Was ein SpaßWilier Rave SLR ID2 im TOUR-Test

Jens Klötzer

 · 18.07.2026

Das Wilier Rave SLR bringt Rennsport-DNA ins Gelände
Foto: Wolfgang Papp
​Das Rave SLR ID2 verfolgt einen klaren Ansatz: Es ist für Profi-Gravelrennen optimiert. Dazu nimmt es einige Anleihen bei Wiliers Straßenrenner Filante und packt eine ordentliche Portion Offroad-Kompetenz obendrauf. Dass das auch Hobbyradsportlern gefällt, zeigt unser Test

Themen in diesem Artikel

Testergebnis

EigenschaftNote
Labor2,0
Ausstattung1,4
Endnote1,9

Die Gesamtbewertung des Bikes findest du hier

Daten und Fakten zum Wilier Rave SLR ID2

Gewicht7.91 kg
SchaltungSRAM Red XPLR AXS
Bremse vorneSRAM Red
LaufradsatzMiche Graff Aero 48
Reifen vorneVittoria Terreno T50 700x50c TLR

​Das Rave SLR, 2021 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, war ursprünglich ein ausgesprochen hochwertiges und bemerkenswert sportliches Gravelbike. Es sollte sowohl auf Asphalt als auch auf Schotter überzeugen und nahm den heutigen Anspruch, Technologie aus dem Profi-Straßenradsport auch im Gelände einzusetzen, gewissermaßen vorweg. Das Konzept, mit einem Rad mehrere Szenarien zu bedienen, ging allerdings nicht ganz auf. Das Rave wurde sowohl mit 32-Millimeter-Straßenbereifung als auch mit 40 Millimeter breiten Geländepneus angeboten. Mit den breiten Reifen lenkte sich das Rad, gelinde gesagt, eigenwillig. Gleichzeitig war die maximale Reifenfreiheit mit 40 Millimetern im Vergleich zu den Mitbewerbern schon damals arg begrenzt. Beim neuen Rave SLR ID2 hat Wilier diese Kritikpunkte nun konsequent beseitigt. Das Rad ist konsequent auf professionelle Gravelrennen ausgelegt, Pate bei der Entwicklung stand der niederländische Bahn- und Straßenrennfahrer Ivar Slik, der auf dem Rave SLR der ersten Generation 2022 die beiden berühmtesten Gravelrennen gewann, das Unbound und das Traka. Die Zielsetzung lässt sich so zusammenfassen: Aerodynamik aus dem Straßenradsport, optimale Geländetauglichkeit und maximaler Fahrspaß.

Sportwagen mit Traktorreifen

Optisch hat das neue Modell deshalb kaum noch Gemeinsamkeiten mit seinem Vorgänger. Als erstes fallen die dicken Walzen auf, das neue Rave rollt serienmäßig auf 50 Millimeter dicken Pneus heran und wirkt, verglichen mit der ersten Generation, nicht mehr wie ein elegantes Allroadbike mit etwas breiteren Gummis, sondern eher wie ein Sportwagen mit Traktorreifen. Die Rohrformen wurden mithilfe von CFD-Simulationen aerodynamisch optimiert, was zu einer frappierenden Ähnlichkeit mit Wiliers Profi-Renner Filante führt, wären da nicht die monströsen Räder. Besonders auffällig ist das aerodynamisch geformte Unterrohr, außerdem sind die schon vom Filante bekannten Aero-Trinkflaschen Teil des Konzepts. Als Zubehör kosten sie allerdings extra, und wer darauf verzichten kann, sollte sie sich auch sparen: Wirklich praktisch sind die Flaschen mit ihrer engen Öffnung und der fehlenden Standfläche nicht.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Tief angesetzte Sitzstreben und ein speziell geformtes Sitzrohr sollen die Aerodynamik ebenfalls verbessern. Die Sitzposition kategorisiert das Rave zweifellos als Sportgerät; eine „Komfort-Option“, die das Vorgängermodell mit einem speziellen Gravel-Cockpit noch bot, gibt es nicht mehr. Der Oberkörper wird lang gestreckt, der Lenker fällt schmal aus, so dass man kaum weniger sportlich als auf einem Profi-Straßenrenner sitzt. Den noch ist die Haltung nicht zu extrem, trainierte Radler fühlen sich auch auf langen Distanzen wohl. Mit dem 40er-Kettenblatt und der standardmäßigen 13fach-Kassette ist auch eine Untersetzung für steile Anstiege an Bord, für Hobbysportler eignet sich das Spektrum wunderbar. Trotzdem ist das Rave SLR ID2 ganz offensichtlich ein Rennrad für kurze und schnelle Strecken und kein komfortorientiertes Abenteuer-Bike. Gewinde für eine kleine Oberrohrtasche sowie für eine Werkzeugbox unter dem Unterrohr sind vorhanden, ein Staufach oder Aufnahmen zur Gepäckmontage fehlen.

