Radreise mal anders“Ein Kinderzimmer auf Rädern”

Lukas Niebuhr

 · 20.01.2024

Das sind die StrassenGiraffen.
Foto: StrassenGiraffen
Gregor und Lorena Bennek haben es getan. Sie haben ihre Wohngemeinschaft aufgelöst, haben ihr Zeug gelagert und sind mit dem Rad losgefahren ohne genau zu wissen, wo es lang gehen soll und wie lange die Radreise dauern wird. Ach ja, und sie sind nicht allein: Mit dabei sind ihre kleinen Töchter Ella (6) und Laila (2). Seit Juli ist die Familie unterwegs und hat grade die Weihnachtsfeiertage auf Sardinien verbracht. Was sie antreibt, was ihre Höhe- und Tiefpunkte waren und wo die Reise noch hingehen könnte, haben sie uns im Gespräch verraten.

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Die erste Frage, die mir durch den Kopf geschossen ist, als ich von den “StrassenGiraffen” gehört habe, war, wie man auf so eine Idee kommt. Alles hinter sich zu lassen und dann auch noch mit zwei kleinen Kindern. Für mich, auch ohne Kinder, wohl unvorstellbar. Und doch so eine reizvolle Idee...

Was war eure Idee zu dieser Radreise?

Lorena und Gregor haben das Reisen schon früh für sich entdeckt, als die beiden zusammen ein Jahr backpacken waren. Sie lieben es, wie viele Menschen, in der Natur zu sein und diese am besten mit dem Rad zu erkunden. Fahrradfahren sei die beste Möglichkeit zu reisen, da man in seinem eigenen Tempo unterwegs ist und die Natur verstärkt wahrnehmen kann, erzählen sie mir. Durch die Geburt ihrer beiden Töchter, die überhaupt keine Fans vom Autofahren seien, habe sich das Bedürfnis nach dem Radreisen verstärkt. Daraus resultierten auch die ersten kleineren und erfolgreichen Bikepacking-Urlaube im Sommer, die wohl den Grundstein für die Idee dieser Aktion gelegt haben dürften.

Und trotzdem: Eine Woche Familienurlaub mit dem Fahrrad werden sich die meisten wohl noch zutrauen. Diese Woche auf einen unbestimmten Zeitraum auszuweiten, vermutlich die wenigsten. Es spielten offensichtlich weitere Faktoren eine Rolle bei der Entscheidung für die Radreise. Bock auf Familienzeit und die Lust auf eine innere Reise waren weitere Argumente. Jetzt, wo die Töchter noch nicht schulpflichtig sind, war der beste Zeitpunkt, die Sache durchzuziehen. “Und dann haben wir uns gefragt: ‘Funktioniert das überhaupt mit zwei kleinen Kindern dauerhaft?’ und haben dann gesagt, wenn wir es nicht ausprobieren, werden wir nie wissen, ob es funktioniert”, begründet Lorena die finale Entscheidung.

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Wenn wir es nicht machen und ausprobieren, werden wir nie wissen, ob es funktioniert. - Lorena Bennek
Im Juli begann das große Abenteuer Radreise mit unbekanntem Ausgang.Foto: StrassenGiraffenIm Juli begann das große Abenteuer Radreise mit unbekanntem Ausgang.
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Gab es “Start-Schwierigkeiten”?

Für so eine Radreise muss natürlich etwas mehr organisiert werden, als für einen Kurzurlaub. Auch wenn die beiden den Start knapp mit: “Wir haben unser Zimmer aufgelöst, gepackt und uns gesagt, wir probieren es jetzt einfach”, umreißen. Ganz so schnell wird es wohl nicht gegangen sein. Vor allem für die Hilfe ihrer Familien und Freunde in den doch etwas stressigeren Tagen vor der Abreise, sind Gregor und Lorena sehr dankbar.

Mit dabei haben sie vor allem Essensausstattung und Klamotten. Auf einem ihrer Fahrradanhänger ist ein Solarpanel angebracht, das die E-Bike-Akkus sowie Handys, ihren Laptop und auch den Wasserkocher mit Strom versorgt. Zur weiteren Ausstattung gehören ein Wassertank (10 Liter), eine zusätzlicher Batterie für Strom, ein Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, sowie ein Tisch und ein Stuhl. Generell “mehr als uns lieb ist”, scherzt Lorena. Ein Paket mit überflüssigen Sachen werden sie noch im Verlauf ihrer Reise nach Deutschland zurückschicken.

