Gravel-Rennen Hamburgs BackyardInterview Lisa Alice Paus: „Scheiße, Lisa. Die Restkilometer stimmen nicht…”

Laurin Lehner

 · 11.08.2026

Gravel-Rennen Hamburgs Backyard: Interview Lisa Alice Paus: „Scheiße, Lisa. Die Restkilometer stimmen nicht…”Foto: Lisa Paus / Hamburgs Backyard
Geschafft nach 46:20 Stunden! Lisa Alice Paus mit Partner und Ehemann im Ziel des Hamburgs Backyard.
​Lisa Alice Paus hat sich dem Unsupported Gravel-Rennen Hamburg's Backyard gestellt. 700 Kilometer durchpowern. Warum macht man das? Worin liegt der Reiz, und warum wird sie es wieder tun? Lisa im Interview.

Wer hier an den Start geht, muss nicht nur körperlich fit sein, sondern vor allem einen starken Kopf mitbringen. Die Strecke führt durch wechselndes Terrain, über Kopfsteinpflaster und Gravelpassagen, durch Nächte, in denen der Kopf beginnt, einem Streiche zu spielen.

Gefahren wird solo oder im Team – wer sich die Qual teilen möchte, kann in der Zweier-Wertung starten. Für Einsteiger gibt es mit der Nightshift eine 250-Kilometer-Variante, um zumindest schon mal zu testen, wie es sich anfühlt, eine Nacht durchzupowern.

Wir haben mit Teilnehmerin Lisa Alice Paus telefoniert, sie startete zusammen mit ihrem Mann bei dem Rennen.

Interview Lisa Paus: „Zwei Nächte ohne Schlaf waren für mich bis dato absolutes Neuland.”

Lisa Paus: “Nach einer harten Diskussion haben wir getan, was wir zu Hause immer machen, wenn wir uns nicht einig sind: Schnick, Schnack, Schnuck.”Foto: Lisa PausLisa Paus: “Nach einer harten Diskussion haben wir getan, was wir zu Hause immer machen, wenn wir uns nicht einig sind: Schnick, Schnack, Schnuck.”

​Lisa, du bist zusammen mit deinem Mann in der Zweier-Wertung beim Hamburg's Backyard gestartet. 700 Kilometer – ohne Support, am Stück.

Das Hamburg's Backyard war unser erstes gemeinsames Long-Distance-Unsupported-Gravel-Rennen. Mein Mann bringt aus seiner Straßenzeit extrem viel Ultra-Erfahrung mit – er ist unter anderem schon das Race Across America gefahren. Wir sind zwar vorher auch schon gemeinsam Brevet-Serien bis zu 1.200 Kilometern gefahren, aber an seine Erfahrung kam ich da trotzdem noch lange nicht ran. Und so ein Unsupported-Rennen auf dem Gravelbike mit extrem wenig Schlaf war einfach noch mal was völlig anderes. Umso schöner war es, ihn bei dem Abenteuer an meiner Seite zu haben.

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Und wie ist es gelaufen?

Insgesamt lief es super – also, wenn wir uns in der Nacht nicht komplett verfahren hätten. Wir sind durch die erste Nacht durchgefahren und bevor es wieder zurück Richtung Hamburg gehen sollte, gab es noch so einen etwa 80 Kilometer langen Loop, den man fahren musste. Den haben wir schlichtweg verpasst. Um drei Uhr morgens schaut mein Mann auf den Tacho und meint nur: „Scheiße, Lisa. Die Restkilometer stimmen überhaupt nicht… wir haben was verpasst."

Und dann?

Wir waren erst mal völlig baff. Mein Mann war in dem Moment bedient und meinte: „Lisa, ich bin raus. Ich fahre diese 40 Kilometer über Kopfsteinpflaster und Gravelpassagen sicher nicht wieder zurück." Wir hatten ja ewig Zeit verloren. Ich wollte aber unter keinen Umständen aufgeben oder disqualifiziert werden. Nach einer harten Diskussion haben wir getan, was wir zu Hause immer machen, wenn wir uns nicht einig sind: Schnick, Schnack, Schnuck. Fair ist fair – und ich habe zum Glück gewonnen!

Wow, und dein Mann hat sich dann gefügt?

Na ja, freiwillig nicht gerade! Aber Spiel ist Spiel – wer gewinnt, entscheidet halt. Ich habe auch rigoros darauf bestanden. Ich habe schnell den Race Director angerufen und geklärt, ob wir wenigstens über die Straße zurück zum verpassten Loop rollen dürfen. Das ging zum Glück klar. Danach war aber erst mal zwei Stunden absolute Funkstille zwischen uns auf dem Rad... Bis wir am Checkpoint ankamen und merkten, dass wir immer noch richtig gut im Rennen lagen. Da kam die Motivation zurück, die Stimmung war wieder da und wir haben das Ding einfach zusammen durchgezogen.

