GretchenfrageWieso fährst Du denn noch Schlauch?

Josh Welz

 · 18.07.2026

Vorteil Tubeless: Mit Milch statt Schlauch im Reifen lassen sich die Luftdrücke signifikant senke. Folge: Mehr Traktion und besseres Überrollverhalten bei gleichzeitig hohem Pannenschutz.
Foto: Max Fuchs
​Tubeless ist längst kein neuer Trend mehr, sondern seit Jahren etablierter Labor- und Praxissieger. Warum scheuen dennoch so viele Sport-Radler den Wechsel?

Themen in diesem Artikel

​Die Vorteile von Schlauchlos-Systemen liegen seit Jahren auf der Hand. Bestätigt durch Labormessung und Praxiserfahrungen, im Hobby- wie auch im Profi-Radsport. Und doch rollen über Straßen, Schotterpisten und Trails unzählige Biker, die sich den Fakten verschließen und weiterhin auf den klassischen Schlauch setzen. Ist das bloße Nostalgie, oder steckt eine rationale Entscheidung dahinter?

Der Rollwiderstand: Beweis im Labor

Aus rein technischer Sicht hat Tubeless das Duell längst gewonnen. Da kein Schlauch im Reifen reibt, sinkt der Walkverlust. In standardisierten Labortest bei BIKE und TOUR zeigt sich der Unterschied je nach Kategorie deutlich:

  • Rennrad: Ein Tubeless-Setup spart gegenüber einem klassischen Butyl-Schlauch bei 35 km/h knapp 4 bis 5 Watt pro Reifen. Auf zwei Laufräder hochgerechnet, fährt man schlauchlos also rund 10 Watt schneller.
  • Mountainbike: Auch im Cross-Country-Setup spart Tubeless satte 4 bis 5 Watt gegenüber Butyl. Selbst im zäheren Trail-Setup bringt der Verzicht auf den Schlauch noch gut 3 Watt pro Reifen.

Pannensicherheit: Es liegen Welten dazwischen

Beim sogenannten Guillotine-Test im Labor – bei dem ein Beil aus verschiedenen Höhen auf den Reifen fällt, um einen harten Steinkontakt zu simulieren – trennt sich die Spreu vom Weizen. Während ein Butyl-Schlauch beim Mountainbike oft schon bei geringen Fallhöhen den gefürchteten Snakebite erleidet, kennt Tubeless dieses Problem konstruktionsbedingt nicht. Im Labor halten Tubeless-Setups nachweislich fast doppelt so hohe Krafteinwirkungen aus wie Butyl. Kleine Einstiche von Dornen oder Glas versiegelt die integrierte Dichtmilch während der Fahrt meist vollkommen unbemerkt.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Noch wichtiger: Weil das System ohne Innenschlauch so pannensicher ist, lässt sich der Luftdruck signifikant absenken. Das sorgt im Gelände für spürbar mehr Komfort, ein massives Plus an Kurvengrip und Traktion und sogar ein effizienteres, wattsparendes Überrollverhalten.

Warum also die Zurückhaltung? Die Hürden

Wenn das System so überlegen ist, warum zögern dann immer noch so viele Radfahrer? Der Hauptgrund ist der Wartungsaufwand, gepaart mit den Anschaffungskosten. Eine Tubeless-Erstmontage ist nichts für Werkstatt-Muffel: Die Felge muss perfekt mit Spezialband abgeklebt werden, und oft braucht es einen Kompressor oder eine spezielle Boost-Pumpe, um den Reifen ins Felgenbett zu sprengen.

Auch finanziell läppert es sich: Ein Tubeless-Kit aus Ventilen, Felgenband und Dichtmilch schlägt initial mit 30 bis 50 Euro zu Buche. Dazu kommt die Haltbarkeit: Die Dichtmilch trocknet nach 4 bis 7 Monaten aus und muss regelmäßig für rund 5 bis 10 Euro pro Jahr nachgefüllt werden. Für Gelegenheitsfahrer, deren Rad auch mal Wochen steht, wird Tubeless so zum lästigen und teuren Pflegefall.

Zwar retten Salami-Reparatursticks die meisten Fahrten bei größeren Schnitten, doch wenn der Reifen die Milch mal wirklich nicht mehr hält, hilft nur noch das Einziehen eines Ersatzschlauchs – eine klebrige Sauerei am Wegesrand.

