Ich hatte keine Ahnung von Gravelbikes. Wirklich keine. Mountainbikes teste ich seit 26 Jahren, ungefähr tausend Stück sind durch meine Hände gegangen. Aber Gravel? Neue Welt. Dann sagte ein TOUR-Mechaniker einen Satz – und plötzlich stand ein weißes Carbonrad bei mir zuhause. Seitdem fahre ich es durch Wälder, über Alpenvorland-Schotter und einmal quer durch den Schwarzwald. Und stelle fest: Es passt erstaunlich gut zu mir.
„Geiles Ding!“
So knapp formulierte TOUR-Mechaniker Matthias Fischer seinen Eindruck vom neuen Cervélo Áspero. Im Magazin (TOUR 9/2024) klang das später etwas gesetzter:
Das Rad biete „das Beste aus allen Welten – Komfort wie ein Adventure-Bike, Antritt wie ein Race-Modell“.
Das reichte.
Ich hatte im Sommer 2024 noch keine Erfahrung mit Gravelbikes. Mountainbikes ja. Aber Gravel und Mountainbike verhalten sich zueinander wie Skifahren und Snowboarden: gleiche Abteilung, andere Technik.
Ich fuhr zuerst 50 Kilometer durch den Wald. Dann 500 Kilometer von München nach Freiburg. Später quer durch den Schwarzwald. Noch später durch das oberbayerische Hinterland.
Irgendwann war klar: Ich kaufe es.
Das Áspero gehört zur Kategorie der Race-Gravelbikes. Gestreckte Sitzposition, Vortrieb statt Packesel-Philosophie, wenig Ösen, wenig Expedition.
Trotzdem sitzt man darauf überraschend entspannt.
Im direkten Vergleich wirken etwa ein Rose Backroad FF, ein Wilier Rave oder ein Basso Palta deutlich raciger. Mehr Druck auf den Handgelenken, mehr Rennradgefühl. Beim Áspero hilft mir auch der wenig fotogene, aber sehr effektive Spacerturm unter dem Vorbau. Von außen nicht elegant – aus Fahrerperspektive unsichtbar.
Und dann ist da die Optik.
Der Rahmen wirkt sauber, schnell, windschlüpfrig. Kein Zufall: Cervélo beschäftigte sich schon Mitte der Neunziger mit Aerodynamik im Windkanal. Die Gründer Phil White und Gérard Vroomen waren Ingenieure – und bauten Fahrräder wie technische Projekte. Der Name selbst ist eine Mischung aus italienischem „Cervello“ (Gehirn) und französischem „vélo“ (Fahrrad). Schon darin steckt ein gewisser Anspruch.
Das Áspero hat mir ziemlich schnell gezeigt, was ich will – und was nicht.
Keine Federgabel. Sie bringt bergab Komfort, ja. Aber ich fahre nicht so extremes Gelände, dass ich sie brauche. Zudem versaut sie die schicke Rahmen-Optik. Ich bin da picky.
Keine Vario-Stütze. Bedeutet: Bei steilen Abfahrten passe ich auf. Dafür spare ich Gewicht und behalte die klare Linie des Bikes.
Und ja: Optik ist mir wichtig. Deshalb fahre ich auch keine Lenkertasche beim Bikepacking. Und ich mag gerne Flare im Lenker. Beim Áspero fällt er moderat aus.
Weitere Erkenntnis: 40er-Reifen reichen mir.
Nach knapp zwei Jahren kann ich sagen: Das Setup stimmt für mich.
Natürlich blieb das Rad nicht neu.
Ich fahre bei Regen, Schnee, Staub, Schmodder. Zwei Nägel steckten schon im Reifen. Die Dichtmilch dichtete zunächst – dann nicht mehr. Erst Würste hielten die Luft dauerhaft im Reifen. Natürlich – das ist das Nervige an Dichtmilch – trocknet die Suppe im Reifen irgendwann ein. Dann muss man alle paar Tage nachpumpen oder besser: die Milch erneuern. Typisch Tubeless: kein Vorteil ohne Nebenwirkung.
Auch die SRAM-Rival-Funkschaltung hat mich ein paar Mal zum Singlespeed gezwungen. Akku leer. Klassiker. Später schaltete sie zögerlich – bis ich merkte, dass die Knopfzellen in den Schalthebeln schlapp waren. Wechseln dauert zwei Minuten. Problem gelöst.
Überraschend schnell verschlissen dagegen die Bremsbeläge. Vermutlich wegen der kleineren Scheiben im Vergleich zum Mountainbike. Vorne bremste ich sie bis auf die Trägerplatte runter. In 26 Jahren MTB ist mir das nie passiert.
Dann knackte plötzlich das Tretlager.
Ein Geräusch, das bei einem Gravelbike besonders irritiert. Diese Räder leben von ihrer Stille. Diagnose in der TOUR-Werkstatt: gelockert. Ausbauen, neu einsetzen, festziehen. Seitdem rollt das Áspero wieder lautlos durch den Wald – wie ein U-Boot der 212A-Klasse durchs Meer.
Bleibt noch das Lenkerband. Es gehört gewechselt. Ich kann das nicht. Noch nie gemacht. Hab gehört, es sei eine Kunst für sich. Deshalb ist es noch dran. Steht auf meiner Liste. Irgendwann.
Nach fast zwei Jahren freue ich mich jedes Mal, wenn ich aufs Àspero steige.
Handling stimmt. Sitzposition passt. Komfort reicht. Und der Antritt überrascht mich immer noch. Raus aus dem Sattel, Druck aufs Pedal – und das Rad geht sofort nach vorne und eilt davon. Herrlich.
Mit 8,9 Kilo inklusive Pedalen fühlt sich das Áspero schnell an. Wirklich schnell.
Ein guter Kauf.
Eigentlich: ein sehr guter.
Geo-Daten
Ausstattung
Messwerte

Redakteur