Interview mit Downhiller Stefan GarlickiDie letzte Saison des Stehaufmännchen

Laurin Lehner

 · 02.06.2023

Stefan Garlicki (32), Pro Downhill Mountainbiker, Team Scott
Foto: Laurin Lehner
Der zweifache südafrikanische DH-Meister Stefan Garlicki (32) überstand ein zwei-jähriges Verletzungsintermezzo. 2023 wird er seine wohl letzte Downhill Worldcup-Saison fahren. Um Frieden zu schließen, wie er uns im Interview verrät.

FREERIDE: Stefan, Du hast Dir beide Hüften innerhalb kurzer Zeit gebrochen. Wie fühlst Du Dich, wenn Du morgens aufstehst?

Stefan Garlicki: Steif. Doch mittlerweile geht es ganz gut, dank viel Arbeit im Gym. Die Odyssee begann 2018 bei einem Rennen in Ilmenau. Hier brach die eine Hüfte. Ich musste fast sechs Monate an Krücken gehen. Nur elf Monaten nach Ilmenau stürzte ich beim Worldcup in Leogang – hier brach die andere Hüfte. Es folgten etliche Operationen. Auf der einen Seite hab’ ich seit letztem September ein künstliches Gelenk. Ich glaube, ich bin der einzige Downhill-Worldcupper mit einer Hüftprothese.

Schrauben und Gelenke: Röntgen­aufnahme von Stefans Hüfte.Foto: PrivatfotoSchrauben und Gelenke: Röntgen­aufnahme von Stefans Hüfte.

Du willst 2023 wieder im Worldcup starten. Forderst Du das Glück heraus?

Ich wusste sofort, dass ich wieder Downhill-Rennen fahren will. Egal, wie frustrierend die Einschätzungen der Ärzte waren. Racing war während der Reha meine ganze Motivation. Du musst wissen, 2017 war ich auf einem guten Weg nach oben. Qualifizierte mich regelmäßig, landete in den Top 25. Dann kam die Flut an Stürzen. 2021/22 startete ich zwar wieder bei Downhill-Rennen, doch immer mit Schmerzen. Daher entschied ich mich für das künstliche Gelenk. 2023 will ich mich mit Racing versöhnen, meinen Frieden finden. Ich will endlich wieder schmerzfrei Rennen fahren. Doch ich bin nicht naiv. Ich weiß, mein Körper ist eine Baustelle. Ab 2024 werde ich mich vorerst auf andere MTB -Projekte konzentrieren.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Auch dabei kann man stürzen.

Klar, doch erfahrungsgemäß passieren die meisten Stürze bei Rennen.

Wieso eigentlich?

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Beim Race-Run setzt du alles auf eine Karte. Und das bei Bedingungen, bei denen du normalerweise nie am Limit fahren würdest. Erinnere Dich an das Regenrennen in Les Gets 2021. Das ist verrückt. Kein Wunder, dass sich so viele Fahrer verletzten: selbst Greg Minnaar, Loic Bruni, Loris Vergier und Amaury Pierron.

Zurück zu Deinem Verletzungspech. Wie hart ist die Kopfarbeit bei solchen Rückschlagen?

Puh, hart! Ich glaube, der Kopf verträgt nur ein gewisses Maß an Traumata, danach streikt er. So war es bei mir. Ich kämpfte mit Schlaflosigkeit, Schmerzmittelabhängigkeit, Panikattacken und dunklen Gedanken.

Wie kamst Du damit im Alltag zurecht?

Schlecht. Ich war andauernd übermüdet, gereizt und es fehlte mir an Optimismus. Dabei bin ich im Grunde ein positiver Mensch – hatte noch nie etwas mit Depressionen am Hut. Doch diese Serie von Rückschlägen bohrte in meinem Kopf.

Wie hat Dein Umfeld reagiert?

