Interview Tom Van SteenbergenÜber X Games und Rampage

Laurin Lehner

 · 03.09.2024

Interview Tom Van Steenbergen: Über X Games und RampageFoto: Ale Di Lullo
Interview Tom Van Steenbergen: Über X Games und Rampage
Tom Van Steenbergen (28) erlebte 2021 den schlimmsten Sturz seines Lebens. Statt mentaler Blockade und Karriereende startete Tom bereits im Folgejahr wieder bei der Red Bull Rampage. Jetzt holte er sich bei dem prestigeträchtigen Video-Wettkampf X Games Real die Goldmedaille.

Themen in diesem Artikel

Interview mit Tom Van Steenbergen

Freeride: Wir haben mit Cam Zink gesprochen, als die Video-Edits bei X Games Real online gingen. Er war sich sicher, dass du gewinnst. Warst du dir auch so sicher?

Tom Van Steenbergen: Ich wusste, dass ich eine sehr gute Chance habe. Denn im Edit konnte ich alles umsetzen, was ich mir vorgenommen hatte. Dennoch: Wenn eine Jury bewertet, kann man sich nie sicher sein.

Freeride: Du hast die Goldmedaille bekommen. ’Ne große Nummer, oder?

Tom Van Steenbergen: Total, die X Games sind eine richtig große Nummer, vor allem hier bei uns in Nordamerika. Ich würde sogar sagen, dass die X-Games-Goldmedaille neben meinem Best-Trick-Award bei der Rampage 2021 das Highlight meiner Karriere ist.

Freeride: Deine Konkurrenz war stark: Matt MacDuff, Dylan Stark, Remy Morton und Kade Edwards. Vor wem hattest du am meisten Respekt?

Tom Van Steenbergen: Ich wusste lange Zeit nur, dass Matt dabei ist. Von den anderen habe ich erst später gehört. Aber allein von Matt wusste ich, dass er das Zeug zu Gold hat. Er ist kreativ, talentiert und hatte ein gutes Team um sich. Ich habe nicht so viele Gedanken an die anderen verschwendet. Ich konzentrierte mich auf mein Projekt, unterstützt durch meinen Kameramann Calvin.

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Ablauf der X-Games

Freeride: Wie läuft das ab? Du bekommst einen Anruf von den X-Games Offiziellen, rufst deinen Filmer an und machst einen Plan?

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Tom Van Steenbergen: So in etwa. Ich war ziemlich stoked und konnte es kaum glauben. Ich war sowieso gerade mit Filmemacher Calvin unterwegs, als der Anruf kam. Ich setzte mich sofort hin und zeichnete Stunt-Ideen und überlegte Tricks, die ich mit den Stunts kombinieren könnte. Danach suchte ich mit Calvin passende Songs aus. Am Ende vom Tag hatten wir einen Schlachtplan.

Freeride: Die Vorgabe war also lediglich, zu einem gewissen Zeitpunkt einen 90-Sekunden-Clip einzuschicken?

Tom Van Steenbergen: Fast. Wir bekamen auch die Kriterien mitgeteilt, anhand derer das Video bewertet wird. 1. Progression of Riding. 2. Progression of Filmmaking. 3. Editing

Freeride: Wie wichtig ist der richtige Song?

Tom Van Steenbergen: Sehr wichtig. Wir hatten einen idealen Song – Calvin hat ihn auf irgendeiner Playlist gefunden. Als wir ihn lizenzieren wollten, zog sich das ewig hin und am Ende hörten wir nichts mehr. Also mussten wir den Song im letzten Moment ändern. Natürlich passte dann der Schnitt nicht mehr und Calvin musste wieder ran.

Aufwendig und teuer, aber tolles Format

Freeride: Jedes der X-Games-Videos war aufwendig inszeniert. Wie viele Leute waren daran beteiligt und wie teuer ist so ein Projekt?

Tom Van Steenbergen: Sehr teuer! Schau dir mal das Edit von Remy an, er hat eine Stunt-Linie erschaffen, aufwendiger als ein Hausbau. Ich selbst war zwei Wochen allein im Wald, um zu bauen. Wir waren drei Leute und ein paar Helfer. Man braucht schweres Gerät, Material und ein Bau-Team. Die Kosten habe ich nicht aufgeschrieben. Besser so! Denn am Ende legt man drauf. Die eigene Zeit, die man investiert hat, ist da noch gar nicht eingerechnet.

