Jan Timmermann
· 17.09.2026
| Gewicht | 9.495 kg |
| Schaltung | Shimano GRX RD-RX 827 |
| Bremse vorne | Shimano GRX ST-RX 825 / BR-RX 410 |
| Reifen vorne | Schwalbe Thunder Burt Evo AddixSpeed SuperGround TLE 29 x 2,25 |
Alle Messwerte findest du hier
Canyon verpasst dem beliebten Grail eine dringend benötigte Frischzellenkur und hebt das Race-Gravelbike damit auf topaktuelle Standards. Mit einem neuen Aero-Konzept, breiten Reifen und vielen cleveren Integrationslösungen tritt das neue Grail an, um die Bestzeiten der prestigeträchtigsten Gravel-Rennen der Welt herauszufordern. Mithilfe des Inputs vom Canyon All-Terrain-Racing-Team führten die Entwickler aus Koblenz das Grail in eine neue Ära und versprechen: So schnell war ein Gravelbike von Canyon noch nie! Ob das wirklich stimmt, konnten wir in einem ausführlichen Test bereits herausfinden.
Keine Frage: Das Canyon Grail ist ein richtig schnelles Gravelbike für lange Offroad-Wettkämpfe. Platz für breite Reifen und zahlreiche praktische Details machen den Carbon-Rahmen zum Schweizer Taschenmesser unter den Race-Gravelbikes. An der Waage kann die Neuinterpretation zwar nicht unbedingt glänzen, dafür sind die Fahreigenschaften richtig stark und das Preis-Leistungs-Verhältnis fällt super aus. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur
Zusammen mit dem neuen Canyon Grail legt der Koblenzer Direktversender Daten aus internen Windkanal-Messungen bei, die belegen, dass breite Reifen in der Aerodynamik einen kleineren Stellenwert einnehmen als viele denken mögen. Zur Einordnung: Circa 70 Prozent des Luftwiderstands entfallen auf den Fahrer, nur etwa 30 aufs Rad. Am Bike ist beim Thema Aerodynamik der Laufradsatz die wichtigste Baugruppe - und damit sind auch die Reifen relevant.
Laut Canyon verursacht ein 45 Millimeter breiter Gravel-Reifen am neuen Grail der Generation Drei bei 35 km/h Geschwindigkeit 0,6 Watt weniger Luftwiderstand als ein 40er. Ein 55-Millimeter-Reifen wiederum braucht 4,2 Watt mehr als der 45er. Am schnellsten schneidet das Grail also mit den ab Werk montierten Schwalbe G-One R in 45 Millimetern Breite durch den Wind, der Unterschied zum 55er ist jedoch überschaubar. Deshalb legt Canyon unserem Testbike einen entsprechenden Satz Schwalbe Thunder Burt bei. Sie nutzen die neuen 57 Millimeter Reifenfreiheit voll aus, erreichen die Dimensionen 29 mal 2,25 Zoll und bringen genau 192 Gramm Mehrgewicht ans Rad. Auf die ebenfalls neuen und breiten Carbon-Felgen von Canyon passen sie im Tubeless-Setup optimal und müssen so für unseren Test herhalten.
Trotz breiter Reifen fällt er Komfort nur mittelmäßig aus. Canyon setzt auf eine proprietäre Aero-Stütze, welche ein spezielles Flex-Element integriert und so mehr Sitzkomfort bieten soll. Weder in der Praxis, noch auf unseren Prüfständen konnte der Komfort im Heck aber viele Punkte sammeln. Wer tagein, tagaus komfortabel sitzen möchte, der sollte lieber zum Adventure-Bruder Canyon Grizl greifen.
Mit den Breitreifen steigt die Laufradträgheit des Canyon Grail. In Beschleunigungsphasen kann das Race-Gravelbike so nicht mehr mit den spritzigsten Sprintern seiner Disziplin mithalten. Auch das Gesamtgewicht unseres XL-Testbikes mit den breiten Schwalbe Thunder Burt Reifen fällt mit 9,5 Kilo proper aus. Zu agil-nervösen Rennrädern geht das Grail auf gehörige Distanz. Viele Geschwindigkeitswechsel und viele Höhenmeter sind nicht die Kernkompetenz des Bikes. Dazu muss man aber auch sagen, dass Race-Gravelbikes ohnehin vor allem auf langen, unterbrechungsfreien Streckenabschnitten gefragt sind. Mit einem Paris-Dakar Ralley-Rennwagen will man auch nicht nur von Ampel zu Ampel spurten, sondern zehrende Etappen im Gelände abspulen. Für verwinkelte Innenstädte, Bergzeitfahren und Unterholz-Slalom gibt es andere Spezialisten als das Canyon Grail.
