Unter Bike-Herstellern und Szene-Insidern sind 32 Zoll Gravelbikes das Gesprächsthema der Stunde. Normalerweise rollten Gravelbikes bislang - vom schnellen Rennrad inspiriert - auf 28 Zoll. Aktuell bekommen zunehmend Modelle mehr Reifenfreiheit verpasst, sodass sie den vom Mountainbike bekannten 29-Zoll-Standard aufnehmen können. Zur Klarheit: Die eigentliche Felge der 28- und 29-Zoll-Gravelbikes ist gleich groß. Von 29 Zoll spricht man erst ab einer gewissen Reifenbreite, die den Außendurchmesser des Laufrads bestimmt. Ein 54 Millimeter Gravel-Reifen entspricht beispielsweise dem Maß 29 mal 2,1 Zoll.
Nun kommen mit 32 Zoll nochmals größere Reifen ins Spiel. Nur die Weiterentwicklung eines Marketing-Coups? Scheinbar nicht, denn selbst im Profisport verzeichnen 32 Zoll-Gravelbikes erste Erfolge: Robin Gemperle gewann kürzlich das prestigeträchtigste Gravel-Rennen der Welt (Unbound Gravel 2026) auf seinem 32-Zoll-Prototypen von Scott. Was sind die Vor- und Nachteile der neuen Laufradgröße am Gravelbike? Wir wagen den 32-Zoll-Deep-Dive und schauen auf die physikalischen Fakten!
32 Zoll Gravelbikes kommen, Punkt! Ich habe die neue Laufradgröße bereits ausprobiert und bin überzeugt: Gerade am Gravelbike machen die Riesenräder auf vielen Streckenprofilen Sinn. Wenn die Hersteller jetzt auch noch Gewicht, Stabilität, Aerodynamik und Verfügbarkeit in den Griff bekommen, sind 32-Zoll-Gravelbikes kaum zu schlagen. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur
Es ist das meist genannte und wahrscheinlich wichtigste Argument für 32-Zoll-Bikes: Sie rollen besser. Der Begriff des Überrollverhaltens beschreibt, wie leicht oder schwer ein Fahrzeug über Kanten rollt. Im Falle eines Gravelbikes können das Wuzeln und Steine aber auch einfach Schlaglöcher sein. Hier spricht die Naturwissenschaft eine klare Sprache: Je größer der Durchmesser eines Rades, desto besser die Überrolleigenschaften. Wer einmal auf den kleinen Rollen eines City-Rollers unterwegs war, weiß wie abrupt schon kleinste Hindernisse die Fahrt bremsen können.
Der Vortrieb von 32 Zoll Gravel-Laufrädern wird durch Kanten weniger gehemmt als ein 28-Zoll-Gravelbike. Anders gesagt: Die großen Laufräder fallen in weniger Löcher, bleiben weniger hängen und rollen insgesamt sanfter über Kanten. Dadurch wird ihr Fahrfluss weniger gestört und sie halten auf unebenen Strecken länger die Geschwindigkeit. Gerade auf der Langstrecke kann das den Fahrer weniger Kraft kosten. Dass größere Laufräder den körpereigenen Schwerpunkt in Relation zur Achshöhe absenken, verbessert das Überrollverhalten zusätzlich, denn so wird das Gravelbike eher von hinten über Hindernisse hinweggeschoben als stumpf dagegen gedrückt zu werden.
Bislang wurden 32-Zoll-Gravel-Reifen ausschließlich in 2,1 oder 2,4 Zoll Breite vorgestellt. Das entspricht einer Reifenbreite von 53, beziehungsweise 60 Millimetern. Bislang verbauen die meisten Gravelbike-Hersteller Breiten um 45 Millimeter. Es ist ein häufiger Irrtum: Breite Reifen besitzen nicht etwa mehr, sondern weniger Rollwiderstand. Während sich schmale Reifen auf dem Boden in einer länglich-ovalen Form aufstellen, ist die sogenannte Bodenaufstandsfläche bei breiten Reifen runder. Der bremsende Hebelarm in Fahrtrichtung ist bei einer runden Aufstandsfläche kleiner als bei einer ovalen. 32 Zoll Gravelbikes besitzen eine große Reifenaufstandsfläche - nicht etwa aufgrund des größeren Raddurchmessers, sondern wegen ihrer breiten Reifen - und deshalb weniger Rollwiderstand.
