In Köln-Porz produziert die Firma Igus ein Fahrrad aus recyceltem Kunststoff. Vorteil: Es soll nicht rosten, keine Kettenpflege benötigen und auch sonst keine Wartung verlangen. Utopie, Marketing-Gag oder entsteht hier das ideale Rad für die Stadt?
TEXT: Fabian Hoberg, Barbara Merz-Weigandt
Grellbunt steht es da, das neue Fahrrad von Igus. Igus? Noch nie gehört? Gut möglich, denn das Unternehmen aus Köln-Porz kennen bisher nur Insider aus der Metallbranche. Igus steht für Industriespritzguss. Als Zulieferer gilt Igus als Spezialist für Spritzgusstechnik und verschleißfreie Lager – mit kompletten Fahrrädern hat die Firma bisher wenig zu tun.
Doch das ändert sich jetzt. Igus vertreibt seit diesem Jahr das Fahrrad RCYL by Igus. Neben der ausgefallenen Optik mit breitem und geradem Lenker, dickem Rahmen und Rädern mit Y-förmigen Speichen sorgt das Material des Rads für Staunen, denn es besteht fast vollständig aus recyceltem Kunststoff.
Schon auf den ersten Metern vermittelt das Igus-Bike ein vertrautes Fahrgefühl. Der Riemenantrieb summt leise über die Hinterradnabe, die Lenkung spricht direkt an, und die Bremsen greifen kräftig zu. Auch der breit ausgeführte Sattel überrascht: Was zunächst klobig wirkt, erweist sich schnell als angenehm bequem – selbst ohne längere Eingewöhnung.
„Das Plastik auf den Müllhalden dieser Welt wird zu einer wertvollen Ressource.“
Trotz des Gewichts von rund 17 Kilogramm lässt sich das Rad leicht und mit wenig Kraftaufwand über die ebene Strecke bewegen. Das Fahrgefühl ist angenehm direkt, das Handling wirkt agiler, als man es von klassischen City-Leihrädern kennt. Selbst mit mittlerem Kraftaufwand fährt sich das Igus-Bike frisch und dynamisch. Nachteile? Eigentlich nur das vergleichsweise höhere Gewicht. Doch wer das Igus-Rad nicht täglich in den vierten Stock tragen muss, wird diesen Punkt kaum bemerken.
Igus hat bei der Entwicklung seines Fahrrads nicht einfach bestehende Metallkomponenten ersetzt, denn das wäre zu kurz gedacht. Stattdessen hat das Unternehmen die Werkstoffeigenschaften von Hochleistungskunststoffen genau analysiert und daraus neue Konstruktionsansätze abgeleitet – jedes einzelne Bauteil wurde neu entwickelt und speziell an die Eigenschaften von Hochleistungskunststoffen angepasst. Das Ergebnis: ein rundum neu konzipiertes Rad, das sich in vielen Details vom klassischen Fahrradbau unterscheidet.
97 Prozent der Komponenten bestehen aus polymeren Werkstoffen, der Rahmen ist in mehreren Farben erhältlich. Trotz des Verzichts auf Faserverstärkungen weist der Rahmen eine hohe Materialdichte auf und trägt Personen mit einem Gewicht von bis zu 103 Kilogramm. Zusätzlich ist der Rahmen sortenrein aufgebaut und lässt sich am Lebensende mit vergleichsweise geringem Energieaufwand recyceln.
Auffällig sind die hohle, vordere Radnabe, die massiv ausgelegte Gabel sowie die breiteren Tretkurbeln. Diese Merkmale sind keine Designspielerei, sondern Antworten auf die Anforderungen des Werkstoffs. Kunststoff verhält sich mechanisch anders als Metall – er ist flexibler, weniger fest, aber dafür leichter und wartungsfrei. Eine einfache 1:1-Substitution metallischer Bauteile ist daher nicht möglich. Igus hat die Bauteile an die spezifischen mechanischen Eigenschaften der verwendeten Kunststoffe angepasst. Alle Komponenten werden auf 25 Prüfständen bis zur Bruchgrenze getestet – mit Belastungszyklen, die über den normalen Fahrbetrieb hinausgehen. Zwei Testfahrer simulieren zusätzlich den realen Einsatz im Alltag sowie in extremen Situationen, um eventuelle Schwachstellen frühzeitig zu identifizieren.