Zudem hat der Schlauch eine Evolution erlebt: Moderne TPU-Schläuche (Thermoplastisches Polyurethan) bieten extrem geringes Gewicht und minimalen Rollwiderstand bei gewohnt sauberer Handhabung. Sie kosten zwar knackige 15 bis 30 Euro pro Stück, liegen im Rennrad-Labor beim Rollwiderstand aber oft nur noch hauchdünn hinter Tubeless. Viele Fahrer sparen sich daher lieber den Tubeless-Wartungsaufwand.

Und trotzdem: Die Milch macht’s!

Viele Vorteile, ein paar kleine Nachteile – worauf wartest Du dann noch? Schmeiß den Butyl-Ballast über Bord! Mit Milch im Reifen verliert der gefürchtete Rockgarden schlagartig seinen Schrecken: Luftdruck runter, Fokus nach vorne und ab durch die Steinfelder! Und auch auf der Straße oder dem Schotterweg gilt mit Tubeless freie Fahrt voraus: Während die Schlauch-Fraktion beim Anblick von aufgebrochenem Asphalt hektische Ausweichmanöver riskiert, brät die Milch-Fraktion mit Gelassenheit drüber hinweg. Wer schneller sein will, muss eben flüssig fahren!

Der Systemvergleich nach Fahrrad-Kategorien

Fahrrad-KategorieSystemVorteileNachteile
MTBTubeless4-5 W Ersparnis, hoher Pannenschutz, max. Grip bei niedrigen DruckAufwendiges Erst-Setup, Sauerei bei Reifenrissen
SchlauchSaubere, schnelle Montage, konstante Funktion ohne WartungHohes Snakebite-Risiko, höherer Rollwiderstand im Gelände
GravelTubelessSpürbarer Komfort- gewinn auf Schotter, Dornenstiche werden sofort versiegelt, 3–4 W Ersparnis pro ReifenErhöhter Montage- aufwand, unterwegs klebrig bei Großdefekt
SchlauchWartungsfrei bei langen Standzeiten, einfacher Wechsel im FeldErhöhter Luftdruck reduziert Komfort, anfällig für Dornen
RennradTubeless4 - 5 W Ersparnis bei 35 km/h, sicher gegen kleine Glas- oder MetallsplitterHohe Luftdrücke erfordern exakte Montage, Milch altert schnell im Reifen
SchlauchTPU fast gleich effizient bei Rollwiderstand, sehr leicht, absolut sauber & stressfreiKlassischer Butyl-Schlauch bremst messbar aus

Fazit: Wer braucht was?

  • Mountainbike: Hier gibt es keine Ausreden mehr. Wer im groben Gelände ohne Schlauch fährt, profitiert so massiv von Pannensicherheit, Kurvengrip und Traktion bei niedrigem Druck, dass der gelegentliche Wartungsaufwand und die laufenden Kosten absolut gerechtfertigt sind.
  • Gravelbike: Der perfekte Einsatzzweck. Die Kombination aus Komfortgewinn auf Schotter durch niedrigeren Luftdruck und dem Schutz vor Dornen macht Tubeless hier zum logischen Upgrade für jeden, der regelmäßig im Sattel sitzt.
  • Rennrad: Die Bastion des Schlauchs. Moderne TPU-Schläuche sind kaum schwerer oder langsamer als Tubeless-Systeme. Kein Wunder also, dass das klassische Reifen-Set-up in der Szene noch dominiert. Aber, liebe Rennradler, sind die Zeiten nicht vorbei, wo wir sechs oder mehr Bar in unsere schmalen Reifchen gepumpt haben? Breitere Reifen und geringere Drücke sind auch auf der Straße Zeitgeist – mehr Komfort, besserer Kurven- und Nassgrip. Die Profis im Peloton wissen das schon lange.

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Josh Welz

Josh Welz

Chefredakteur

Josh Welz ist studierter Sportjournalist und prägt als Chefredakteur die publizistische Ausrichtung der BIKE. 2016 griff Welz den E-Trend auf und entwickelte den Titel EMTB. Entsprechend bewegt er sich gerne zwischen den Welten. Da seine Begeisterung für knackige Trails aber größer ist als sein Trainingsfleiß, schlägt das Pendel häufig in Richtung „E“ aus.

Meistgelesen in der Rubrik Fahrräder

Shorts