose Drive S Mag
Gewicht 2,9 kg
Max. Dauerleistung 493 Watt
Unterstützungsstufen 4 (einstellbar)
Leise, kräftig, gut dosierbar – die neueste Brose-Generation legt momentan die Messlatte hoch. Vor allem durch das hohe Drehmoment bei niedriger Umdrehung. Bisher nur bei Specialized und Rotwild verbaut.
Fazua Evation
Gewicht 3,3 kg (mit Akku)
Max. Dauerleistung 313 Watt
Unterstützungsstufen 3
Dieser sogenannte Minimal-Assist-Antrieb punktet mit leichtem Gewicht und geringem Bauraum. Leistung steht nicht im Vordergrund. Bereits von vielen Herstellern verbaut, z. B. Focus, Lapierre, Bulls und Fantic.
Panasonic GX0
Gewicht 2,95 kg
Max. Dauerleistung 600 Watt (Herstellerangabe)
Unterstützungsstufen 4 (einstellbar)
Panasonic kommt in diesem Jahr mit dem Top-Modell GX0 auf den Markt. Dieser Motor wird in einigen Modellen von Flyer verbaut sein. Wir haben den Antrieb allerdings bis dato noch nicht getestet.
Rocky Mountain Powerplay
Gewicht k.A.
Max. Dauerleistung 472 Watt
Unterstützungsstufen 3 (einstellbar)
Die Eigenentwicklung der kanadischen Kultschmiede Rocky Mountain wird leider auch nur in den eigenen Bikes verbaut. Schade, da der unkonventionelle Motor enorm stark und besonders gut dosierbar ist.
Shimano Steps E8000
Gewicht 3,0 kg
Max. Dauerleistung 445 Watt
Unterstützungsstufen 4 (einstellbar)
Mit Bosch der am meisten verbaute E-MTB-Motor, findet man oft in oberen Preisklassen. Kompakt, leicht und ausreichend stark. Allerdings nicht ganz so reichhöhenstark und standfest wie etwa der Bosch.
TQ Systems
Gewicht 4,4 kg
Max. Dauerleistung 734 Watt
Unterstützungsstufen 5 (einstellbar)
Der Kraftprotz unter den E-MTB-Motoren. 120 Nm Drehmoment leistet sonst keiner. Deutsche Produktion, sehr edel verarbeitet. Prominentestes Bike mit TQ ist das neue Haibike Flyon.
Yamaha PW-X
Gewicht 3,1 kg
Max. Dauerleistung 485 Watt
Unterstützungsstufen 5 (einstellbar)
Der PW-X ist ein echter Bosch- und Shimano-Schreck. Er ist kräftig, durchzugsstark und bestens dosierbar.
Bei Haibike findet man den Motor in vielen Bikes, einige Hersteller verbauen nur die schwächere PW-Version.
Integration ist in aller Munde. dabei hat der aufgesetzte akku die größten vorteile. In Sachen Ästhetik punkten die integrierten Lösungen.
Klick- oder Flatpedale
Gechmackssache. Klickpedale sorgen für eine feste Verbindung zwischen Schuh und Pedal und verhindern das Abrutschen vom Pedal. Auf Plattformpedalen gewöhnt man sich beim Fahrtechniküben weniger Fehler an, und wenn es brenzlig wird, kann man den Fuß schneller vom Pedal ziehen. Das Starten in schwierigem Gelände ist ebenfalls mit Flatpedals viel leichter.
Reserve-Akku
Wer lange Tages-Touren vorhat und nicht unbedingt an Akku-Leistung sparen will, kommt mit nur einer Batterie selten aus. Ein Reserve-Akku im Rucksack ist zwar Ballast, verdoppelt aber die Reichhöhe und gibt Sicherheit. Auch hier kann man versuchen, gleich beim Kauf einen guten Preis für das Gesamtpaket rauszuschlagen. Tipp für Bosch Motoren: Reserve-Akkus gibt es auch mit nur 400 Wh. Die sind billiger.
Reifenwahl
Viel hilft viel. Das gilt auf für E-MTB-Reifen. Je dicker, desto besser ist die Traktion und der Komfort im Gelände. Den Rollwiderstand kann man beim E-MTB getrost vernachlässigen. Viele Hersteller montieren ab Werk viel zu leichte und schmale Reifen. Am besten man achtet schon beim Kauf darauf. Viele Händler reagieren kulant auf Änderungswünsche.
Übersetzung
Die passende Übersetzung hängt davon ab, wo man unterwegs ist. Wer alpine Touren vorhat, sollte auf eine kurze Bergübersetzung achten. Bei Bosch-Motoren bedeutet das: vorderes Ritzel nicht größer als 16 Zähne (andere Motoren: bis 38), hinten empfiehlt sich ein 36er als größtes Ritzel.
Teleskopstütze
Eine vom Lenker aus verstellbare Sattelstütze gehört eigentlich an jedes Mountainbike. Bergab fährt man mit niedrigerem Sattel sicherer und schneller. Leider fällt dieses wichtige Teil bei günstigeren Bikes oft dem Rotstift zum Opfer. Wer regelmäßig in Regionen fährt, wo das Gelände ständig zwischen steil bergauf und bergab wechselt, greift besser gleich zum teureren Modell mit Vario-Stütze.
Laufradgrößen
Wer sich heute ein E-MTB zulegt, hat die Wahl zwischen den Laufradstandards 27,5 und den größeren 29-Zöllern. Bei Hardtails empfehlen wir entweder die 29er oder 27,5er mit der dicken Plus-Bereifung. Dafür muss aber die Felgenbreite passen (mindestens 30 mm Innendurchmesser) und die nötige Rahmenfreiheit gegeben sein. Bei vollgefederten E-MTBs machen beide Laufradgrößen Sinn. Momentan im Trend: hinten 27,5 mit dicker Plus-Bereifung und vorne etwas schmalere 29-Zoll-Reifen. Diese Kombination vereint das Beste aus zwei Welten.
Kurbellänge
Kürzere Kurbeln verhindern Pedalaufsetzer und geben Sicherheit. 175 Millimeter, das Standardmaß bei klassischen Mountainbikes, braucht am E-MTB keiner. Besser sind 170 oder gleich 165 Millimeter.
Vorsicht Tuning!
Auch wenn’s verlockend ist: Motor-Tuning ist illegal und kein Bagatelldelikt. Zudem schadet es dem Sport. Die Herstellergarantie erlischt, und im Falle eines Unfalls droht Ärger mit der Versicherung. Auch wenn die Tuningkits bei manchen Händlern einladend im Regal liegen: lehnen Sie dankend ab. Nehmen Sie es sportlich und strampeln Sie über 25 km/h einfach mehr in die Pedale.