Tom Pidcock dominiert das XCO-Rennen der Herren, Sina Frei holt sich das Regenbogentrikot bei den Damen – Vali Höll und Jackson Goldstone schreiben Downhill-Geschichte. Rund 30.000 Zuschauer erlebten eine Weltmeisterschaft, die in Erinnerung bleiben wird.
Wenn Tom Pidcock auftaucht, verändert sich die Dynamik eines Rennens. Wie kein Straßenfahrer sonst hat sich der Brite und doppelte Olympiasieger das Image eines Fahrtechnik-Asses erarbeitet. Und dennoch überraschte der Mann aus Leeds am Sonntagnachmittag auf seine ganz eigene Art. Denn mit denkbar schlechten Vorzeichen, einem Start aus der fünften Reihe und mit Rückenschmerzen nach einem Trainingssturz am Freitag rockte er trotzdem das prestigeträchtige Cross-Country-Rennen.
Pidcock startete von derselben Reihe wie sein vermeintlich größter Konkurrent Mathieu van der Poel, doch während der Niederländer nie wirklich Anschluss an das Rennen fand, kämpfte sich der Brite konsequent nach vorne. Die Franzosen setzten in der ersten Rennhälfte ein hohes Tempo und machten die Aufholjagd zur Qual. Pidcock machte Fehler, verlor Zeit, arbeitete sich dennoch in die Spitzengruppe vor – und wartete.
In der sechsten Runde kam der erste entscheidende Angriff. Charlie Aldridge, Adrien Boichis, Martin Vidaurre und der Überraschungsmann des Tages, Kanadas Cole Punchard, konnten zunächst folgen. Doch dann sortierte sich das Rennen neu: Boichis verlor an Fahrt, Vidaurre erwischte auf der letzten Runde einen Platten – eine Bronzemedaille, die ihm bereits so gut wie sicher schien, war plötzlich weg. Aldridge war der Letzte, der den Anschluss an Pidcock aufgeben musste, auf der vorletzten Runde.
Tom Pidcock überquerte die Ziellinie solo, 17 Sekunden vor seinem Landsmann Aldridge. Bronze holte sich der Kanadier Cole Punchard mit 31 Sekunden Rückstand – ebenfalls ein Fahrer, der aus dem Mittfeld gestartet war. Vidaurre wurde mit einem Rückstand von 59 Sekunden Vierter, Boichis Fünfter. David List sicherte sich als bester Deutscher einen starken Zehnten Rang. Und van der Poel? Der Niederländer, der das einzige Regenbogentrikot jagt, das in seiner Sammlung noch fehlt, kam mit über vier Minuten und 40 Sekunden Rückstand auf Platz 30 ins Ziel.
„Neben der Tour de France waren diese Weltmeisterschaften mein großes Ziel der Saison", sagte Pidcock nach dem Rennen, begann sein Interview im Ziel aber emotional. „Es war schwierig überhaupt hierher zu kommen. Ich möchte diesen Sieg Fin Tarling widmen, seinem Bruder Joshua und seiner Familie." Der britische Radsportler war nach einem tragischen Unfall auf der Portugal-Rundfahrt im August 2026 verstorben. Mit einem Seitenblick auf Konkurrent van der Poel zeigte sich Pidcock aber auch angriffslustig. „Ich freue mich, gezeigt zu haben, dass ich auf dem Mountainbike stärker bin als Mathieu van der Poel."
Für Pidcock ist es der zweite Elite-XCO-Weltmeistertitel – neben Regenbogentrikots im Cyclocross, im E-Mountainbike und auf der Straße (als Junior). Acht von zehn Cross-Country-Rennen hat er in jüngster Zeit gewonnen, dazu zwei Olympiasiege in Tokio und Paris.
Ein erster Elite-WM-Titel, mit Klasse herausgefahren und verdient wie selten: Die Schweizerin Sina Frei war beim Damen-Rennen zu stark für alle Konkurrentinnen. Während im Feld noch eine Handvoll Fahrerinnen die Führung unter sich ausmachten, schaltete Frei auf der zweiten Runde einen Gang höher.
Zunächst versuchte Rio-Olympiasiegerin Jenny Rissveds, die dominierende Fahrerin der diesjährigen World-Cup-Saison, das Tempo mitzugehen, ebenso die Lokalmatadorin Martina Berta. Rissveds verlor aber sukzessive Boden und wurde schließlich von einem Platten aus dem Medaillenkampf geworfen. Berta dagegen zeigte die Klasse einer Fahrerin, die gelernt hat, ein Rennen zu lesen: Sie hielt inne, wann nötig, und gab dann Gas, wenn es zählte.
Auf der dritten Runde ließ auch sie Frei ziehen. Die Italienerin aus La Salle im Aostatal sammelte ihre Kräfte und lieferte sich auf den letzten zwei Runden einen packenden Kampf mit der Schweizerin Nicole Koller um Silber. In einem Sprint auf der Zielgeraden – mit über einer Minute Rückstand auf Frei – behielt Berta die Oberhand.