Lisa Paus mit Eheman im Windschatten während des Hamburgs Backyard Ultra.Foto: Lisa PausLisa Paus mit Eheman im Windschatten während des Hamburgs Backyard Ultra.

Wie bist du zum Radsport gekommen?

Wenn ich jetzt so zurückblicke – ich glaube, es sind sieben oder acht Jahre her, dass ich überhaupt angefangen habe, Rad zu fahren. Davor habe ich beruflich geritten. Als ich dann aufgehört habe, bin ich erst mal ins Laufen reingerutscht, um das irgendwie zu kompensieren. Und aufs Fahrrad bin ich dann eigentlich nur durch Zufall gekommen – durch eine Laufverletzung, die sich einfach nicht beruhigen wollte. Ich habe mir dann mein erstes Fahrrad gekauft, um irgendwie weiter trainieren zu können. Und dann... bin ich hängen geblieben, muss ich sagen. Das Rad hat mich einfach nicht mehr losgelassen.

Und dann hast du dir irgendwann ein Gravelbike gekauft?

Ja, genau. Gestartet bin ich allerdings erst einmal mit einem Rennrad. Nach etwa einem Jahr habe ich dann meinen jetzigen Mann beim Bike-Fitting kennengelernt. Er und viele in unserem Freundeskreis sind damals schon extrem viel Gravel gefahren. Er wollte mich einfach super gerne bei den Ausfahrten dabei haben – und hat mir dann damals ein Gravelbike geschenkt.

Wann war dein erstes Gravel-Rennen, und was war das?

Mein erstes offizielles Rennen war tatsächlich Fudenas – eigentlich ein MTB-Rennen, aber wir sind da einfach mit den Gravelbikes an den Start gegangen. Danach bin ich zwar noch ein paar andere Events gefahren, aber das waren eher klassische, kürzere Distanzen. Abseits vom Renngeschehen haben wir ohnehin schon immer super gerne längere Graveltouren gemacht.

Ein absolutes Highlight war da unsere Hochzeitsreise: Zusammen mit einem Teil der Hochzeitsgesellschaft sind wir die Badlands-Route in vier Tagen nachgefahren. Das war landschaftlich einfach wunderschön. Die Teilnahme am Hamburg's Backyard war dann aber tatsächlich mein allererstes Long-Distance-Unsupported-Rennen auf dem Gravelbike und noch mal eine ganz andere Hausnummer.

Es gibt die Bikepacking-Fraktion – schön gemütlich die Landschaft genießen. Und dann gibt es dieses nächtliche Gehetze, Gel reindrücken, Schlafentzug. Was fasziniert dich daran?

Ja, genau das fragt man sich im Rennen selbst ständig. Wirklich. Du fährst an den schönsten Orten vorbei – im Dunkeln. Du genießt dein Essen nicht, sondern versuchst einfach nur, so schnell wie möglich Kalorien reinzudrücken. Wir haben zwei Nächte gar nicht geschlafen, und irgendwo auf der Strecke denkst du dir nur: Why? Warum tun wir uns das eigentlich an? Aber wir sind halt beide von Natur aus super kompetitive Menschen. Wir mögen es einfach, uns zu challengen und uns mit anderen zu messen.

Der Rennkontext hilft uns auch enorm dabei, die Motivation hochzuhalten. Wenn es keinen Druck gibt, legst du dich irgendwann einfach hin und schläfst. Aber wenn man sich vorher gemeinsam ein Ziel gesetzt hat und weiß, dass man in einem Wettkampf ist, dann ist Aufgeben keine echte Option. Sobald du erst mal gestartet bist, versuchst du natürlich durchzuziehen. Da schaltet der Kopf direkt in den Game-Modus, und du bist einfach voll drin.

Zündet das auch, weil du gemerkt hast, dass du da talentiert bist? Dass du denkst – hey, das kann ich.

Ja, ich glaube schon. Bei solchen Rennen kommt es nicht unbedingt darauf an, die Schnellste zu sein. Was viel mehr zählt, sind Ausdauer und mentale Stärke – und das gehört definitiv zu meinen Stärken. Ich war nämlich schon immer der Typ für stundenlange Ausdauerbelastungen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich damals vom Laufen zum Radfahren gewechselt bin: Beim Laufen bist du nach anderthalb, zwei Stunden wieder zu Hause und denkst dir: Und was mache ich jetzt mit dem restlichen Tag? Auf dem Rad kannst du deiner Ausdauer dagegen wirklich freien Lauf lassen. 300 Kilometer – und am nächsten Tag geht's direkt wieder los. Das wäre beim Laufen für mich so einfach nicht möglich.

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Was war für dich persönlich das Härteste an dem Rennen?

