Dimitri Lehner
· 04.10.2023
Henri Kiefer ist 18 Jahre jung und frisch gebackener Downhill-Weltmeister. Der erste aus Deutschland. Wir sprachen mit ihm über Style und Leistungsdruck. Über dicke Stunts, Rührungstränen und seine Elite-Saison 2024 bei den Junioren.
FREERIDE: Rollen Rührungstränen, wenn man oben auf dem Podium steht und die Nationalhymne erklingt?
Henri Kiefer: Oh ja, da kullerten gut die Tränen. Weltmeister werden war ein dickes Ziel. Und das habe ich mir jetzt erfüllt.
Was ist bei Deinem Run in Fort William so gut gelaufen?
Alles. Der Run war perfekt. Es war der beste Lauf, den ich je hatte. Ich hab’ ganz oben im Kurs zwar gepatzt, doch danach war der Lauf fehlerfrei.
Ganz oben schon gepatzt – das nagt am Selbstvertrauen.
Solche Patzer am Anfang killen den Flow. Doch Fehler wegstecken und weiter angreifen zeichnet einen guten Racer aus. Beim Worldcup in Lenzerheide hätte ich mich in der ersten Wiesenkurve nach dem Start fast hingelegt, bin dann aber weitergefahren, als wäre nix gewesen mit voller Konzentration. In Schottland hat mir geholfen, dass ich im Training in Top-Form war. Auch bei den Worldcups in Leogang und Lenzerheide hatte ich mich als Erster qualifiziert – so was boostet das Selbstvertrauen. In Schottland dachte ich: Du kannst Weltmeister werden.
Das überrascht, denn Du hast bisher noch keinen Worldcup gewonnen.
Da hast Du Recht. Dennoch sehe ich mich immer als Siegerkandidat.
Gute Einstellung!
Selbstvertrauen ist wichtig im Racing. Ohne geht nix.
Hast Du als Junioren-Worldcupper schon einen Mentaltrainer?
Nein, aber ich habe Fabien Barel. Der hilft mir über Tiefs hinweg, doch das kommt selten vor – vom Kopf her bin ich sehr stark.
Wie hilft Dir Fabien Barel, der neben seinen Weltmeistertiteln 2004 und 2005 auch Junioren-Weltmeister wurde wie Du?
Der Typ hat so viel Erfahrung. Fabien steht am Streckenrand, macht Videos, gibt mir Updates wie sich die Bedingungen ändern und Tipps zur Linienwahl. Oder er feuert mich an, motiviert, inspiriert. Fabien ist eine große Hilfe.
Viele haben Deinen Namen jetzt erst gehört.
So ein Titel zieht, klar. Besser geht nicht: Weltmeister! Zumal ich ja der Erste bin, der für Deutschland einen Weltmeistertitel holte. Da gerät die deutsche Szene in Aufregung.
Fliegt der Junioren-Worldcup unter dem Radar?
Nicht komplett unterm Radar, doch wir kriegen viel weniger Aufmerksamkeit als die Elite-Klasse – logisch. Aber jetzt werden unsere Rennen auch live übertragen. Das ist ein großer Schritt nach vorne – einen Vorteil hat die neue Worldcup-Organisation.
Merkst Du als Weltmeister beim Gang durchs Fahrerlager, dass der Respekt gestiegen ist?
Bei machen Pros ja, bei manchen nein. Loic Bruni quatscht mich an, Bernard Kerr kennt mich noch immer nicht.
Bernard Kerr, der König der Hardline. Würde Dich die Red Bull Hardline reizen?Nein – viel zu viel Risiko, zu fette Sprünge, zu krass!
Interessiert Dich Freeriding?
Ich schau mir z. B. gerne die Web-Edits der Fest Series an. Ich habe allerdings keinen Drang, selbst so was zu machen. Bisschen stylen auf einer Jumpline: ja. Crazy Freeride-Stunts: nein!
Du bist früher BMX gefahren. Dir müssten Tricks doch liegen?
Die Basics kann ich. Also: 360er, Barspin oder so Kleinigkeiten wie Tire-Grab oder Nac-Nac. Ich bin früher mit meinem Bruder Luis viel in der Bowl gefahren – ohne Bremse. Da habe ich viel gelernt und ein Bike-Gefühl bekommen, das mir jetzt beim Downhillen hilft.
Wie wichtig ist Style für Dich?
Jeder will auf dem Bike gut aussehen. Kade Edwards hat einen coolen Style, Jackson Goldstone ebenso. Es ist die gewisse Lockerheit, die lässig und stylisch aussieht.
Wie krieg’ ich mehr Style?
Viel ausprobieren! Fahre eine Kurve mal anders an, zieh’ den Hang hoch und wähle Linien, die du normalerweise nicht nehmen würdest. Spring zur Seite oder weiter als normal, zieh einen Manual durch Bodenwellen. Das hilft!
Mitbekommen, dass Brage Vestavik den Jah-Drop gesprungen ist?
Hab’ ich. Was für ein Einschlag und was für ein Geräusch, als er aufgekommen ist. Beeindruckend, doch diese Landen-oder-Tod-Nummern sind gar nicht mein Ding. Mir gefällt z. B. das Edit von Kade Edwards und Semenuk viel besser: verspielt und mit krassem Steez.
Auch im Downhill geht’s rau zu, ich denke an den Sturz von Thibaut Dapréla in Loudenvielle. Wie schützt Du Dich dagegen?
Mit Krafttraining. Muskeln sind gute Protektoren. Und ich feile an der Beweglichkeit. Mehr kann man nicht machen.
Jackson Goldstone wirkt eher schmächtig. Da wundert man sich, wie er seinen Lenker so gut festhalten kann und sogar die Hardline gewinnt. Deine Erklärung?
Ja, das ist krass. Meine Erklärung: Jackson fährt so geschmeidig, dass er viel weniger Kraft und Energie braucht. Da ist Jackson das komplette Gegenteil von Dapréla.
Kannst Du ein deutscher Jackson Goldstone werden?
Ich würde behaupten: ja. Ich glaube, dass ich das Zeug habe, ein Top-Abfahrer werden zu können (lacht).
Pressure on! Denn nächstes Jahr fährst Du ja in der Elite-Klasse.
Du meintest, dass ich im ersten Elite-Jahr schon einen Worldcup gewinnen kann? Das vielleicht nicht, doch unter den Top 20 oder Top 15 sehe ich mich schon.
Jordan Williams ist das gelungen.
Ein krasses Ding! Davon kann man wirklich träumen.
Im Canyon-Team ist auch Fabio Wibmer. Hast Du Fabio schon getroffen?
Ja, bei einem gemeinsamen Videodreh für Canyon. Fabio ist ein ultra nicer Typ. Doch er macht natürlich ganz andere Sachen – das ist eine andere Welt.