Gleichzeitig bedeutet die größere Aufstandsfläche auch mehr Grip und dadurch mehr Traktion. Dieser Begriff bezeichnet die Fähigkeit eines Reifens die Kraft des Fahrers in eine Vorwärtsbewegung umzusetzen ohne Durchzudrehen. 32 Zoll Reifen bringen mehr Profil auf den Boden. Im Vergleich zu einem 29 mal 2,4 Zoll breiten Reifen ist die Aufstandsfläche eines 32 mal 2,4 Zoll breiten Pneus zwar identisch groß, jedoch anders geformt, was ein Plus an Grip mit sich bringt.
Durch eine höhere Traktion setzen 32 Zoll Gravelbikes Tretimpulse mit weniger Verlusten in Geschwindigkeit um. Besonders spürbar wird das zum Beispiel an extrem steilen Anstiegen. Bei gleicher Zeit benötigt ein 32 Zoll Laufrad unseren Messungen zufolge sieben Prozent weniger Leistung, um denselben Anstieg zu bewältigen, als ein 29er. 32 Zoll Gravelbikes sind also effizienter. Mehr Fahrsicherheit bergab aufgrund von mehr Grip gibt’s on top.
Noch ein Punkt zum Thema Trägheit: Sie beschreibt das Bestreben eines Körpers, seinen aktuellen Bewegungszustand beizubehalten und ist maßgeblich von dessen Masse abhängig. Bei einem Fahrrad sitzen die Reifen ganz außen an den Laufrädern und sind deshalb entscheidend für die Trägheit. Im Vergleich zu einem Laufrad mit 29 mal 2,4 Zoll breitem Reifen, misst ein Laufrad mit 32 mal 2,4 Zoll Breite im Durchmesser 74 Millimeter mehr. Der Gewichtsunterschied beider Reifen beträgt rund 150 Gramm. Physikalischer Vorteil: Das 32-Zoll-Rad bleibt länger in Schwung und wird über Hindernisse einfacher hinweggetragen. Anders gesagt: 32-Zoll-Gravelbikes konservieren den Schwung länger.
32 Zoll Laufräder passen nicht einfach in jedes x-beliebige Gravelbike - im Gegenteil! Um Raum für die großen Räder zu schaffen, müssen Hersteller völlig neue Rahmenkonzepte mit angepassten Geometrien und Details entwickeln. So müssen in den meisten Fällen etwa die Kettenstreben beachtlich wachsen, was das Handling eines Gravelbikes beeinflussen kann. Kleinere Fahrer könnten Probleme mit Stack und Überstandshöhe bekommen.
Noch sind kaum Serienkomponenten für 32-Zoll-Gravelbikes verfügbar. Neben angepassten Rahmen braucht es natürlich größere Laufräder sowie Reifen und längere Gabeln. Mit der Laufradgröße wachsen auch die Hebelkräfte. Um diese dauerhaft aushalten zu können, muss das Chassis verstärkt werden. Die Abmischung aus Geometrie, Ausstattung, Stabilität und Gewicht stellt Hersteller vor große Herausforderungen. Auch deshalb werden 32-Zoll-Gravelbikes vorerst im hochpreisigen Segment verbleiben.
32 Zoll Gravelbikes tragen deutlich mehr rotierende Masse bei sich. Der größere Laufraddurchmesser mit dem weit außen sitzenden, bedeutend schwereren Reifen, sorgt für eine höhere Trägheit. Diese kommt als bremsende Kraft während Beschleunigungsphasen zum Tragen. 32 Zoll Gravelbikes brauchen beim Sprint vom Fleck weg also länger, um auf Geschwindigkeit zu kommen. Besonders bei häufigen Tempowechseln - etwa auf verwinkelten Kursen oder Strecke mit häufigem Wechsel zwischen Up- und Downhill - kann das zusätzlich ermüden.