Als alle Sachen gepackt waren, Ella und Laila sicher in den beiden Kinderanhängern untergebracht waren und sich alle verabschiedet hatten, konnte es vom Chiemsee aus losgehen. Die ersten 6 Wochen blieben die StrassenGiraffen vor allem in Süddeutschland, quasi als Probezeit mit der Frage im Kopf “Wollen wir das hier wirklich?”. Vor allem die vielen und teils starken Gewitter sorgten für einen unangenehmen Start und stellten eine große Herausforderung dar. Über verschiedene Plattformen konnte sich die Familie bei hilfsbereiten Menschen spontan einquartieren. Die Sorge vor plötzlichen Gewittern begleitete sie dennoch lange bei ihren teils täglichen Etappen.

Wir probieren es jetzt einfach. - Lorena und Gregor zu ihrem Entschluss die Reise durchzuziehen.
Dem Regen zum Trotz. Bei Gewitter hieß es dann jedoch schnell eine sichere Unterkunft finden.Foto: StrassenGiraffenDem Regen zum Trotz. Bei Gewitter hieß es dann jedoch schnell eine sichere Unterkunft finden.

Wo soll die Reise hingehen?

Von Süddeutschland aus ging es für die StrassenGiraffen am Inn entlang über den Reschenpass Richtung Italien und ans Meer etwas südlich von Venedig. “Unsere große Tochter hat vor Freude geweint als ihr klar wurde, dass wir mit dem Fahrrad zum Meer gefahren sind”, erinnern sich Gregor und Lorena selbst voller Stolz. Die Reise führte sie danach durchs Landesinnere über Ferrara und Bologna nach Florenz. Mit kleinen Abstechern ging es weiter nach Livorno, von wo aus sie die Fähre nach Sardinien genommen haben. Und auch dort konnten sie schon einige Kilometer mit dem Rad zurücklegen. Von Olbia ging es Richtung Bari Sardo, wo sie nun schon seit November in einer gemieteten Unterkunft wohnen.

Denn die StrassenGiraffen haben auf ihrer Reise noch einmal Zuwachs bekommen: Maluna heißt das neue Familienmitglied, ist ein Labrador-Mischling und braucht erst einmal Zeit, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Die Feiertage wurden also genutzt, um für eine längere Zeit an einem Ort zu bleiben. Bis November sah der Familienalltag allerdings etwas anders aus und stellte grade am Anfang eine Herausforderung dar: “Anfangs waren Abläufe nicht zu 100 Prozent klar und man musste sich an die neue Situation akklimatisieren”, erzählt Gregor. “Wer macht was? Wie unterstützen die Kinder?” waren Fragen, mit denen sich die Familie konfrontiert sah. Dadurch sei es auch schwer gewesen, in einen Reiseflow zu kommen und neben den ganzen Aufgaben auch mal zu entspannen.

Zuwachs: Die kleine Maluna ist ein Labrador-Mischling und seit Ende letzten Jahres Teil der Familie.Foto: StrassenGiraffenZuwachs: Die kleine Maluna ist ein Labrador-Mischling und seit Ende letzten Jahres Teil der Familie.

Wie sieht denn euer Reisealltag aus?

Letztlich ist es aber wie mit jeder neuen Aufgabe oder Lebenssituation: Man gewöhnt sich dran. Wie der neue Reisealltag aussieht, können Gregor und Lorena nicht konkret sagen, da er von vielen Faktoren abhängig ist: Wie ist das Wetter? Wo soll es hingehen? und so weiter... Normalerweise startet der Tag entspannt mit einem (Baby-)Kaffee und Frühstück, bei dem oftmals schon etwas fürs Mittagessen vorgekocht wird. Je nachdem, was der Plan für den Tag ist, machen sich die vier bzw. nun fünf zwischen 10 und 12 Uhr auf den Weg, fahren am Tag meist zwischen 20 und 50 Kilometer, haben aber auf der Fahrt zur Fähre nach Livorno auch eine 70 Kilometer Etappe hinter sich. Den Mittagsschlaf von Laila nutzt die Familie oft um noch länger fahren zu können.

