Mit 49 Jahren wird Guido Tschugg UCI Downhill-Weltmeister – mit künstlicher Hüfte. Im Gespräch mit BIKE erzählt er vom wilden Finallauf, riskanten Reifenentscheidungen und warum Alter im Downhill nur eine Zahl ist.
Guido Tschugg: Das war extrem emotional. Vor zwei Jahren habe ich eine künstliche Hüfte bekommen. Da wusste keiner, ob ich jemals wieder so fahren kann – Downhill, Motocross, Rennen. Und jetzt stehe ich da als Weltmeister. Das ist schon besonders.
BIKE: Hattest du während des Rennens noch Probleme?
Tschugg: Nein, die Hüfte ist komplett ausgeheilt. Klar, ich spüre sie manchmal. Aber ich kann alles wieder machen wie vorher. Der Hersteller hat sich gleich gemeldet als er vom Erfolg gehört hat – Weltmeister mit neuer Hüfte ist natürlich eine gute Story.
BIKE: Wie ist die Quali gelaufen – sichere Sache oder Zitterpartie?
Tschugg: Die Quali habe ich mit einer Sekunde Rückstand absolviert. Vorne lag Petr Hanak. Wo kriege ich jetzt die Sekunde her? Eigentlich hatte ich schon einen guten Lauf runtergebracht. Und dann ist mir eingefallen: Der Hinterradreifen muss besser rollen. Ich hatte die Super Tacky Mischung von Schwalbe drauf. Mega Grip, doch auf der Strecke brauchte ich eine härtere Gummimischung. Also bin ich in den Bike-Laden und hab mir einen Reifen gekauft.
BIKE: Im Finale bist du mit härterem Reifen, doch auch ohne Kette gefahren – was ist passiert?
Tschugg: Im Finale habe ich voll attackiert. In der Mitte der Strecke habe ich bei zwei Drops zu viel Speed mitgenommen, bin fast ins Flat gesprungen – dabei muss ich mir das Kettenblatt verbogen haben. Plötzlich war ein Pedal oben, eins unten. Katastrophe.
BIKE: Und dann?
Tschugg: Ich dachte: Das war’s. Aber ich habe einfach weitergedrückt. Dann sprang die Kette runter und schliff an der Felge. Ich hatte nur noch einen Gedanken: Hoffentlich wickelt sie sich nicht rein.
Irgendwann war sie weg. Und dann ging’s plötzlich wieder: Pedale parallel, ich konnte pumpen wie auf einem Pumptrack. Keine Tritte mehr – nur Speed mitnehmen, jede Welle nutzen, jeden Sprung sauber landen.
BIKE: Klingt nach Kontrollverlust – und Kontrolle zugleich.
Tschugg: Genau so war’s. Unten kam noch ein Waldstück, da habe ich sonst immer leicht gebremst. Diesmal nicht. Einfach laufen lassen. Danach eine lange Gerade – die anderen treten, ich mache mich klein und pumpe. Der letzte Sprung: großer Table. Voll gescrubbt, sauber gelandet – und ins Ziel.
BIKE: Und Weltmeister!
Tschugg: Ich dachte ehrlich: Das reicht nie. Dann sehe ich die Zeit – Bestzeit. Aner der Favorit kommt noch, fährt exakt wie in der Quali. Und plötzlich habe ich drei Sekunden Vorsprung.
BIKE: Also war der Reifenwechsel entscheidend?
Tschugg: Total. Ohne den wäre ich nicht Weltmeister geworden. Ich habe mir den Reifen vor Ort gekauft – 90 Euro. Der Händler hat sich danach gefreut wie ein Schneekönig.
BIKE: Wie anspruchsvoll war die Strecke?
Tschugg: Schnell und für eine Masters-WM ziemlich hart. Viele blinde Sprünge, wenig Sicht, viel Risiko. Für jüngere Fahrer okay – aber ab 45 überlegst du dir schon zweimal, ob du das springst.
BIKE: Du wirst dieses Jahr 50. Was bedeutet dir der Titel?
Tschugg: Viel. Vor allem, weil ich weiß: Ich gehöre immer noch zu den Schnellsten. Ich war insgesamt siebtschnellster Fahrer von allen Klassen. Das zeigt mir: Es geht noch was.
BIKE: Du bist vor 9 Jahren Mastersweltmeister in der 40+ Klasse geworden, damals in Andorra. Jetzt in der Klasse 50+. Wie geht’s weiter?
Tschugg: Na ja – vielleicht 60 plus. (lacht) Nein, im Ernst: Solange es geht, mache ich weiter. Und ein Weltmeister-Trikot mit Regenbogenstreifen gibt’s auch wieder. Das fährt sich gleich nochmal schneller.

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