Lange Distanzen kenne ich – ich bin schon öfter mal bis zu 400, 500 Kilometer am Stück mit meinem Rennrad gefahren, aber eben immer nur durch eine Nacht. Zwei Nächte ohne Schlaf waren für mich bis dato absolutes Neuland. Eigentlich wollten wir vor der zweiten Nacht auch längst wieder zurück in Hamburg sein, aber das hat nicht geklappt. Und in dieser zweiten Nacht habe ich zum ersten Mal in meinem Leben auf dem Rad halluziniert: Ich habe Schattentiere im Wald gesehen, eine Lokomotive, die mitten aus einem Feld fährt, und einen Sprinter mit Menschen drin. Ich habe sogar zu meinem Mann gesagt: „Bieg da nicht ab, da steht ein Auto!" – aber da war einfach gar nichts. Das war schon verrückt zu erleben, wie der Kopf da reagiert. Bei den Schattentieren wusste ich noch: okay, das ist mein Kopf. Aber bei dem Sprinter – da konnte ich nicht mehr unterscheiden, was real ist und was nicht. Mein Mann hat dann irgendwann gesagt: „Lisa, leg dich einfach zehn Minuten hin." Das habe ich dann gemacht. Danach waren die Halluzinationen komplett weg.

Was würdest du beim nächsten Mal anders machen?

Ich würde das Gepäck besser sichern. Mir sind ein paar Sachen, die ich außen an die Arschrakete festgezurrt hatte, beim Graveln durch das ganze Gerappel einfach unbemerkt heruntergefallen. Mein Learning fürs nächste Mal: Vorher unbedingt einmal mit dem komplett gepackten Setup richtig graveln gehen und schauen, ob auch wirklich alles am Rad bleibt! Zweitens: Ausgeruhter an den Start gehen. Wenn man weiß, dass man ein bis zwei Nächte durchfahren will, sollte man vorher echt zusehen, dass man richtig ausgeruht ist. Es fällt mir nicht immer leicht, lange zu schlafen. Und drittens: Keine Restaurantbesuche, lieber Tankstellen! Ich hatte zwar extra eine Excel-Liste mit Stopps vorbereitet, aber vergessen, sie mir abzufotografieren. Also landeten wir abends doch im Restaurant, weil nachts nichts mehr aufhatte. Bis wir bedient wurden, verging ewig Zeit – da haben wir richtig viel liegen lassen. Nächstes Mal wird's ganz klar der schnelle Tankstellenstopp! Aber ansonsten bin ich ehrlich gesagt ziemlich stolz darauf, wie wir es gemanagt haben.

Was war mit der Verpflegung? Wie habt ihr das geregelt?

Da das Rennen komplett unsupported war und es unterwegs nur einen Checkpoint mit Essen gab, hatten wir verpflegungstechnisch echt einiges dabei. Wir sind beide früher schon öfter mal in den Hungerast reingefahren – das wollten wir diesmal unbedingt vermeiden und haben uns sehr konsequent ernährt. Wir hatten wirklich extrem viele Gels mit: bestimmt zweieinhalb Kilo. Es ist nicht unbedingt das, worauf man die ganze Zeit Appetit hat, aber es funktioniert einfach – schnell verfügbare Energie, ohne dass der Magen belastet wird. Und für die Psyche haben wir uns an den Tankstellen unterwegs einfach ab und zu mal ein Eis oder Weingummi gegönnt.

Was würdest du jemandem raten, der überlegt, ob er den Schritt zum Rennen wagen soll?

Wenn man in der Richtung noch gar nichts gemacht hat, macht es natürlich Sinn, sich vorher schrittweise an längere Distanzen heranzutasten oder einfach mal auszuprobieren, durch die Nacht zu fahren. Bei dem Event wurde dafür zum Beispiel extra eine Nightshift angeboten – da konnte man auf einer 250-Kilometer-Runde genau das mal testen. Aber wenn man an dem Punkt steht und sich fragt, ob man sich trauen soll: Definitiv ja, MACHEN! Es gibt eigentlich immer irgendwo einen Exit. Du kannst jederzeit sagen: Ich bin raus, fahre mit dem Zug oder lasse mich abholen. Aussteigen ist absolut keine Schande – aber es erst gar nicht probiert zu haben, das wäre extrem schade.

Letzte Frage: Dein Mann kommt zu dir und sagt – Lisa, Schweden, 600 Kilometer, unsupported, du und ich. Oder alternativ: Schweden, kein Rennen, dafür die geilsten Pässe, die schönsten Schlafplätze, morgens Kaffee mit Aussicht. Was nimmst du?

Schwierig! Ich hätte am liebsten eigentlich beides. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: definitiv das Rennen. Der Renndruck, die Motivation, das feste Ziel – das bringt mich da am Ende überhaupt erst durch. Ohne diesen Druck würde ich wahrscheinlich nicht in so kurzer Zeit die Distanz zurücklegen. Dann würde ich mehr Stopps im Café einlegen und länger schlafen. Das ist an sich auch eine super Sache – aber so ein Rennen zusammen durchzuziehen und es dann als Paar zu meistern, macht dich am Ende einfach unglaublich stolz.

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Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

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