Ich war ziemlich mit mir beschäftigt, aber spürte natürlich, dass ich meinen Mitmenschen zur Last falle. Als ich das künstliche Hüftgelenk bekam, ließ ich mich auch gleich noch an der Schulter operieren. Ich wurde zum Pflegefall.

Zurück auf dem Bike: 2021/22 fuhr Stefan wieder Rennen: “Aber immer mit Schmerzen.” Hier beim Worldcup in Leogang 2022.Foto: PrivatfotoZurück auf dem Bike: 2021/22 fuhr Stefan wieder Rennen: “Aber immer mit Schmerzen.” Hier beim Worldcup in Leogang 2022.

Gibt es einen Moment, der Dir besonders in Erinnerung ist?

Den gibt es tatsächlich. Ich hatte meine OPs endlich hinter mich gebracht und wieder den Willen entwickelt, mich zurück zu kämpfen. Kurz darauf diagnostizierte mein Arzt bei einer Routineuntersuchung Hautkrebs. Keine allzu große Sache; er wurde großflächig weggeschnitten. Für mich war es aber mehr: Es war so, als würde mein Körper gegen mich arbeiten. Von da an spürte ich immer häufiger, wie meine Gedanken körperliche Symptome auslösten.

Inwiefern?

Zum Beispiel, als ich mit meiner Freundin und ein paar Freunden im Kino war. Auf einmal schnürte es mir die Kehle zu, und mein Herz klopfte so stark, dass ich einen Herzinfarkt vermutete. In der Klinik sagten sie mir später, dass es sich um eine Panikattacke gehandelt haben muss. Es war eine ganz normale Situation, ohne nennenswerten Stress, und der Körper streikte. Ich dachte mir: Was zur Hölle soll das jetzt!?

Bist Du mittlerweile frei davon?

Nein, doch es ist viel besser geworden. Ich habe begonnen zu meditieren – das half. Ich sag’ Euch, das ist gar nicht so leicht. Es verlangt Durchhaltevermögen. Das Vertrauen in meinen Körper habe ich dennoch nicht ganz zurückgewonnen.

Du bist ein sogenannter Privateer-Racer, ohne Team im Rücken. Wie verfolgst Du die Änderungen der UCI im Worldcup?

Ich glaube, für die Zuschauer ist es ein Gewinn. Für die Fahrer erst mal nicht. Denn du verdoppelst das Risiko mit den zwei Race -Runs. Neben der Quali musst du also zweimal alles auf eine Karte setzen. Als Racer ohne Mechaniker hast du eh schlechte Karten, denn die zwei Läufe liegen nah beisammen. Der Nachwuchs wird es auch schwer haben. Das könnte der Qualität des Worldcups langfristig schaden.

Ärgert Dich das?

Ich will mir erst ein finales Urteil erlauben, wenn die Saison vorbei ist. Warner Brothers hat das Zeug dazu, den Sport größer zu machen. Ich bin gespannt, ob die Fahrer davon profitieren werden. Ein Sieg bei einem Downhill-Worldcup wird mit 3750 € belohnt. Privateers müssen hunderte von Euros hinlegen, um starten zu dürfen. Alleine ein Parkplatz im Pit kostet viele hundert Euros. Ich frage mich, wo das von der UCI erwirtschaftete Geld landet. Bei den Fahrern sicher nicht.

Generalprobe: Im Februar 2023 bestritt Stefan die Südafrikanischen Meisterschaften. Die Hüfte hielt – Platz 2 für Stefan.Foto: Chris PeartonGeneralprobe: Im Februar 2023 bestritt Stefan die Südafrikanischen Meisterschaften. Die Hüfte hielt – Platz 2 für Stefan.

Besonders Privateers sind auf Sponsoren angewiesen. Du fährst seit Kurzem für die Plattform Only Fans. Only Fans ist bekannt für pornografische Inhalte. Hattest Du moralische Bedenken?

