Interview mit Lukas SchäferDeutschlands letzter Freerider

Dimitri Lehner

 · 23.05.2026

Profi-Freerider Lukas Schäfer: in Latzhose über Mega-Stunts.
Foto: Jannik Hammes
Lukas Schäfer (31): Klar. Heftige Nummer. Das hat mich mega gefreut für Elias. Geil, dass er den Stunt durchgezogen hat.

Themen in diesem Artikel


Drei Jahre lang schaufelte Lukas Schäfer heimlich Erde durch seinen Heimatwald. Das Ergebnis: „Mufflon" – ein Edit, das ihn auf die Rampage-Shortlist katapultieren könnte. Ein Gespräch über kalkulierte Risiken, Knochenbrecher-Backflips und die Frage, warum deutsche Freerider eine vom Aussterben bedrohte Spezies sind.

„Ich würde beim Double Backflip wahrscheinlich nicht überleben“


BIKE: Hast du den enormen Double Backflip von Elias Ruso beim Darkfest in Südafrika gesehen?

BIKE: Wie stehst du zu diesen All-Or-Nothing-Stunts?

Lukas Schäfer: Ich bewundere alles, was den Sport pusht. Das ist nicht unbedingt mein Style, aber definitiv etwas, was ich bewundere. Es ist cool zu sehen, wie jeder sein Ding in den Sport bringt. Für mich macht Freeriding aus, dass jeder seinen eigenen Style entfalten kann.

​BIKE: Es gibt zwei unterschiedliche Ansätze im Freeriding: Die einen fahren nach dem Motto Sekt oder Sarg, die anderen – wie z.B. Jackson Riddle, Finley Kirschenmann oder du – setzen auf Style und Spaß statt auf maximales Risiko. Kann man das so sagen?

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Lukas Schäfer: Ich versuche immer sehr kalkuliert zu sein. Beim Double Backflip würde ich wahrscheinlich nicht überleben. Deswegen pushe ich mich auf eine andere Art und Weise, das stimmt.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?


Wildschafe, Winterlicht und wahnsinnig viel Schaufelarbeit


BIKE: Warum heißt dein neues Video „Mufflon"?

Lukas Schäfer: Mufflon – das sind die Wildschafe, die wir bei uns haben. Genau da, wo ich meinen Edit gefilmt habe, sind die zu Hause. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Ich verbringe viel Zeit im Wald. Die Mufflons und ich sind quasi Partner.

BIKE: Die Szenerie in deinem Clip ist irre – du hast selbst im Winter gefilmt mit ganz aufwändigen Bauten. Man hat das Gefühl, dass solche Edits heute die harte Währung im Freeriding sind. Früher hattest du ein Video-Segment in New World Disorder, eine ganze Crew rückte an, heute musst du alles selbst machen. Das ist ein Riesenaufwand.

Lukas Schäfer: Das ist es. Ich habe schon viele Edits rausgebracht, immer war das Ganze geplant, durchdacht, abgesprochen. Aber bei „Mufflon" war es kurz vor meinem Sponsorwechsel. Als ich angefangen habe, hatte ich keinen Radsponsor. Monster Energy war an meiner Seite, und die haben mir immer vertraut. Das war für mich die Gelegenheit zu sagen: Okay, ich mache jetzt genau das, was mich ausmacht. Ich hatte nicht den Druck, auf Events zu fahren. Und dann kam Canyon auf mich zu, weil die das nach dem ersten Part mitbekommen haben und gesagt haben: „Das wollen wir unterstützen."


BIKE: Was war am aufwendigsten?

Lukas Schäfer: Der Drop in die Tunnelwand. Der Stunt stand zweieinhalb Jahre rum, bevor ich ihn gefagewagt habe. Im ersten Jahr hab ich's nicht gefühlt. Mir ist wichtig, dass ich ein Risiko sehe und weiß, wie ich es vermeide. Das konnte ich da lange nicht.

​BIKE: Wenn man sich das anschaut – die ganzen Bauarbeiten sind irre aufwendig. Da kannst du dir fast ein Haus bauen.

Lukas Schäfer: (lacht) Absolut. Ich habe all meine Freizeit reingesteckt habe. Dieses Video kann man nicht verkaufen. Man kann keinem Sponsor am Anfang sagen: „Hey, ich bin jetzt zwei Jahre am Bauen, wir brauchen das und das Budget." Das geht nur mit Leidenschaft, in jeder freien Stunde.

​BIKE: Was hätte das Ganze gekostet – an Material, Zeit, Arbeit?

Lukas Schäfer: Das erste Feature habe ich Ende 2022 angefangen zu bauen, nach dem letzten Videoprojekt. Knapp drei Jahre insgesamt hat alles gedauert. Was es gekostet hat, kann man nicht ausrechnen. Mein Filmer Patrick Sturm kam, weil er Bock drauf hatte, zwischen seiner Arbeit bei MTB-News. Hätten wir das regulär verkauft, hätte das keiner bezahlen können. Patrick war immer am Start. Ich hab mich so gut wie möglich beim Schnitt beteiligt und dann mit Patrick finalisiert.

BIKE: Gab es Druck, dass es funktionieren muss?

Lukas Schäfer: Nur unseren eigenen Anspruch. Dieses Ding wollten wir für uns machen. Selbst wenn der Clip nur tausend Aufrufe bekommen hätte, wäre das kein Weltuntergang gewesen.