Die großen Bauteile – Rahmen, Gabel und Laufräder – entstehen im Rotationsguss-Verfahren. Dieses Fertigungsverfahren eignet sich gut für die Verarbeitung von Recyclingmaterialien. Heute bestehen etwa 50 Prozent des Mate- rials aus Rezyklaten, unter anderem aus alten Fischernetzen. Das zehnköpfige Fahrrad-Team bei Igus will diesen Anteil in den nächsten zwei Jahren auf 75 Prozent erhöhen – langfristig ist ein Fahrrad aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff das erklärte Ziel. Nach dem Ende seiner Lebensdauer ist das Rad vollständig recyclingfähig. Damit das auch geschieht, ist im Kaufpreis ein Pfand von 50 Euro enthalten. So schließt Igus den Materialkreislauf. Und noch etwas zahlt in die CO2-Bilanz ein: Im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Fahrrädern, die häufig in Asien gefertigt werden, entsteht das Igus-Rad zu 90 Prozent in Deutschland. Das verkürzt Transportwege und spart Kosten und CO²-Emissionen.
Die Idee zum aus Kunststoff gefertigten Fahrrad entstand nicht am Reißbrett, sondern an einem heißen Sommertag im Jahr 2005. Frank Blase, Geschäftsführer von Igus, sitzt während seines Urlaubs in Jacksonville, Florida, am Strand – und ärgert sich über das, was er dort sieht: verrostete, heruntergekommene Leihräder, die kaum noch fahrtüchtig wirken. Bei Gesprächen mit den lokalen Fahrradverleihern erfährt er: Die salzhaltige Meeresluft setzt den Metallrahmen massiv zu, viele Räder halten nur wenige Monate durch.
Blase stört sich am vernachlässigten Zustand der Räder und an deren kurzer Lebensdauer. Sein Gedanke: Ein Fahrrad aus Kunststoff wäre unempfindlich gegen Korrosion – rostfrei, langlebig und wartungsarm. Damit ist die Idee geboren. Das Team um Frank Blase findet einen richtigen Partner in den Niederlanden: Mtrl.bike, früher bekannt als Dutch Fiets. Gemeinsam entwickeln sie Prototypen, die Igus anschließend in Köln testet. Das fertige Produkt feiert 2022 auf der Messe Hannover Premiere. Seit 2025 werden die Kunststoff-Räder in Serie produziert, in einer neuen Fertigungshalle in Köln. Das Serienmodell RCLY Bike by Igus, Modell GEN A kostet 1.243 Euro.
Und die Entwicklung geht weiter. Aktuell arbeitet das Team an mehreren neuen Varianten: eine S-Version mit tiefem Einstieg, ein E-Bike sowie ein Lastenrad für Auslieferungsdienste. Im laufenden Jahr sollen etwa 500 Räder entstehen, hauptsächlich für den deutschen und europäischen Markt. Ab 2026 plant Igus die Produktion von über 5.000 Stück jährlich, auch für den US-Markt.
Neben dem direkten Verkauf zielt Igus auf den B2B-Bereich – etwa für Hotels, Campingplätze, Fahrradverleiher oder Unternehmen mit Mobilitätsangeboten für Mitarbeitende. Darüber hinaus versteht Igus das Rad als Beweis für das technisch Machbare: als fahrendes Schaufenster für die eigenen Komponenten. Langfristig verfolgt Igus eine größere Vision: die Produktion von Fahrrädern direkt an großen Müllhalden der Welt. Dort, wo Kunststoffabfälle entstehen, sollen Bauteile gefertigt und in Räder verwandelt werden. Denn bislang spielt Nachhaltigkeit in der Fahrradbranche oft nur im Marketing eine Rolle. Hier setzt Igus an, mit einem System, das zeigt: Anders produzieren ist möglich. Auch in grellbunten Farben.
Margret und Günter Blase gründen im Oktober 1964 in Köln-Mühlheim die Firma Igus, ein Unternehmen für „Kunststoffe für bewegte Anwendungen“. Der Vorteil liegt gegenüber Metall im langsameren Verschleiß und Recyclingfähigkeit. Zudem müssen die Bauteile weder geölt noch gefettet werden, laufen nahezu wartungsfrei.
Zu den Produkten zählen unter anderem Gleitlager, Energieketten, Gewindetechnik, Kunststoffketten und Rollbänder für die Industrie. In den ersten 20 Jahren produziert Igus technische Kunststoffteile für andere Unternehmen. 1983 beginnt Igus mit einer Fertigung von Energiekettensystemen und Gleitlagern. Von 1985 bis 2024 wächst Igus von einst 40 auf über 5.200 Mitarbeiter, die weltweit auf 33 Standorte verteilt sind, erwirtschaftet eine Milliarde Umsatz. Etwa 900 Spritzgussmaschinen produzieren neue Komponenten. Seit 1993 ist Sohn Frank Blase Inhaber der Firma Igus in Köln Porz-Lindt.
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