Nein, sonst hätte ich sie nicht angeschrieben. Denn ich war es, der in Kontakt getreten ist. Ich entdeckte das Logo auf einem Helm bei einem Motocross -Rennen. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur so grob, wofür die Plattform steht. Ich recherchierte und erkannte, dass der Grundgedanke der Website ein ganz anderer ist. Nämlich exklusive Inhalte für seine Fans zu zeigen. So verraten Köche Rezepte, Athleten geben einen Einblick in ihren Alltag oder Ärzte teilen ihre Erfahrungen.

Den meisten Umsatz macht Only Fans allerdings mit pornografischen Inhalten.

Im Grunde ist Only Fans eine soziale Plattform wie Insta oder Youtube auch – nur eben mit nicht zu strikten Regeln. Vor der Kooperation checkte ich dennoch ab, ob meine restlichen Sponsoren einverstanden sind. Mein Sponsor Leatt war es nicht und distanzierte sich.

Egal, wen man fragt, alle bringen Only Fans mit Nackt-Content in Verbindung.

So ist das aber nicht. Es ist nur ein Teil davon. Im Gegensatz zu den meisten Porno -Websites ist der Jugendschutz bei Only Fans enorm. Du musst bei der Anmeldung dein Alter kompliziert verifizieren. Kurzum: Only Fans ist viel mehr, als die meisten vermuten. Zudem kann ich mir durch Only Fans leisten, Rennen zu fahren und einen Mechaniker zu engagieren.

Rein hypothetisch: Würdest Du eine Frau daten und näher kennen lernen wollen, die Fußbilder auf Only Fans verkauft?

Warum nicht? Das wäre okay.

Und Nackt-Content?

Eher nicht. Vor allem, wenn man ihr Gesicht sehen würde. Das würde sich komisch anfühlen. Das heißt aber nicht, dass ich Frauen verurteile, die das machen.

Du hast auch einen Account, was für Inhalte zeigst Du?

Alles rund ums Mountainbiken. Wie ich meinen Rahmen aufbaue, Fahrtechnik, oder ich teile meine Erfahrungen als Rennfahrer, der mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Dinge, die andere auf Youtube hochladen. Noch habe ich nicht die Kapazitäten, all meine Ideen umzusetzen. Du musst wissen, als Privateer-Racer bist du Rennfahrer, Reiseplaner, Agent und Social-Media-Manager zugleich. Das nimmt viel Zeit in Anspruch. 2024 werde ich mich darauf fokussieren. Jetzt will ich erst mal wieder Rennen fahren.

Welchem Promi würdest Du auf Only Fans folgen, hätte die Person einen Account?

Ken Roczen. Ich liebe Motocross.

Facts zum Downhill-Pro Stefan Garlicki (32), Team Scott

Der Südafrikaner startete bereits als Kind bei Motocross-Rennen. Erst im Alter von 20 Jahren stieg Stefan auf den Downhiller und wurde prompt Fünfter bei der Nationalen Meisterschaft. Später fuhr er im Worldcup unter die Top 25 und gewann IXS-Cups. 2018 begann eine Verletzungsserie. Mittlerweile fährt Stefan wieder DH-Rennen. Er lebt zusammen mit seiner deutschen Freundin in München. Auf Instagram, Tiktok und Youtube folgen ihm über 180.000 Fans.

Empfohlener redaktioneller InhaltInstagram

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogenen Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzbestimmungen.

Laurin Lehner

Laurin Lehner

Redakteur

Der gebürtige Südbadener Laurin Lehner ist laut eigenen Angaben ein lausiger Racer. Vielleicht fasziniert ihn deshalb kreatives, verspieltes Biken. Für ihn zählt nicht, wie schnell man von A nach B kommt, sondern was dazwischen passiert. Lehner schreibt Reportagen, interviewt Szene-Größen und testet Produkte und Bikes - am liebsten welche mit viel Federweg.

Meistgelesen in der Rubrik Events