Gold geht an Sina Frei. Silber an Martina Berta. Bronze sichert sich Nicole Koller. Puck Pieterse aus den Niederlanden wurde Vierte, Samara Maxwell aus Neuseeland Fünfte. „Mehr als ein Saisonziel war das ein echter Traum, besonders nach zwei Jahren, in denen ich in der Saisonmitte immer wieder Probleme hatte", sagte Frei nach dem Rennen. „Ich habe auf mich selbst geachtet, ohne zu viel an die anderen zu denken. Ich kann noch immer nicht fassen, was passiert ist."
Für Berta, die im Juli beim UCI World Cup in La Thuile als erste Italienerin seit 13 Jahren ein Rennen der Eliteserie gewonnen hatte, war es die Krönung einer außergewöhnlichen Saison. „Diese Medaille war das große Ziel", sagte die 28-Jährige. „Ich bin sehr glücklich. Die Atmosphäre hier war unglaublich."
Die Black Snake von Val di Sole kennt ihre Favoriten. Und Jackson Goldstone kennt die Black Snake. Wenn der Kanadier durch die Daolasa-Wälder fährt, dann wird das Wurzelfeld zur Tanzfläche, die steilste Strecke des World Cup Zirkus zum Pumptrack. Zum zweiten Mal in Folge ist er Downhill-Weltmeister, zum vierten Mal drückt er Val di Sole seinen Stempel auf (inklusive des Junior-WM-Titels 2021).
Doch dass dieser Titel nicht ohne Dramatik kam, dafür sorgte Neuseelands Lachlan Stevens-McNab. Der Geheimtipp des Wettbewerbs lieferte sowohl im Qualifying als auch im Finale eine außergewöhnliche Leistung ab und ließ die gesamte Konkurrenz hinter sich – bis auf einen. Goldstones Zielzeit: 3:28.785 Minuten. Stevens-McNabs Zielzeit: 3:29.480 Minuten. Kaum 0,7 Sekunden trennten Gold von Silber.
Bronze ging an Großbritanniens Jordan Williams, der mit 3:29.487 Minuten nur sieben Tausendstel hinter Stevens-McNab lag – ein Hauch von Nichts entschied über das Podium. Dahinter folgten ein offensichtlich etwas überraschter Asa Vermette (USA, 4.), der nach einem Top-Run wohl eine noch bessere Platzierung erwartet hatte. Und Andi Kolb (Österreich, 5.) vor Luca Shaw (USA, 6.). Henri Kiefer als bester Deutscher wurde Achter, Frankreich blieb trotz starker Saison ohne Medaille.
„Zweimal in Folge Weltmeister zu werden ist ein Traum. Ich hatte das Gefühl, dass ich es kann, und ich habe einfach versucht meine Linien zu fahren und keine Fehler zu machen", sagte Goldstone.
Bei den Damen holte sich Vali Höll nun schon ihren fünften Titel. Die 24-jährige Österreicherin aus Saalbach schreibt damit Sportgeschichte und zieht mit Downhill-Legende Rachel Atherton gleich. Nur die Französin Anne-Caroline Chausson hat in der Vergangenheit mehr WM-Titel gesammelt.
Auf der Black Snake baute sie ihren Vorsprung vor allem im mittleren Streckenabschnitt aus und stoppte die Uhr bei 4:01.558 Minuten. Silber holte die Schweizerin Lisa Baumann in 4:03.286 Minuten, Bronze die Britin Harriet Harnden in 4:03.604 Minuten. Nur 0,3 Sekunden lagen zwischen Silber und Bronze. Nina Hoffmann aus Deutschland sicherte sich Rang vier.
Für Tahnee Seagrave und Marine Cabirou, beide Stammsiegfahrerinnen auf der Black Snake im World Cup, lief der Tag nicht wie geplant. Beide blieben deutlich hinter ihren Möglichkeiten – Seagrave Siebte, Cabirou Neunte. Myriam Nicole, die zuletzt Höll bei einem WM-Rennen geschlagen hatte (ebenfalls in Val di Sole, 2021), konnte wegen einer Erkrankung nicht starten.
„Ich dachte nicht, dass es möglich ist, fünf WM-Titel in Folge zu gewinnen. Es ist einfach unglaublich", sagte Höll. „Es hat mich die ganze Woche körperlich und mental viel Kraft gekostet. Aber es hat geklappt. Jetzt freue ich mich auf Urlaub."
Neben den großen Elite-Wettbewerben vergab die UCI Mountain Bike World Championships Val di Sole 2026 Regenbogentrikots in einer Reihe weiterer Kategorien. Im Cross Country U23 gewann die Italienerin Valentina Corvi überlegen mit 43 Sekunden Vorsprung auf die Schweizerin Anina Hutter, Bronze ging an Monique Halter (Schweiz).

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