Freeride: Aber die X-Games-Macher zahlen jedem Teilnehmer-Team 9000 US-Dollar.

Tom Van Steenbergen: Mit 9000 Dollar stellst du kein Videoprojekt auf die Beine, das würdig wäre einzuschicken. Ich hatte das Glück, dass ich viele Maschinen kostenlos ausleihen konnte. Trotzdem habe ich viel mehr ausgegeben als die 9000 Dollar.

Freeride: Wäre es nicht fairer, wenn die X Games 12000 US-Dollar zur Verfügung stellen würden und alle müssten dieses Budget einhalten? Für mehr Chancengleichheit.

Tom Van Steenbergen: Der Ansatz mag auf den ersten Blick gut sein. Das Budget hätte dann weniger Einfluss auf den Erfolg. Aber am Ende würden viele Leute kein Geld bekommen, die an dem Projekt beteiligt sind. Das ist ein Aspekt, der mir gar nicht gefällt.

Freeride: Es scheint ein lukratives Geschäft für die X Games zu sein. Sie geben euch ein bisschen Geld, ihr legt richtig was drauf und stellt selbst Videos zur Verfügung, die sie wiederum ausspielen, um damit eine riesige Reichweite zu generieren.

Tom Van Steenbergen: Haha, ja, so kann man das auch sehen. Ich bin trotzdem stolz, dabei gewesen zu sein. Ich bleibe dabei: So ein Videowettbewerb ist das beste Format, um Freeriding zu judgen. Eine X-Games-Medaille ist eine tolle Sache. Aber noch mal würde ich es wahrscheinlich nicht machen. Es ist, wie du sagst: Man legt drauf.

Freeride: Andreu Lacondeguy war auch einer der auserwählten Kandidaten für X Games Real MTB. Doch laut Gerüchten soll er abgelehnt haben mit dem Argument: 9000 Dollar sind zu wenig.

Tom Van Steenbergen: Das weiß ich nicht. Ich habe gehört, er hätte kurzfristig abgesagt wegen einer Verletzung.

Alles rund um die Videos von Tom Van Steenbergen

Freeride: Weißt du, wer darüber entscheidet, wer eingeladen wird?

Tom Van Steenbergen: Nein, es geht wahrscheinlich darum, Fahrer aus verschiedenen Nationen mit einer großen Reichweite auszuwählen. Die genauen Kriterien kenne ich aber nicht.

Zweckentfremdet: Bekannter Move mit ungewöhnlichem Absprung. Tom stößt sein Bike während eines Drops von sich und sackt im Superman in die Tiefe. Ein Stunt, den die Szene zuvor so noch nicht zu sehen bekam.Foto: Tyler McCaulZweckentfremdet: Bekannter Move mit ungewöhnlichem Absprung. Tom stößt sein Bike während eines Drops von sich und sackt im Superman in die Tiefe. Ein Stunt, den die Szene zuvor so noch nicht zu sehen bekam.

Freeride: Zurück zu den Videos. Habt ihr Fahrer euch die Videos vorher gegenseitig gezeigt?

Tom Van Steenbergen: Ich habe Matts Video gesehen und er meines. Ich war beeindruckt von seiner Inszenierung und wusste, dass es das Zeug dazu hat, den Wettkampf zu gewinnen.

Freeride: Was sind deine persönlichen Top 3 – dein Video ausgenommen?

Tom Van Steenbergen: Puh, wahrscheinlich die Edits von Matt MacDuff, Dylan Stark und Kade Edwards. Aber ich will mich nicht auf ein Ranking festlegen, das sollen andere machen (lacht). Remys Video hat mich auch beeindruckt, der XXL-Kurs kombiniert mit seinem lässigen Stil war beeindruckend zu sehen. Kade hat mich überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass er im Video Slopestyle fährt.

Freeride: Was war die größte Herausforderung bei deinem Videodreh?

Tom Van Steenbergen: Es war eine Kombination aus Zeitdruck, Wetterkapriolen und dem Anspruch, die Stunts so zu machen, wie ich sie mir in den Kopf gesetzt hatte. Zwischendurch bin ich zur Rampage geflogen, um dort zu bauen und zu starten. Es waren hektische Wochen.