Es gibt aber auch Tage, wo sie gar nicht fahren, sondern an einem Ort bleiben. “Um anzukommen und zu entspannen”, sagen sie. Wenn sie unterwegs sind, müssen sie grade jetzt im Winter, wo es früh dunkel wird, schauen, wo sie ihr Zelt aufschlagen können und dürfen. Wildcamping ist nämlich nicht überall erlaubt und ein Campingplatz wäre auf Dauer zu teuer. Falls sich nichts ergeben sollte, seien diese natürlich ein guter Plan B.
Die StrassenGiraffen leben eher von Tag zu Tag ohne weit in die Zukunft zu planen. Dies sei auch gar nicht möglich, da sie nie genau wüssten, wie viele Kilometer sie an einem Tag fahren. Wenn dann doch mal ein Aufenthalt an einem Ort oder einer Stadt im Voraus geplant wird, nutzen die vier teilweise Plattformen, wie “Couchsurfing”, um auch mal ein festes Dach über dem Kopf zu haben.

Das Solarpanel auf dem Kinderanhänger versorgt die E-Bike-Akkus und andere elektronische Geräte mit Strom.Foto: StrassenGiraffenDas Solarpanel auf dem Kinderanhänger versorgt die E-Bike-Akkus und andere elektronische Geräte mit Strom.

Was waren eure Highlights und Lowlights?

Mit der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, von denen sie auch spontan in Notlagen wegen Unwetters aufgenommen wurden, hat die Familie viele positive Erfahrungen gemacht, was sie als eines der vielen Highlights der ganzen Reise beschreiben. Auch die Naturerfahrungen, teilweise mehrere Tage abgeschottet von der Zivilisation mit dem Rad unterwegs zu sein, sei eine ganz besondere Erfahrung. Gregor hebt die Fahrt in Baunei auf Sardinien in den Bergen hervor, die sowohl landschaftlich als auch farblich ein “Traum” sei. Die vielen freiumherlaufenden Tiere, wie Wildschweine und Wildpferde, trugen zusätzlich zu einer Art Tierpark-Vibe bei.

Neben Wetterschwierigkeiten und der Sorge nicht zu wissen, wo man die Nacht schlafen kann, haben die StrassenGiraffen auch eine schlechte Erfahrung gemacht, über die sie im Nachhinein schmunzeln können: Beim Campen auf Sardinien wurden sie von Katzen überfallen, die in Scharen angefangen haben Lebens- und Waschmittel zu klauen. Als sie anfingen aufs Zelt zu springen, wurde dieses dann doch wieder abgebaut und die vier mussten sich einen anderen Platz weiter weg für die Nacht suchen.

Wir wurden von Katzen überfallen. - Lorena

Wie ist eine Radreise mit kleinen Kindern? Anstrengend?

So schön und bereichernd sich diese letzten Monate angehört haben mögen, konnte ich mir nicht vorstellen, dass so eine Reise mit zwei kleinen Kindern nicht anstrengend ist. Aber das Gegenteil sei der Fall gewesen, auch wenn sich Gregor und Lorena anfangs die gleichen Gedanken gemacht haben. Für die Kinder stellte die Radreise ein großen Abenteuer dar. Außerdem wäre die Fahrt mit dem Fahrrad viel angenehmer als eine lange Autofahrt. Denn Kinder haben Energie, die sie abbauen müssen und seit Oktober hat die große Tochter Ella die Möglichkeit, selbst mit ihrem Rad mitzufahren, dass ihr von einer Mitfahrgelegenheit aus Deutschland mitgebracht wurde. Auch Laila wurde anschließend mit einem Laufrad ausgestattet.

Seit Oktober fährt auch Tochter Ella mit ihrem Fahrrad mit und sitzt nicht mehr die ganze Zeit im Kinderanhänger.Foto: StrassenGiraffenSeit Oktober fährt auch Tochter Ella mit ihrem Fahrrad mit und sitzt nicht mehr die ganze Zeit im Kinderanhänger.

Falls die beiden keine Lust aufs Radfahren haben oder einfach zu kaputt sind, haben sie die Möglichkeit, in ihren Kinderanhängern mitzufahren und sich nur die Landschaft anzuschauen. Den Eltern war es wichtig, dass jedes Kind seinen eigenen Safespace hat und beschreiben die Hänger liebevoll als eine Art “Kinderzimmer auf Rädern”. Die dritte Möglichkeit des Kindertransports ist für Ella der vordere Sitz auf dem Tandem und für Laila der Kindersitz auf dem Gepäckträger.