Unsere Messungen zeigen: Ein 32 Zoll Laufrad mit Reifen ist etwa 27 Prozent träger als sein 29-Zoll-Pendant. Eine Studie des Herstellers Newmen zeigt auf, dass sich gleichzeitig die Hebelkräfte zwischen Laufrad und Bremsscheibe verschieben, wodurch die Bremsleistung um etwa zehn Prozent sinkt. 32 Zoll Gravelbikes sollten deshalb konsequenterweise mit größeren Bremsscheiben ausgestattet werden, was die rotierende Masse weiter erhöht. Unserer Testerfahrung nach machen Gravelbikes vor allem dann Spaß, wenn sie leicht und aerodynamisch sind. Der größere Laufraddurchmesser kommt nicht umsonst. Nur mit Highend-Komponenten wird sich anfangs ein vertretbares Gewicht für 32-Zoll-Bikes erreichen lassen und sie werden vermutlich immer schwerer bleiben als ihre kleineren Geschwister.
Größere Laufräder und breitere Reifen besitzen außerdem mehr Luftwiderstand. Zwar entfallen nur etwa 30 Prozent der bremsenden Kraft auf das Fahrrad, die Laufräder bilden jedoch die aerodynamisch wichtigste Baugruppe. 70 Prozent entfallen auf den Fahrer. Bei höheren Stack- Werten könnten 32-Zoll-Race-Gravelbikes zumindest eine Cockpit-Sonderlösung (etwa mit großem Vorbau-Drop) benötigen, um den Piloten in eine windschnittige Fahrposition zu bringen.
Trägheit und Geometrie eines 32 Zoll-Bikes sprechen gegen ein agiles Handling. Die größeren Laufräder verlangen bei engen Richtungswechseln mehr Nachdruck und können in technischen Schlüsselstellen sperrig wirken. Gerade Laufradhersteller stehen vor der großen Herausforderung ausreichend steife Produkte in Serienreife zu bringen. Einer Studie des Laufradbauers Newmen zufolge, verformen sich 32 Zoll große Laufräder unter identischer seitlicher Belastung um rund 31 Prozent stärker als 29 Zöller. Durch den größeren Hebel längerer Speichen sind Laufräder eine der größten Baustellen für den Durchbruch des 32-Zoll-Standards. Die Seitensteifigkeit darf einen gewissen Mindestwert nicht unterschreiten. Einige Experten sprechen sich zur Vergrößerung des Flanschabstandes deshalb für die Einführung des Boost-Nabenstandards bei Gravelbikes aus.
32 Zoll Laufräder rollen besser - und das ist etwas, was Gravelbikes die meiste Zeit tun sollen: Rollen. Es ist quasi ihre Kernkompetenz, eine Eigenschaft, die den Reiz des Gravelbikens ausmacht. Im Gegensatz zum Mountainbike werden Gravelbikes selten durch enge Schlüsselstellen manövriert und müssen insgesamt meist weniger Belastungen aushalten. Mit steifen Starrgabeln sind sie in der Theorie einfacher mit leichtem Gewicht zu bauen.
Die Vor- und Nachteile der großen Laufräder fallen auf unterschiedlichen Streckenprofilen unterschiedlich stark ins Gewicht. Lange Distanzen durchs Hinterland verleihen dem Gravel-Sport einen großen Teil seiner Faszination. Genau hier macht das überlegene Überrollverhalten der 32 Zoll Laufräder besonders viel Sinn. Bei hohem Asphaltanteil, kurzen Distanzen, verwinkelten Kursen oder hohen Durchschnittsgeschwindigkeiten können 32er Gravelbikes aufgrund von höherem Gewicht, höherer Trägheit sowie mehr Luftwiderstand und Kompromissen in der Wendigkeit im Nachteil sein. Noch kann die Industrie keine massentauglichen, günstigen und leichten Konzepte bieten.
Wie seht ihr das: Würdet ihr ein 32 Zoll Gravelbike gerne mal ausprobieren? Schreibt es uns in die Kommentare!

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