Die Niederlande gelten als Fahrradland Nummer eins: Rund 28 Prozent aller Wege werden dort mit dem Rad zurückgelegt, das Netz umfasst etwa 153.000 Kilometer. Doch mit E-Scootern, Cargo-Bikes und Fatbikes wächst die Zahl der Fahrzeuge, die sich diese Infrastruktur teilen müssen. Unterschiede bei Tempo, Breite und Gewicht erhöhen das Konfliktpotenzial, besonders auf schmalen Wegen. Das hat ein Forschungsteam der Hochschule in Breda jetzt herausgefunden.
Im LEVERAGE-Projekt der Breda University of Applied Sciences (BUas) und ihrer Partner wurden knapp 2000 Menschen befragt. Rund ein Viertel kann sich vorstellen, ein leichtes Elektrofahrzeug anzuschaffen. Drei Viertel dieser Gruppe erwarten, dadurch weniger Auto zu fahren.
Das ist für Städte aber vor allem für Vororte und ländliche Räume interessant. Dort können Menschen mit E-Lastenrädern und anderen kleinen Elektrofahrzeugen Wege abdecken, die vielen für das klassische Fahrrad zu weit oder zu anstrengend sind, ohne dafür bequem das Auto zu starten. Denn das wird ja noch immer meist von einem Verbrennungsmotor angetrieben.
In ihren Studien untersuchten die BUas-Forschenden mit Eye-Tracking, Hautleitfähigkeitsmessungen und Befragungen, wie Radfahrende auf LEVs reagieren. Das wenig überraschende Ergebnis: (E-)Fatbikes und andere LEVs ziehen mehr Aufmerksamkeit auf sich als klassische Fahrräder.
Nicht das Fahrzeug an sich stellt die Gefahr dar, sondern die Art seiner Nutzung. - Paul van de Coevering, Professor für urbane Mobilitätsplanung an der Hochschule in Breda
Messbarer Stress oder ein erhöhtes Sicherheitsrisiko entstehen aber keinesfalls automatisch, wenn Fahrende berechenbar unterwegs sind, Rücksicht nehmen und Regeln einhalten. „Nicht das Fahrzeug an sich stellt die Gefahr dar, sondern die Art seiner Nutzung“, sagt Paul van de Coevering, Professor für urbane Mobilitätsplanung an der BUas.
Pauschale Verbote für einzelne Fahrzeuggruppen greifen den Studien zufolge zu kurz. Klare Temporegeln, konsequente Kontrollen und ausreichend breite, getrennte Radwege sind der sinnvollere Weg. Das passt auch zu der Diskussion um die deutsche Verkehrspolitik: Ein Blick auf die Fahrrad-Politik von Schwarz-Rot zeigt, dass für den Ausbau der Infrastruktur jetzt konkrete Ziele und eine entschlossene Umsetzung nötig sind.
Und das soll jetzt zum Problem werden - die E-Mobilität, ein Risiko für den Radverkehr? Für die Debatte ist zuerst ein Blick auf die Rechtslage wichtig. Denn „Radweg“ ist nicht automatisch gleich „Radweg“.
Nicht alle leichten Elektrofahrzeuge (LEVs) fahren in den Niederlanden pauschal auf Radwegen.
Nicht alle leichten Elektrofahrzeuge (LEVs) fahren in den Niederlanden pauschal auf Radwegen. In unserem Nachbarland wird zwischen dem reinen Radweg (Fietspad) und kombinierten Rad-Moped-Wegen (Fiets/bromfietspad) unterschieden.
Normale Fahrräder, Pedelecs, regelkonforme E-Lastenräder und E-Fatbikes mit Tretunterstützung bis 25 km/h dürfen beide Wegtypen nutzen. Auf den kombinierten Rad-Moped-Schnellwegen kommen Fahrzeuge wie S-Pedelecs und Mopeds oder Roller mit einer Höchstgeschwindigkeit beziehungsweise Tretunterstützung bis 45 km/h dazu, die in Deutschland auf der Fahrbahn für Kraftfahrzeuge fahren müssen.
Bei E-Scootern ist der Unterschied fast umgekehrt: Deutschland lässt zugelassene tretrollerartige Modelle (keine E-Roller zum Draufsetzen) auf der Radverkehrsinfrastruktur fahren. In den Niederlanden dürfen E-Scooter ohne Tretunterstützung nur dann auf öffentliche Wege, wenn das konkrete Modell zugelassen ist. Viele angebotene Modelle erfüllen diese Voraussetzung nicht.