Der Reisealltag gebe den Kindern zudem eine feste Struktur, was Gregor und Lorena spätestens seit ihrem längeren Aufenthalt auf Sardinien gemerkt haben. Natürlich hätte besonders Ella anfangs ihre Freundinnen vermisst, jedoch verbringen alle gerne Zeit miteinander und kleine Kinder sind meistens ohnehin sehr kontaktfreudig. Auch die beiden Töchter lieben die Natur und sich auf der Radreise frei zu entfalten, auch wenn sie mal weniger Lust aufs Radfahren haben. Deshalb sei es wichtig auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Dadurch sei die ganze Erfahrung mit ihnen wirklich positiv.

Aber sagt mal, wie finanziert ihr eure Radreise?

Eine wichtige Frage wurde noch nicht beantwortet, die sich viele vielleicht schon am Anfang der Geschichte gestellt haben. Wie können sich die StrassenGiraffen diese auf unbestimmte Zeit andauernde Reise denn leisten? Sowohl Lorena als auch Gregor arbeiten als Trainer für gewaltfreie Kommunikation (GFK). Während sich Lorena momentan in Elternzeit befindet, war Gregor noch bis Dezember angestellt. Auf ihrer Reise haben beide schon Workshops, Coachings und Vorträge für Familien angeboten. Sie wollen ihr “Projekt” groß aufziehen und dabei Menschen inspirieren und zu einer friedlicheren Welt beitragen. Auch in den letzten Monaten konnten sie durch ihre Erfahrung Konflikte begleiten, was sie auch zu ihren vielen Highlights zählen.

Auf Social Media sind sie ebenfalls unterwegs und lassen ihre Follower an ihrer Radreise teilhaben.
Zuzüglich ihrer Ersparnisse, werden so die Kosten gedeckt. Vor allem das Essen sei sehr teuer, da die StrassenGiraffen viel Wert darauf legen gesund zu kochen. Und natürlich muss eine Nacht im Airbnb oder ihre Wohnung auf Sardinien auch bezahlt werden.

Wir haben die Vision zu einer friedlicheren Welt beizutragen und wollen mit diesem Projekt Menschen inspirieren. - Lorena
Vitamine! Der Kinderanhänger kann auch für den Lebensmitteltransport umfunktioniert werden.Foto: StrassenGiraffenVitamine! Der Kinderanhänger kann auch für den Lebensmitteltransport umfunktioniert werden.

Wie geht es weiter mit eurer Radreise?

Obwohl nicht klar ist, wie lang die Radreise noch dauern wird und die StrassenGiraffen vor allem von Tag zu Tag leben, haben sie Vorstellungen, wohin es sie noch verschlagen könnte. “Geplant ist der südlichste Punkt Europas und wenn man schon mal da ist vielleicht Marokko”, erzählt Gregor. Auch Neuseeland war im Gespräch. Ein baldiges Ende ist demnach wohl nicht in Sicht. Wichtig ist ihnen nur, dass sich jeder wohlfühlt.

In naher Zukunft wollen sie auch einen Ort finden, an dem Ella zur Schule gehen kann. Falls sich nichts ergibt, sind die Benneks aber auch offen dafür, weiter zu reisen. Mit Blick auf eine Rückkehr nach Deutschland, ist eine Tour im Sommer geplant, bei der Gregor und Lorena unter anderem in einer Schule und auf einer Freizeit ihre Workshops anbieten und alle vier mal wieder Familie und Freunde besuchen können.

Abschließend wollte ich noch eine Sache von den beiden wissen: “Wieso nennt ihr euch die StrassenGiraffen?” “Die Giraffe ist das Symbol der Gewaltfreien Kommunikation, da diese das größte Herz der Landtiere besitzt und man die gewaltfreie Kommunikation auch die Sprache des Herzens nennt”, erklärt mir Lorena. Die Kombination mit dem Wort Straße versteht sich dann wohl von selbst...


>> Weitere Infos zu den StrassenGiraffen und ihrer Radreise findest du auf: strassengiraffen.de

Lukas Niebuhr

Lukas Niebuhr

Werkstudent

Lukas Niebuhr ist gebürtige Bielefelder, studiert an der Deutschen Sporthochschule Köln im Master Sport, Medien- und Kommunikationsforschung und arbeitet als Werkstudent in der Online-Redaktion für BIKE und TOUR. In Köln fährt er gerne Gravelbike, seine Urlaube verbringt der Sportstudent am liebsten mit Skitouren oder auf dem (E-)MTB in den Bergen.

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