Rasoulution
· 14.07.2026
Slopestyle-Biken war lange eine Männer-Domäne. Wie progressiv der Sport ist, sieht man, wenn man sich nur ein Event von vor zehn Jahren anschaut – und mit heute vergleicht. Mit einfachen Backflips und Tailwhips überzeugt man die Jury nicht mehr zu hohen Punktzahlen.
Auch neu: Immer mehr Frauen finden den Weg in den Sport, oft in sehr jungen Jahren. Eine davon ist Johanna Nussbaumer (17) aus Bad Saulgau in Oberschwaben.
Interview: Rachel Pechholz
Johanna, wie schön, dich wieder in Sölden zu treffen. Wie gefällt es dir? Dieses Jahr sind die Nines ja Teil des Bike Republik Sölden Festival – was hast du mitbekommen?
Ja, wieder in der Bike Republik Sölden zu sein ist mega. Ich liebe es, in den Bergen zu sein, und hier wieder eine Woche Fahrrad fahren zu können, ist großartig. Wir waren gestern auf der Expo und am Abend auf der Party, wo es sehr witzig war.
Vor einem Jahr hast du gesagt, dass du vor allem Spaß haben und Erfahrungen sammeln möchtest. Was hat sich seitdem am meisten für dich als Athletin verändert?
Ich habe sehr viel über mich selbst gelernt. Gerade in Situationen, in denen man sich dann doch ab und zu Stress macht. Ich bin auf jeden Fall viel bewusster geworden – wenn ich gerade etwas nicht will, dann ist auch das mal ok.
Heuer ist viel mehr los am Nines Kurs – so viele Zuschauer:innen. Ändert das etwas für dich?
Klar ist es ein anderes Gefühl, wenn man viel mehr unter Beobachtung steht, aber sobald ich losfahre, merke ich es kaum noch. Zu einem gewissen Grad sind die Zuschauer auch richtig gut – dadurch hat man noch mehr Bock, vielleicht doch noch mal mehr zu machen und neue Tricks auszuprobieren. Die gute Stimmung lässt einen einfacher seine Ängste überwinden.
Die Nines sind für euch ein großer Spielplatz, den ihr fünf Tage frei ohne Competition nutzen könnt, gibt es einen Unterschied zwischen den Nines hier und einem Event wie Crankworx Rotorua?
Ja, ist auf jeden Fall ein großer Unterschied. Insbesondere die Stimmung unter den Fahrern ist noch mal lockerer als sonst. Man muss sich nicht so stark auf sich selbst konzentrieren, sondern fährt viel mehr zusammen und pusht sich gegenseitig.
Du hast dieses Jahr Crankworx Rotorua gewonnen, dein erstes Diamond Event. Wie hat sich dieser Sieg bei schwierigen Bedingungen angefühlt?
Ja, so richtig erleichtert. Ich hatte die ganze Woche eigentlich schon mega viel Spaß und dann auch noch zu gewinnen – in Neuseeland Radfahren zu können ist schon etwas sehr Besonderes. Der Sieg war eigentlich dann eher ein Bonus, weil ich die ganze Reise einfach insgesamt so genossen hatte und die gute Laune mit aufs Bike nehmen konnte. Mein Run war zwar nicht ganz so, wie ich es wollte, aber ich war froh, trotzdem einen guten Run runterzubringen.
Nachfrage: Du hattest einen Score von 92,5 Punkten und sagst „es war nicht der Run, den du machen wolltest." Was wolltest du denn da noch draufhauen?
Naja, man hat natürlich im Kopf schon noch mehr Tricks, die man zu Hause trainiert. Aber es ist dann noch mal ein Unterschied, das alles in einer Line zu machen. Im Endeffekt war es auch ok, so wie es war.
Du bist mittlerweile für viele junge Fahrerinnen selbst ein Vorbild. Wie fühlt es sich an, plötzlich auf der anderen Seite zu stehen?
Ich merk das gar nicht so und fühle mich noch wie vor ein oder zwei Jahren. Aber ich finde es cool, andere motivieren zu können – das fühlt sich schon toll an.