Über den härtesten Stunt

Freeride: Der krasseste Stunt im Video war wohl ein Cashroll-Drop, oder wie nennst du deinen finalen Stunt im Video?

Tom Van Steenbergen: Ich nenne den Trick einen Cork-720-Drop. Aber nenn’ ihn, wie du willst.

Freeride: Du hattest gesagt, er funktionierte beim ersten Versuch. Verrückt!

Tom Van Steenbergen: Das ist kein Trick, den man zigmal auf Dirt ausprobieren kann, ohne sich zu verletzen. Ich habe ihn bei Brett Rheeder geübt. Brett hat einen Drop in einen Airbag auf seinem Gelände. Ich habe ihn so oft wiederholt, dass ich ihn komplett automatisiert hatte und mit breiter Brust zu dem Stunt im Wald gegangen bin. Den Drop hatten wir extra für das Videoprojekt gebaut.

Freeride: Was war neben diesem Stunt der schwierigste Trick?

Tom Van Steenbergen: Der Superman-Drop. Das sieht viel einfacher aus, als es ist. Ich hatte kaum eine Chance zu korrigieren. Man fällt dabei einfach nach unten.

Freeride: Dein wohl kreativster Stunt: der Bonerlog-Stoppie into Backflip.

Tom Van Steenbergen: Das Ding war sketchy! Ich habe den Stunt auch nachgebaut, um ihn zuerst in einem Airbag zu üben. Der Boner ragte 50 Grad in den Himmel, war sieben Meter lang mit einem Kick am Ende, damit ich den Backflip einleiten konnte. Schon beim Sprung in das Luftkissen fiel es mir schwer, den Stunt entschlossen durchzuziehen. Das Timing war die größte Herausforderung. Jedes Mal, wenn es schiefging, segelte ich völlig unkontrolliert durch die Luft. Als ich den Stunt im scharfen Versuch auf Dirt anging, war mein Puls entsprechend hoch. Im Video sieht man auch einen Versuch, der schiefgeht – übel!

Nach Höhenflug folgt Tiefpunkt: Tom rotiert während der Red Bull Rampage 2021 im Frontflip (Best Trick) durch Utahs Wüste. Noch ist alles gut, doch schon beim Folgesprung strauchelt Tom und bricht sich Hüftknochen, Wirbel und Oberschenkel.Foto: Red Bull Content PoolNach Höhenflug folgt Tiefpunkt: Tom rotiert während der Red Bull Rampage 2021 im Frontflip (Best Trick) durch Utahs Wüste. Noch ist alles gut, doch schon beim Folgesprung strauchelt Tom und bricht sich Hüftknochen, Wirbel und Oberschenkel.

Die schwere Verletzung von Tom Van Steenbergen

Freeride: Noch nie gesehene Tricks, Weltpremieren. Wie schüttelt man die aus dem Ärmel?

Tom Van Steenbergen: Ich hatte im Vorfeld viel Zeit, schließlich war ich lange verletzt nach meinem Sturz bei der Rampage 2021. Glaub mir, ich hatte Zeit, mir über solche Dinge Gedanken zu machen. Viel Zeit! (Anm. d. Red: Tom hatte sich die linke und rechte Hüftpfanne mehrfach gebrochen, dazu einen Oberschenkelbruch und Brüche im Bereich der unteren Wirbel. In der bereits lädierten Schulter zog er sich einen Bänderriss zu.)

Freeride: Andere entwickeln nach solchen Verletzungen mentale Blockaden, du anscheinend nicht.

Tom Van Steenbergen: Von außen sieht es vielleicht so aus, als hätte ich den schlimmsten Crash meines Lebens einfach weggesteckt. Als würde ich jetzt wieder “senden”, als wäre nichts gewesen. Aber so war es natürlich nicht.

Freeride: Sondern?