Die dicken Pneus vergrößern nicht nur das Luftvolumen im Reifen, sondern auch den gesamten Durchmesser der Laufräder. Spätestens seit der Debatte über 32-Zoll Räder am Gravelbike ist das bessere Überrollverhalten großer Laufräder in aller Munde. Mit 29er Reifen ist das auf dem Grail auch in der Praxis zu spüren. Der verringerte Überrollwinkel lässt das Bike an Kanten einfach weiterrollen als sei Nichts gewesen. Sind die Walzen einmal auf Schwung gebracht, kann sie kaum noch etwas aufhalten. In rauem Geläuf verlieren sie wenig Geschwindigkeit und rollen und rollen und rollen.
Natürlich sind die breiten Reifen nicht die einzigen Merkmale des neuen Canyon Grail. Auch die Geometrie wurde überarbeitet. Obwohl der Reach ähnlich baut wie am bereits langen Vorgänger, wurde die Sitzposition nochmal in die Länge gezogen. Das liegt vor allem am merklich niedrigeren Stack-Wert, der den Fahrer in einer aerodynamischen Haltung über den Rahmen spannt. Die Sitzposition ist sportlich-lang. Hinzu kommen verlängerte Kettenstreben, welche dem Race-Gravelbike mehr Spurtreue verleihen. Insgesamt zieht das geräumige Canyon sehr stoisch seine Bahnen. Die Laufruhe bei hohen Geschwindigkeiten ist bemerkenswert. Zusammen mit dem starken Rollverhalten der Reifen und einer im Vergleich zur Vorgängergeneration merklich verbesserten Aerodynamik will das Bike am liebsten nie wieder aufhören Strecke zu machen.
Auch in schnellen Abfahrten überzeugt das lange Grail und braust wie auf Schienen gen Tal. Das Race-Gravelbike will auf der schnellsten Route zum Zielstrich - so viel ist klar. Dabei lässt es sich nur ungerne von Umwegen aufhalten. In Engstellen wird dem Piloten bald bewusst, dass er auf dem Grail viel Bike manövrieren muss. Das verlangt nach etwas Erfahrung und einer Portion Nachdruck. Gut, dass Canyon sieben fein abgestufte Rahmengrößen anbietet. Wer zwischen den Größen liegt und vom Handling eines großen Bikes überfordert ist, sollte womöglich lieber zum kleineren Rahmen greifen.
Ein Lob muss man Canyon für die vielen Rahmenfeatures aussprechen. Von Unterrohr-Staufach über zerlegbaren Lenker und dritten Flaschenhalter bis zur Schutzblechaufnahme steckt unser Testbike, das Canyon Grail CF SLX Di2 randvoll mit Mehrwert für Langstrecken- und Vielfahrer. An einem Bike, das für den Wettkampf konzipiert wurde, ist das alles andere als selbstverständlich. Gemessen daran und an dem in Größe XL wirklich großen Chassis sowie den fetten Reifen kann man sich das pfundige Gesamtgewicht durchaus schönreden. Die formschön integrierten Cyclite-Taschen sitzen bombenfest und erlauben den Transport von Kleinigkeiten, wie Verpflegung und Autoschlüssel. An den “Nasen” der unteren Tasche, welche den Übergang zum Rahmen abrunden, blieben wir im Test - je nach Hose - leider öfters mal hängen.
Für knapp 4500 Euro trägt das Grail Shimanos Top-Gruppe RX715 GRX Di2 bei sich. Die Bremsen gehören zum Besten, was ein durchschnittliches Gravelbike bieten kann und auch die funkgesteuerte Schaltfunktion ist ein Gedicht. Das Preis-Leistungs-Verhältnis fällt attraktiv aus. Leben müssen Grail-Piloten mit der Beschränkung auf ein einzelnes Kettenblatt. Am Grail CF SLX Di2 spezifiziert Canyon eine günstige Deore-Kassette aus dem Mountainbike-Bereich. Mit den zwölf Schaltstufen erreicht das Race-Gravelbike zwar eine große Übersetzungsbandbreite, jedoch keine sonderlich feine Gangabstufung.
Bei BIKE verlassen wir uns nicht auf die Angaben der Hersteller, sondern messen selbst nach. Kein anderes Fachmedium der Welt vermisst Testräder so ausführlich. Dafür betreiben wir ein eigenes Testlabor mit relevanten Prüfständen. Die Note ist preisunabhängig und orientiert sich am Schulnotensystem.
Wie seht ihr das: Würdet ihr im Kampf gegen die Zeit am Gravelbike auf breite Reifen setzen? Schreibt es uns in die Kommentare!

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