Frauen-Slopestyle entwickelt sich aktuell enorm. Wo siehst du die Disziplin in fünf Jahren und welchen Beitrag möchtest du selbst dazu leisten? (Immer mehr Zuschauer, krassere Tricks und generell mehr Aufmerksamkeit)
Ich glaube, der Unterschied in fünf Jahren wird noch mal ganz anders sein – man kann es ja selbst beobachten, dass die Runs der Frauen von Contest zu Contest besser werden. Ich glaube, dass wir uns in den nächsten Jahren richtig ins Positive entwickeln, und ich hoffe, zeigen zu können, dass auch ich mich immer weiterentwickle.
An welchem Trick oder welcher Trick-Kombination arbeitest du aktuell am intensivsten – und gibt es einen Trick, der dir noch richtig Respekt einflößt?
Ich trainiere gerade sehr viel an Tail Whip Combos, also an Straight Tail Whips. Die versuche ich regelmäßig zu machen. Und ich versuche auch den Tail Whip im 360 bisschen safer zu bringen. Der tut zwar sehr weh, wenn man fällt, aber der lohnt sich auf jeden Fall und ich versuche dranzubleiben.
Wenn du auf deine bisher größten Events zurückblickst: Welcher Moment war für dich der emotionalste oder bedeutendste?
In Rotorua bin ich beim ersten Run nicht runtergekommen, was sich extrem scheiße angefühlt hat, aber danach den zweiten Run runterzubringen war eine sehr große Erleichterung.
Was war die verrückteste Situation, die du auf Reisen zu einem Contest erlebt hast?
Um ehrlich zu sein, keine Ahnung – ich genieße das Reisen sehr, da es ein großes Privileg ist, denn nicht jeder kann mal einfach so nach Neuseeland fliegen. Deswegen genieße ich eigentlich jeden Moment, egal was passiert, und versuche alles mitzunehmen.
Auf Social Media sieht oft alles nach Spaß und Erfolg aus. Wie sieht eine typische Trainingswoche bei dir wirklich aus? Gibst du uns einen Blick „hinter die Kulissen"?
Da ich noch zur Schule gehe und dreimal pro Woche Mittagschule habe, versuche ich trotzdem mindestens einmal unter der Woche zu trainieren. Am Wochenende gehe ich dann mit meinen Freunden fahren. Dabei habe ich nicht immer einen konkreten Plan, sondern schaue einfach, wie die Session so läuft und was an dem Tag geht.
Wie schaffst du es, Schule/Ausbildung, Reisen und Leistungssport unter einen Hut zu bringen?
Es wird immer schwieriger, weil natürlich die Motivation immer mehr wegfällt. Wenn man von einem Contest wieder zurück in die Schule geht, fühlt es sich ein wenig an, als wäre die Zeit zurückversetzt worden. Ich versuche so gut es geht, beidem gerecht zu werden.
Und wie ist das mit deinen Mitschülern? Ist das alles normal oder kriegen die das mit, wenn du dann nach so einer Reise wieder kommst?
Ich glaub, über die Hälfte interessiert es tatsächlich gar nicht – aber das ist mir auch nicht wichtig. Ich habe meine Freunde und die finden cool, was ich mache. Ich finde es auch gut, nach solchen Events wieder wohin zu kommen, wo dann alles ein bisschen normaler ist. Das hilft, um sich selbst wieder runterzufahren und sich neu zu fokussieren.
Welchen Tipp würdest du einem 12-jährigen Mädchen geben, das heute zum ersten Mal einen Dirtjump oder Slopestyle-Kurs fährt?
„Trust yourself" sage ich immer, wenn ich etwas mache, vor dem ich Angst habe. Einfach auf sich selbst hören – auf das eigene Gefühl kann man sich meistens gut verlassen.
Bald steht der Red Bull District Ride an – was nimmst du dir dafür vor?
Ich nehme mir gar nichts Konkretes vor. Ich werde ankommen, werde das Training fahren und schauen, was geht.
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