Tom Van Steenbergen: Ich war ein Wrack, mental und körperlich. Ich brauchte ein Ziel. Das war das Wichtigste überhaupt. Ich brauchte ein Ziel, um dann die Motivation zu kriegen, meine Energie in die Reha zu stecken, um körperlich wieder fit zu werden. Mein Geist war in ein Loch gefallen, das war fast schon eine Depression. Zum Glück hatte ich die richtigen Leute um mich. Heute kann ich sagen, dass der Sturz das Schlimmste und gleichzeitig das Beste war, was mir passiert ist. Meine Lebenseinstellung ist jetzt eine ganz andere als vorher, eine viel bessere.

Ich habe aus dem schlimmsten Sturz meines Lebens das Beste gemacht, was mir passieren konnte. Mein Mindset ist jetzt ein anderes, ein besseres.

Freeride: Besser als vorher? Wie macht sich das bemerkbar?

Tom Van Steenbergen: Ich bin mental stärker, das spüre ich. Ich achte jetzt auf mein Bauchgefühl. Eine Fähigkeit, die ich lernen musste. Natürlich darf die rationale Komponente nicht fehlen. Risiken wäge ich nun genau ab. Wenn es sich nicht lohnt, lasse ich es sein. Und wenn irgendeine Stimme in mir sagt, heute ist nicht dein Tag, dann breche ich ab. Egal, wie groß der Leistungsdruck ist. Meine Gesundheit steht ab jetzt im Vordergrund.

In der Vergangenheit war das nicht der Fall. Da dachte ich mir, ich müsse es jetzt durchziehen, weil so viel dranhängt. Ob Deadlines für Videoprojekte, Filmer oder Fotografen, die extra für mich angereist sind, oder weil es mir mein Ego befahl. Nach dem Motto: “Zieh durch, du musst jetzt liefern.” Ich analysierte Stürze aus der Vergangenheit und stellte fest, dass es meist solche Dinge waren, die alles vermasselt haben. Ich ignorierte mein Bauchgefühl – das passiert mir heute nicht mehr.

Freeride: Ein gutes Mindset für die Red Bull Rampage 2024.

Tom Van Steenbergen: Das denke ich auch. Ich hab’ einen Plan und will ihn umsetzen. Doch davor will ich noch ein anderes Videoprojekt umsetzen. Du siehst: Die Zeit drängt mal wieder.



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Stimmen zu Toms Video

Als ich Toms Edit sah, wusste ich, er holt Gold damit. Denn in dem 90-Sekunden-Clip stecken gleich mehrere Weltpremieren: Stoppie-Backflip, Superman-Drop, 28-Meter-Superman, Flat-Drop-720! Es sind ja nur 90 Sekunden, also: all Killer, no Filler! Ein Video voller Hämmer… und Tom hat die Hämmer geworfen wie ein angepisster Bauarbeiter! - Cam Zink, Rampage-Sieger 2023
Null Zweifel, dass die beiden gewonnen haben. Sie haben Gold verdient: Tom und Filmer Calvin. - Darren Berrecloth, Big-Mountain-Legende
Meine Lieblingsszene: Toms World-First, der Cork-7-Drop am Ende seines Videos. Aber auch Matt MacDuff hat mich beeindruckt. Was war das für ein abgefahrenes Set-up, bitte schön? Die zwei waren meine Favoriten. - Danny MacAskill, Video-Star
Ich liebe diesen Nosy-Backflip auf dem Boner Log! Toms Video war mindblowing! Die Menge an Banger-Moves, die er in dem kurzen Clip gezeigt hat, war schlichtweg verrückt. Jeder hat es bei X Games Real gekillt, aber ich muss zugeben, dass ich mir nur Toms Edit mehrere Male angesehen habe. Eine echtes Banger-Geballere. - Tomas Lemoine, Slopestyle-Profi
Mann! Was für ein verrücktes Video. Mir gefielen die verschiedenen Locations von Toms Edit und natürlich die Banger-Moves. - Kriss Kyle, BMX- und MTB-Profi


Über Tom Van Steenbergen

Tom wurde in den Niederlanden geboren und begann im Alter von elf Jahren zusammen mit seinem Bruder BMX-Rennen zu fahren. In seinen Teenie-Jahren wanderten die Van Steenbergens nach British Columbia aus. Tom wechselte aufs Mountainbike und nahm an Dirt- und Slopestyle-Wettkämpfen teil. Spätestens seit seinem Rampage-Run 2014 zählt er zu den bekanntesten Big-Mountain-Fahrern der Szene.

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Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

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