Das klassische Dienstrad-Leasing schwächelt, doch die Nachfrage nach günstigen E-Bikes wächst. Leasing-Experte Sören Hirsch erklärt im Interview, wie innovative Versicherungsmodelle, flexiblere Laufzeiten und der stationäre Gebrauchtradmarkt die Fahrradbranche revolutionieren können.
Die Fahrradbranche blickt auf eine Phase intensiven Wachstums zurück, steht jedoch im Leasing- und Versicherungsbereich vor neuen strukturellen Herausforderungen. Während das klassische Dienstrad-Leasing seit seinem Start im Jahr 2012 nahezu unverändert geblieben ist, fordern Marktteilnehmer nun mutige Reformen, um neue Zielgruppen zu erschließen und die Nachhaltigkeit zu stärken. Sören Hirsch, Vertreter des Hannoveraner Versicherungs- und Leasing-Anbieters Linexo, erläutert im Interview, wie ein moderner Rundum-Schutz Ausfallzeiten absichert, warum der Gebrauchtradmarkt dringend in den stationären Fachhandel gehört und wie ungenutzte Spielräume in den gesetzlichen Rahmenbedingungen den Leasing-Markt neu beleben könnten.
Sören Hiorsch: Als wir 2024 mit unserem Leasing-Angebot starteten, war der Markt bereits von etlichen etablierten Playern besetzt. Wir haben gezielt nach einer Nische gesucht und diese Zielgruppe identifiziert. Viele Großanbieter interessieren sich primär für riesige Stückzahlen und lassen kleinere Betriebe links liegen. Die Resonanz gibt uns recht: Der Bedarf in diesem Segment ist enorm hoch. Die Entscheidungswege in kleineren Firmen sind kurz, der Beratungsaufwand ist gering und wir sind mit dieser Zielgruppe hochzufrieden. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels erkennen auch Handwerksbetriebe, dass Fahrradleasing eines der wenigen Mitarbeiter-Benefits ist, das für den Arbeitgeber komplett kostenneutral funktioniert.
Ein sensibles Thema beim Leasing sind Ausfallzeiten durch Jobverlust, Elternzeit oder lange Krankheiten. Wie habt ihr dieses Risiko für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gelöst?
Bei uns gibt es im Leasing-Bereich nur einen einzigen Versicherungstarif, der in jedem Vertrag standardmäßig und ohne Aufpreis inkludiert ist. Dieser beinhaltet einen umfassenden Ausfallschutz. Er greift ohne Selbstbeteiligung und ohne Wartezeiten. Bei temporären Ausfällen wie Elternzeit oder langfristiger Erkrankung übernehmen wir die Leasingraten. Bei einem Komplettausfall, also bei einer Kündigung oder im Todesfall, lösen wir den Vertrag direkt bei der Bank aus. Wir nehmen das Fahrzeug zurück, und weder der Arbeitgeber noch der Arbeitnehmer müssen sich Sorgen machen, auf den Kosten sitzenzubleiben.
Der Gebrauchtradmarkt gewinnt massiv an Popularität, getrieben auch durch Leasingrückläufer nach der dreijährigen Laufzeit. Wo siehst du hier aktuell die größten Probleme und Chancen?
Das Thema Gebrauchtrad ist hochspannend. Durch die konjunkturelle Lage und eine ausgeprägte Sparneigung in Deutschland erleben wir derzeit ein Novum: Die Nachfrage nach Fahrrädern im niedrigen Preissegment ist höher als das Angebot, weil die Neupreise in den letzten Jahren nur den Weg nach oben kannten. Diesen Bedarf kann kurzfristig nur der Gebrauchtmarkt auffangen.
Das Problem ist: Momentan findet dieser Markt zu 99,9 Prozent online über sogenannte Refurbisher statt. Meiner Meinung nach gehört er aber in den Fachhandel. Ein Fahrrad ist ein kostenintensives Produkt; der Kunde möchte es sehen, anfassen und probefahren. Wir arbeiten deswegen intensiv an Lösungen, wie wir Rückläufer gebündelt zurück in den Fachhandel spielen können. Der Händler bereitet die Räder auf, behält seine Marge und der Endkunde bekommt ein hochwertiges, regelmäßig gewartetes Rad zu einem fairen Kurs.
Viele Nutzer wissen gar nicht, dass mit dem Auslauf des Leasingvertrags auch der Versicherungsschutz endet. Was passiert, wenn ich mein Rad nach drei Jahren privat übernehmen und weiter absichern möchte?
Das ist ein wichtiger Punkt. Da sich bei der Übernahme die Eigentumsverhältnisse und die Vertragspartner ändern: vorher die Bank und der Arbeitgeber, danach der Arbeitnehmer privat. Da ist ein komplett neuer Versicherungsvertrag notwendig. Wir haben hierzu zum 1. April eine Neuerung eingeführt und das Gebrauchtrad dem Neurad komplett angeglichen. Wir versichern das übernommene Rad zur gleichen Versicherungssumme und zur gleichen Prämie wie ein Neurad. Hat das E-Bike vor drei Jahren beispielsweise 6.000 Euro gekostet, versichern wir genau diesen Wert wieder. Wird es dann gestohlen, erstatten wir dem Kunden die vollen 6.000 Euro für ein neues Rad, da dies sein realer wirtschaftlicher Schaden ist.
Kürzlich wurde in der Radbranche der sogenannte „Leasingcheck“ vorgestellt. Du hast daran mitgearbeitet. Was verbirgt sich dahinter?
Der Leasingcheck ist auf direkten Wunsch des Fachhandels entstanden. Es gibt mittlerweile über 20 oder 25 Leasinganbieter, und fast alle arbeiten mit unterschiedlichen Tarifen und Leistungspaketen. Für die Händler war es im Alltag unmöglich zu merken, welcher Kunde bei welchem Anbieter welches Paket hat, also was versichert ist oder wie viel Service-Guthaben noch bereitsteht. Der Leasingcheck ist eine gemeinsame Plattform, auf der der Händler mit minimalen Kundendaten sofort sieht, wo der Kunde versichert ist und was abgerechnet werden darf.
Du forderst darüber hinaus grundlegende Reformen für das Fahrradleasing. Das System existiert seit 2012 praktisch unverändert. Wie könnten konkrete neue Wege aussehen?
Das Leasing funktioniert seit 2012 gut, aber das System ist eingefahren. Niemand hat in den letzten Jahren über alternative Pläne nachgedacht. Wenn wir den Preispunkt für Endkunden nach unten verlagern wollen, müssen wir die eingetretenen Pfade verlassen. Warum bewegen wir uns innerhalb des rechtlichen Rahmens des Leasingerlasses immer nur auf der einen Schiene: 36 Monate Laufzeit mit anschließendem Kaufangebot?
Man könnte beispielsweise auf eine Laufzeit von 48 Monaten gehen, was die monatliche Rate spürbar senkt. Kombiniert man das mit einem reinen Abo-Modell, bei dem der Kunde das Rad am Ende nicht übernimmt, wandert das Fahrzeug danach automatisch in den organisierten Zweitmarkt des Fachhandels. Das Finanzministerium lässt in seinen Richtlinien durchaus Spielräume zu, wir müssen sie nur nutzen, anstatt alles in Schwarz-Weiß zu sehen. Solche Modelle könnten der absolute Gamechanger werden.

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