Wir Bike-Tester sollen unsere Gefühle im Griff haben. Sachlich bleiben, analysieren, einordnen – möglichst wie Physiker im Labor oder Chirurgen im OP. Emotionen? Bitte draußen lassen.
Das ist beim Mountainbike schon schwierig. Beim Graveln erst recht. Ich bin noch relativ neu in diesem Geschäft: knapp 1000 Mountainbikes habe ich getestet, darunter viel Material für die wilde Fraktion mit ordentlich Federweg. Gravelbikes waren bisher vielleicht 20 dabei.
Eines davon allerdings hat mich aus der professionellen Distanz katapultiert: das Storck Fascinario.5. Aus dem Test wurde ein Erlebnisbericht. Und aus mir ein anderer Mensch.
Dabei ist das Fascinario.5 streng genommen gar kein Gravelbike. Storck nennt es seinen Allrounder unter den Rennrädern, genauer: „The most complete Allrounder“ – typisches Storck-Understatement! Ein aerodynamischer, leichter Carbonrahmen, dazu 35 Millimeter breite Profilreifen – mehr passt nicht hinein. Fertig ist das Rezept für ein gemäßigt geländetaugliches Rennrad.
Ich finde die Idee brillant: Rennrad-DNA – leicht, explosiv, aerodynamisch – dazu etwas komfortablere Reifen. Waldwege, Feldwege, sanfte Pfade – kein Problem. Das trifft exakt auf meine Gravel-Philosophie: weg von der Straße, hinein in den Wald.
Wir nennen diese Gattung Speed-Gravel. Für mich ist sie die konsequente Weiterentwicklung des Race-Gravellers.
Und das Fascinario.5 ist ein ziemlich überzeugender Vertreter.
Es verändert allerdings die Persönlichkeit seines Fahrers.
Nicht unbedingt zum Guten.
Mein Bruder bringt es auf den Punkt, als ich mal wieder eine Kurve mit maximaler Schräglage nehme: „Mit dem Rad wird jeder zum Arschloch – wie in einem BMW M3.“
Er hat nicht ganz unrecht.
Mit dem F5 fahre ich nicht. Ich attackiere.
Kurven werden nicht genommen, sondern provoziert.
Bergab will ich nicht schnell sein, sondern schneller.
Ich fahre nicht aktiv, ich fahre aggressiv. Ich sehe rot.
Und es ist geil.
Einen erheblichen Anteil daran hat das Cockpit. Der schmale Carbonlenker liegt in den Händen wie ein Formel-1-Frontflügel: oben gerade einmal 34 Zentimeter breit und messerscharf, unten dank kräftigem Flare (19°) angenehm weit. Dazu wenig Drop. Perfekt. Die Hände rutschen leicht und kontrolliert in den Untergriff.
Also genau dorthin, wo man hinwill, wenn man nur noch einen Gedanken hat:
Speed.
Die Beschleunigung ist fast unanständig. Dazu tragen die Zeitjaeger Platinum 47R mit Carbonspeichen bei. Das Bike rollt nicht einfach – es scheint über den Untergrund zu fliegen.
Der Freilauf kreischt dabei so laut, als wolle er der Umgebung mitteilen, dass hier gerade jemand Geschwindigkeit macht. Vielleicht ist das sogar seine Erziehungsmaßnahme: Hörst du auf zu treten, gibt’s was auf die Ohren.
Auch die Bremshebel stehen seitlich ab wie Hornissen-Fühler.
Alles an diesem Fahrrad wirkt giftig, gespannt, sprungbereit.
Sehr angenehm dagegen: das Fizik Lenkerband.
Ein Grip wie an meinem Lieblingstennisschläger.
Und ja, ein bisschen Armkraft und Körperspannung braucht das F5 mit dem schmalen Cockpit. Wer das Fahrrad im Wiegetritt zähmen will, muss arbeiten. Aber dafür ist man schließlich aufs Fahrrad gestiegen.
Unter dem One-Piece-Cockpit steckt zudem noch Luft nach unten. Wer eine noch aggressivere Sitzposition mit mehr Sattelüberhöhung sucht, kann sie haben.
Ich wollte keine.
Mir gefiel es genau so.
Auch optisch hält sich das Fascinario.5 nicht zurück. Storck nennt die handlackierte Sonderfarbe „Koi bright orange“. Ich vermute allerdings, dieser Koi-Karpfen hat zu lange in der Sonne gelegen. Oder ist im Zierteich nahe Fukushima geschwommen.
Ich nenne die Farbe Notarzt-Orange.
Und so fährt das Ding auch: permanent mit Martinshorn.
Übrigens: Storck bietet ein Baukastensystem, bei dem sich die Komponenten nach Wunsch kombinieren lassen. Lenker breiter? Andere Schaltung? Andere Laufräder? Alles ein Mausklick entfernt.
Unser Testbike, die Team Edition, bringt 7,65 Kilogramm auf die Waage und ist mit Shimano Ultegra Di2 2 x 12 ausgestattet. Der Preis: 7699 Euro.
Das ist kein Schnäppchen. Aber man bekommt dafür ein bemerkenswert konsequentes Konzept: ein Rennrad, das sich nicht damit zufriedengibt, auf der Straße schnell zu sein.

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