Begeisterndes Fahrverhalten

Trotz der opulent-aerodynamischen Rahmenformen und viel Reifenvolumen ist das Rad noch relativ leicht. Der Rahmen hat zwar etwas zugelegt – um 120 Gramm, gibt der Hersteller zu – aber die erlesene Ausstattung unseres Testmodells mit SRAM-Red-13fach-Schaltung und neuen Miche-Carbonlaufrädern kaschiert das gut. Mit knapp unter acht Kilogramm gehört es nicht zu den leichtesten, wohl aber zu den leichteren Gravelbikes der aktuellen Generation. Zumindest bei vergleichbar großem Reifenmaß kann bislang kein Konkurrent das Wilier unterbieten. Bei den übrigen Messwerten markiert das Wilier die solide Mitte; der gemessene Komfort des Rahmen-Sets ist gut, wird aber von den dicken Reifen mehr oder weniger überlagert. Die nicht herausragende Rahmensteifigkeit dürfte sich beim avisierten Einsatzzweck verschmerzen lassen. Jenseits der Messwerte überraschen manche Bikes aber einfach mit tollem Fahrverhalten – und so geht es uns mit dem Wilier.

Das geringe Gewicht macht sich naturgemäß vor allem im Gelände positiv bemerk bar, wenn viele Tempowechsel anstehen und das Bike beherzt dirigiert werden will. Vor allem die für Gravelbike-Verhältnisse ziemlich leichten Carbonlaufräder ermöglichen ein Fahrverhalten, das wir so noch nicht kannten. Die Miche Graff Aero mit 48 Millimeter hohen Felgen sind speziell für Gravelrennen entwickelt, das 27 Millimeter breite Hookless-Felgenbett harmoniert perfekt mit den überbreiten Vittoria-T50- Reifen. Obwohl wir den Druck weit unter 1,5 Bar senken, sitzen die Reifen stabil und wirken in Kurven keineswegs teigig. Dabei dämpfen sie alles wunderbar, die Pneus schlucken Wurzeln und Steine einfach weg, fast wie eine Vollfederung. Dass sich das Rad dabei auch noch so spielerisch beschleunigen, um oder über Hindernisse bewegen lässt, finden wir bemerkenswert. Mit dem schmalen Lenker und der gut ausbalancierten Sitzposition wirkt das Rave trotz der breiten Reifen immer handlich. Wilier trifft dabei auch einen guten Kompromiss zwischen wendigem Lenkverhalten und gutem Geradeauslauf bei Tempo. Wirklich toll, mehr Fahrspaß ist kaum vorstellbar. Auch auf Asphalt fährt das Bike überraschend gut. Die Reifen rollen passabel, das Rad wirkt beim Beschleunigen überhaupt nicht träge; es überrascht, wie spurstabil die Reifen trotz wenig Luft bleiben.

Viel Spaß, hohe Preise

Das Rave SLR ID2 ist in zehn Ausstattungsvarianten erhältlich. Die Preise beginnen bei 4.400 Euro, wobei die mechanische Zwölffach-GRX von Shimano und einfache Aluminium-Laufräder dem Rahmen-Set kaum gerecht werden können. Das Gewicht des Einstiegsmodells wird mit 9,5 Kilogramm angegeben. Immerhin: Qualitätsunterschiede beim Rahmen gibt es nicht, es besteht also Tuningpotenzial. Eine Elektro Schaltung wird mit der GRX 1x12 Di2 ab 4.900 Euro Realität, die Miche Carbonlaufräder sind ab 6.600 Euro drin. Das Top-Modell trägt Campagnolos Super Record X- 1x13-Gruppe und kostet knapp über 10.000 Euro. Insgesamt sind das im Vergleich zur Konkurrenz relativ hohe Preise, zumal das am Testrad verbaute Powermeter auch noch Aufpreis kostet. Andererseits sind italienische Traditionsmarken schon immer etwas teurer. Und irgendwie lässt es sich besser verschmerzen, wenn das Rad so gelungen ist wie in diesem Fall.

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Jens Klötzer

Jens Klötzer

Redakteur

Jens Klötzer ist gelernter Wirtschaftsingenieur und bei TOUR der Experte für Komponenten aller Art: Bremsen, Schaltungen, Laufräder oder Reifen – alles testet Jens auf Herz und Nieren. Er sammelt historische Rennräder, besitzt sowohl ein modernes Zeitfahrrad wie ein Gravel-Reise-Rennrad aus Titan. Auf Reisen erkundet er gern unbekannte Straßen in Osteuropa – auf breiten, aber schnellen Reifen.

Meistgelesen in der Rubrik Fahrräder

Shorts