NachgehaktWas wurde aus dem Concept Car von Canyon? Wir fragten Roman Arnold

Laurin Lehner

 · 15.03.2026

Nachgehakt: Was wurde aus dem Concept Car von Canyon? Wir fragten Roman ArnoldFoto: Matti Blume/Wikipedia
Canyon zeigte mit seiner Studie, dass Innovation nicht zwangsläufig aus der klassischen Autoindustrie kommen muss. Manchmal genügt der Perspektivwechsel eines Fahrradherstellers, um die Debatte über urbane Mobilität neu zu entfachen.
Es galt als Highlight der IAA 2021: das Concept Car des Koblenzer Versenders Canyon. Für viele war es die passende Antwort auf verstopfte Innenstädte – kompakt, wettergeschützt und umweltfreundlich. Die Idee war brillant. Doch warum ist das Future Mobility Concept anschließend in Vergessenheit geraten? Wir hakten nach.

​Mit dem Future Mobility Concept wagte Canyon den Schritt in eine neue Kategorie: zwischen E-Bike und Auto. Das als „Future Mobility Concept“ kommunizierte Fahrzeug ist weniger ein klassisches Auto als vielmehr eine radikale Neuinterpretation urbaner Mobilität – elektrisch unterstützt, vierrädrig, überdacht und konsequent auf Effizienz getrimmt. Auf das Wording “Car” verzichtete Canyon bewusst, weil es ein über Pedalkraft angetriebenes Mobil ist. Optisch wirkt es dennoch eher nach Auto als nach Fahrrad.

Zwischen Fahrrad und Microcar

Auf den ersten Blick erinnert das Fahrzeug an ein futuristisches Velomobil. Tatsächlich basiert das Konzept auf einem pedalgetriebenen Antrieb mit elektrischer Unterstützung – gedacht für Pendlerinnen und Pendler, die täglich mittlere Distanzen zurücklegen und dabei nicht auf Wetterschutz verzichten wollen.

Im Gegensatz zu klassischen E-Bikes bietet das Canyon-Konzept eine geschlossene Kabine, Sicherheitsgurte und eine stabile Rahmenkonstruktion. Gleichzeitig bleibt es schmal genug, um Radwege zu nutzen – zumindest dort, wo die rechtlichen Rahmenbedingungen dies zulassen. Genau hier zeigt sich die strategische Stoßrichtung: Das Fahrzeug ist als Antwort auf verstopfte Innenstädte konzipiert, in denen Autos zu groß und Fahrräder oft zu exponiert sind.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Design als Statement

Canyon wäre nicht Canyon, wenn das Design keine zentrale Rolle spielte. Klare Linien, sichtbare Carbon-Elemente und eine reduzierte, funktionale Formsprache prägen das Erscheinungsbild. Die erhöhte Sitzposition sorgt für Überblick im Stadtverkehr, während die großzügige Verglasung ein Fahrgefühl fast mit Panoramablick erzeugt.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Die Konstruktion setzt auf Leichtbau – eine Kernkompetenz des Unternehmens. Ziel ist es, maximale Energieeffizienz bei minimalem Materialeinsatz zu erreichen. Das Future Mobility Concept wirkt damit weniger wie ein Mini-Auto, sondern wie ein Hightech-Fahrrad mit Karosserie.

Canyon-Gründer Roman Arnold mit Miniatur des Future Mobility Concept, was er nicht “Car” nennen wollte: “Das Fahrrad hätte etwa 15.000 Euro gekostet”, sagt Arnold.Foto: Laurin LehnerCanyon-Gründer Roman Arnold mit Miniatur des Future Mobility Concept, was er nicht “Car” nennen wollte: “Das Fahrrad hätte etwa 15.000 Euro gekostet”, sagt Arnold.

Interview Roman Arnold: “...einen Denkanstoß zu geben.”

​BIKE: Roman, ihr habt damals für Furore mit dem Canyon Concept Car gesorgt. Für viele war es die ideale Lösung für verstopfte Innenstädte. Warum hat man danach nichts mehr davon gehört?

Roman Arnold: Das Future Mobility Concept entstand aus einer Designidee, an der unser Team in seiner Freizeit arbeitete. Sie haben mich gefragt, ob sie einen Prototyp entwickeln könnten, um die Machbarkeit des Designs zu prüfen. Als wir es 2021 als Konzept öffentlich vorstellten, haben wir es als Einzelstück betrachtet, um die zukünftigen Möglichkeiten des städtischen Verkehrs aufzuzeigen, und nicht als sofort umsetzbares kommerzielles Angebot.

Letztendlich war uns bewusst, dass es als städtisches Verkehrsmittel an der notwendigen Infrastruktur in Städten mangelt – die meisten Radwege sind noch nicht für breitere Fahrzeuge ausgelegt und die meisten Menschen haben zu Hause keinen Platz, um ein solches Fahrzeug unterzustellen. Nicht zuletzt spielte auch der Preis eine Rolle: Das Fahrrad hätte etwa 15.000 Euro gekostet, was für viele Menschen eine hohe Einstiegshürde darstellt.

Wenn Städte mitziehen und spezielle Parkflächen für solche überdachten Fahrzeuge schaffen würden – wäre ein Gefährt wie euer Concept Car in Metropolen wie Hamburg oder München attraktiv.

Das würde sicherlich helfen, aber so einfach ist es nicht. Der Platz in den Innenstädten ist bereits knapp, und die Schaffung zusätzlicher Parkplätze für solche Fahrzeuge ist eine große politische und planerische Herausforderung. Es gibt jedoch Länder, die zumindest über die Infrastruktur und den politischen Willen verfügen, um das FMC zum Erfolg zu führen.

Letztendlich zielen Projekte wie dieses Konzeptfahrzeug in erster Linie darauf ab, zum Nachdenken anzuregen – und das ist ihnen definitiv gelungen. Wer weiß: Vielleicht war das Konzept seiner Zeit einfach voraus und wird in Zukunft eine Renaissance erleben.

Roman Arnold: “Weil letztlich die passende Infrastruktur fehlt”.Foto: Laurin LehnerRoman Arnold: “Weil letztlich die passende Infrastruktur fehlt”.
Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

Meistgelesen in der Rubrik Fahrräder