Die Edit-Inflation: Zwischen Wibmer-Rezept und persönlicher Vision

BIKE: Dieses ganze Edit-Business wird immer aufwendiger – ob Fabio Wibmer, Brage Vestavik oder Thomas Genon. Früher war ein Edit ein geiles Edit, heute ertrinken wir in der Flut an geilen Edits.

Schäfer: Ja, voll.

BIKE: Wie hoch ist der Druck, kreativ zu sein, immer eins draufsetzen zu müssen?

Schäfer: Klar, da ist Druck. Aber weil ich das aus Leidenschaft mache und nicht muss – verspüre ich keinen so großen Erfolgsdruck.

BIKE: Gabriel Wibmer meinte, er kenne das Geheimrezept für erfolgreiche Edits. Es lautet: Stunts zeigen, aus verschiedenen Perspektiven wiederholen, etwas Slapstick dazu – so versteht auch der Mainstream die Nummer und nur dann gibt's Klicks. Also Erfolgsrezept statt Selbstverwirklichung.

Lukas Schäfer: Kann sein. Das sind zwei unterschiedliche Ansätze. Fahrradfahren war schon immer meine Leidenschaft. Ich will nur das machen, wo ich dahinter stehe. Nicht nur, um Erfolg zu haben. Sonst gehe ich lieber arbeiten oder schraube an Fahrrädern.

Die Inspirationsquelle: Von Semenuk bis BMX

BIKE: Wenn du dir aktuelle Edits anschaust – was catcht dich?

Lukas Schäfer: Brage Vestavik ganz klar. Eliott LaPotre auch. Edgar Briole - geiler Style. Von den Jüngeren finde ich Hayden Zablotny & Finley Kirschenmann cool. Und vor allem BMX Videos. Generell alles, wo man die Leidenschaft sieht. Und ich mags „raw“.

BIKE: Nenn mal konkret ein Edit, das dich geflasht hat.

Lukas Schäfer: (überlegt) Matt Cordova, BMX-Fahrer – sein letztes Video. Mega gut. Der schneidet seine Videos auch selber. Supergeil, wie er das aufbaut. Wenn ich eins raussuchen muss: das letzte Matt Cordova-Video.

BIKE: Deine Top 5?

Lukas Schäfer: Die Liste ist lang. Aber Brandon Semenuk muss auf die Eins. Corey Walsh, auch BMX. Brage Vestavik. Wade Simmons war früher ein krasser Einfluss.

Rampage-Träume: „Ich hoffe, Mufflon ist die Eintrittskarte"

BIKE: Schade, dass „Mufflon" nicht für X-Games Real MTB läuft.

Lukas Schäfer: Wer weiß, vielleicht kommt es noch mal. Tatsächlich habe ich keine Ahnung, wie X-Games Real abläuft. Ich war auch Fan von dieser Serie. Falls es noch mal ist: Ich wäre bereit. (lacht)

BIKE: Bist du der letzte Freerider Deutschlands?

Lukas Schäfer: (lacht) Krasses Kompliment. Ich glaube nicht. Ich hoffe, ich inspiriere ein paar der jungen Fahrer, dass es wieder mehr Freerider gibt.

BIKE: Kürzlich haben wir mit Leo Erhard gesprochen, der sich gerade für die Red Bull Rampage bewirbt.

Lukas Schäfer: Ich kenne Leo seit wir Kinder sind. Ich hoffe, er hat Erfolg mit seiner Bewerbung.

BIKE: Hast du diesen Rampage-Traum auch?

Lukas Schäfer: Ja. Ich habe ihn immer noch.

BIKE: Tatsächlich? So hätte ich dich gar nicht eingeschätzt.

Lukas Schäfer: Doch, voll. Auf die Rampage hätte ich Bock. Deswegen hoffe ich, dass „Mufflon" eine Eintrittskarte sein könnte. Ich bin dieses Jahr bei “Natural Selection” in Neuseeland gefahren, hatte eine Wildcard gewonnen. Das ist auch ein Event von Todd Barber – gleicher Veranstalter wie bei Rampage. Ich hab mich aber einen Tag vorm Finale leider verletzt und war raus.

BIKE: Was ist dein Bauchgefühl – nächstes Jahr, übernächstes Jahr?

Lukas Schäfer: Nächstes Jahr wäre realistisch. Ich will mir jetzt mal die Wüste angucken. Die Rampage-Einladungen sind noch nicht raus, deswegen könnte es auch noch dieses Jahr sein.

BIKE: Und dein Ansatz wäre eher wie Jaxson Riddle?

Lukas Schäfer: Meine Herangehensweise ist: mich nicht ablenken lassen von dem, was ich denke machen zu müssen oder was andere machen. In meiner Zone bleiben. Was mir Spaß macht, ist das Gefühl auf dem Fahrrad. Das sieht man beim sauber Fahren. Kurzum: alles ausschalten, eine Line finden, die mir gefällt, und die genau so fahren, wie es mir gefällt.

BIKE: Warst du schon mal in der Wüste?

Lukas Schäfer: Noch nie. Nächste Woche guck ich's mir an. Mal sehen, was passiert. Kann auch sein, dass ich danach sage: Ich bleibe lieber bei mir im Wald.


Edits, die du sehen musst!

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

Meistgelesen in der Rubrik Events