Sitze ich wirklich auf einem Rad ohne Oberrohr? Seltsam. Der Lenker ist breit und fast geschwungen, die Sitzposition entspannt sportlich, der Blick über das Cockpit fällt auf einen stark stollenbewehrten, fetten Reifen, der sich in einer voluminösen MTB-Federgabel steckt. Und er hört sich übrigens auch so an: Surrend geht’s über die ersten paar Meter Asphalt. Die Sitzposition des Victoria Avyon enttäuscht nicht: Bei allem Komfort, den die dicke Federgabel bietet, ist das Rad lebendig und tatsächlich sehr wendig. Dazu tragen sicher die Stollenreifen wie der breite Lenker bei, aber auch die Lenkgeometrie des Rads ist weit vom typischen Tiefeinsteiger weg.
Dabei macht das Victoria Avyon einen extrem sicheren Eindruck: Alles im Griff! Unterstützt wird das durch den Performance-Line-CX-Motor von Bosch, der jede Menge Kraft für den Berg liefert. Besonders der knackige “Auto”-Modus des Smart System hat uns gefallen, hier reagiert die Motor-Steuerzentrale fein auf die Kraftanforderungen, die eine jeweilige Situation verlangt, und schiebt entsprechend am Berg oder beim Ampelstart mit der satten Wucht von 85 Newtonmeter. Aber gekonnt sanft.
Nicht ganz so sanft endet der Kraftschub jenseits der 25er-Marke. Alles das wird bestens angezeigt vom aufgeräumten Kiox-300-Display am Lenker, das von der linken Lenkerseite aus sehr einfach bedient wird. Wie der Motor wird das Ganze versorgt vom leistungsfähigen 750er Powertube im Unterrohr – hier gibt’s allerdings Abzüge – die Entnahme aus dem zugegeben sehr schön designten Akkufach des Victoria Avyon ist ein echter Fingernagelbrecher.
Victoria ist eine Marke des deutschen Fahrrad- und Komponentenherstellers Hartje. Komfort ist sein Metier, und so überrascht, dass man dort auch mit sportlichen Genen Komfort kann. Und dann noch bei einem Tiefeinsteiger. Überzeugt die Sitzergonomie schon, lässt sich der Vorbau zusätzlich einstellen. Griffe mit kleinen Auflagen stützen die Handgelenke. Zum Komfort, doch weniger zum Sport passt dann auch die Schaltung: Eine Enviolo-Nabe sorgt für ein stufenloses Gleiten durch die Übersetzungen. Und das passt bestens zum Riemen, denn Schaltknacken gibt’s bei anderen.
Allerdings könnte man die Schaltung etwas länger übersetzen; wer gern mit niedrigeren Trittfrequenzen unterwegs ist, streift die Unterstützungsgrenze kaum. Und oberhalb ist man mit einem Rad um 30 Kilo “Lebendgewicht” ohnehin meist nur bergab. Apropos Gewicht: Der MIK-Systemträger mit Adapter für Körbe und Transportboxen nimmt 25 Kilogramm auf. Das Victoria Avyon kommt am besten in der Test-Range damit zurecht, auch wenn sich ein Unterschied gegenüber guten Diamantrahmen feststellen lässt.
Wer es nicht ganz so brachial will, kann die MTB-Reifen gegen Gravel-mäßig bestollte Reifen tauschen – und ist damit auch etwas sanfter rollend unterwegs. Schönes Detail: Die Rücklichtlinie ist gelungen ins Schutzblech integriert und hat sogar eine Bremslichtfunktion. Vorne gibt’s einen 80 Lux starken Strahler, wie das Rücklicht aus dem Hause Contec, eine Hartje-Zubehör-Marke.
Das Abenteuer-Avyon von Victoria ist so komfortabel wie sportlich und kommt auch mit ungastlichem Terrain zurecht. Auch Verarbeitung und Performance liegen auf hohem Niveau. Für die seltene Kombi MTB-Gene und Enviolo-Schaltung – die Reifen rollen hörbar ab – werden satte 4899 Euro fällig.