Es gibt also aktuell (noch) relevante Unterschiede zwischen der deutschen und der niederländischen Rechtslage. Besonders deutlich sind sie bei 25-km/h-Mopeds (Mofas), S-Pedelecs und E-Scootern. Entscheidend ist nicht, wie ein Fahrzeug aussieht, sondern in welche rechtliche Fahrzeugklasse es fällt und welches Schild am Weg steht. Die folgende Übersicht ist eine redaktionelle Orientierung, keine individuelle Rechtsberatung.
| Fahrzeugtyp | Niederlande | Deutschland |
| Fahrrad, Pedelec, regelkonformes E-Lastenrad oder Fatbike bis 25 km/h / 250 W | Auf Radweg und kombiniertem Rad-/Mopedweg erlaubt | Rechtlich Fahrrad, Nutzung der Radverkehrsinfrastruktur nach den üblichen Regeln |
| S-Pedelec bis 45 km/h | Nicht auf dem reinen Radweg, aber auf kombiniertem Rad-/Mopedweg möglich | Als Kleinkraftrad grundsätzlich auf die Fahrbahn, nicht auf den Radweg |
| Moped bis 45 km/h | Auf kombiniertem Rad-/Mopedweg, sonst auf der Fahrbahn | Grundsätzlich Fahrbahn, keine allgemeine Radwegfreigabe |
| 25-km/h-Snorfiets (Mofa) | Grundsätzlich auf dem Radweg, örtlich kann die Fahrbahn vorgeschrieben sein | Fahrbahn; Mofas dürfen außerorts Radwege nutzen |
| E-Scooter | Nur wenige zugelassene Modelle, dann auf Radweg oder kombiniertem Weg | Wie Fahrrad: Zugelassene E-Scooter (Elektrokleinstfahrzeuge) gehören auf Radwege, Radfahrstreifen oder Fahrradstraßen (wenn vorhanden) |
In Deutschland ließe sich das niederländische Wegekonzept von kombinierten Rad-Moped-Wegen, auf denen verschiedenste Fahrzeuge fahren dürfen, zwar als Fahrradstraße mit Ausnahmeregelungen, sprich Zusatzschilden, umsetzen. Das ist aber noch komplizierter zu realisieren als eine Fahrradstraße alleine, von denen es in Deutschland ja auch noch zu wenige gibt.
Dabei verdient die Idee getrennter, klar beschilderter Verkehrsflächen für unterschiedlich schnelle Fahrzeuge definitiv mehr Aufmerksamkeit, wenn wir den Autoverkehr reduzieren wollen. Wo Radverkehr, S-Pedelecs, Lastenräder und weitere LEVs dauerhaft zusammenkommen, reichen keine schmalen Standardradwege mehr aus, sofern es sie denn überhaupt gibt.
Kommunen brauchen sichere, schnelle und komfortable Verbindungen, damit Menschen tatsächlich vom Auto aufs Rad umsteigen. Wie gut das funktionieren kann, zeigt auch das BIKE-Interview mit Boris Palmer über sichere, schnelle und bequeme Radverbindungen.
Gleichzeitig darf der Blick auf die Infrastruktur nicht von der Verantwortung jedes Einzelnen ablenken. Trotz aller Regeln und Technik bleibt gegenseitige Rücksichtnahme die oberste Prämisse, auch unter Radfahrenden. Wer überholt, passt Tempo und Abstand an. Wer schneller unterwegs ist, trägt besondere Verantwortung. Und wer schwächer oder langsamer fährt, muss darauf vertrauen können, nicht zum Hindernis erklärt zu werden.
Die aktuellen Unfallzahlen machen klar, warum diese Diskussion kein Randthema ist. Mehr tödliche Rad-Unfälle in Bayern unterstreichen den Handlungsbedarf hierzulande. Die Mobilität der Zukunft wird vielfältiger. Sicher wird sie nur, wenn Infrastruktur, Regeln und Rücksicht zusammenwirken.
Wie erlebt ihr das Miteinander von Fahrrädern, E-Bikes, Lastenrädern und weiteren anderen Fahrzeugen auf euren täglichen Wegen? Was braucht es aus eurer Sicht für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und damit noch mehr Menschen vom Auto auf Rad umsteigen? Und welche Verantwortung sollten eurer Meinung nach schnellere Radfahrende gegenüber langsameren und besonders schutzbedürftigen Verkehrsteilnehmern übernehmen?
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