Die Zahlen sind eindeutig – und für manche ernüchternd: 741.000 E-MTBs haben die Deutschen 2025 gekauft. Biobikes? Gerade mal 52.500. Das bedeutet: Auf jeden klassischen Mountainbiker kommen rechnerisch etwa 14 Menschen, die lieber auf Motorunterstützung setzen.
Ja, egal ob mit oder ohne Akku – Mountainbiker nennen in Umfragen stets die gleichen Motive: Naturerlebnis, Stressabbau, Spaß, Abenteuer, Fitness, Gesundheit. Klingt vertraut, oder? Die große Frage ist also: Wenn das Ziel identisch ist – warum greift dann fast jeder zum Motor? Die Antwort ist so simpel wie unbequem: Zeit. Freizeit ist in Deutschland gefühlt immer knapp – egal wie viel davon tatsächlich vorhanden ist. Also: Knöpfchen drücken, Turbo rein, und schwuppdiwupp steht man auf dem Gipfel. Mehr Abfahrten, mehr Spaß, weniger Schweinehund. Das E-MTB passt ideal in unsere Zeit der Selbstoptimierung und des Effizienz-Denkens: Schneller, höher, weiter – und bitte mit möglichst wenig Aufwand dazwischen.
Das Biobike dagegen hat dagegen die Dreistigkeit, einen leiden zu lassen. Es verlangt Einsatz, Schweiß und gelegentlich das Akzeptieren der eigenen konditionellen Grenzen. Und genau das – so scheint es – wollen die wenigsten noch wirklich bezahlen. Weder mit Geld noch mit Laktat.
Wir haben verschiedene Biker befragt, wie sie zum klassischen Mountainbike ohne Motor stehen.
Darunter auch Profi-Biker Korbi Engstler, Hobby-Bikerin und MTB-Coach Verena Heilgemeir oder BIKE-Leser Pablo Weber und zwei BIKE-Test-Redakteure. Das sind ihre Antworten.
Klar, Biobikes brauchen wir noch. Ich habe sogar das Gefühl, dass sie gerade wieder gefragter sind. Vor allem die Biker, die sich früh von der E-Bike-Welle mitreißen lassen haben, haben jetzt wieder Lust auf normale Bikes. Klar, ich muss mir meine Bikes nicht kaufen und hab das ganze Portfolio da, doch ich greife immer wieder zum Bike ohne E. Weils ein anderer Sport ist, mehr Trainingseffekt mit sich bringt und besonders jetzt, weil das Minimal-Assist mehr oder weniger gestorben ist, oft die bessere Wahl. Doch muss es schnell gehen und soll Spaß machen, dann gerne mit E-Support.”
Korbi Engstler, Profi-Biker
Ja, brauchen wir. Anfang des Jahres habe ich mir – ergänzend zu meinem Specialized Levo SL – wieder ein Hardtail gekauft. Weil mir etwas gefehlt hat. Das ursprüngliche Mountainbiken. Das pure Auspowern. Das agile Antreten aus eigener Bein- und Willenskraft, das Spüren der eigenen Ausdauer, die Leichtigkeit am Trail, das Einswerden bei Jumps. Eine Kraft, die nur aus mir kommt. Nur mein Schnaufen – keine Motorgeräusche, nicht die leisesten. Sich ganz auf sich selbst verlassen können, ohne die stille Rettung des Motors im Hinterkopf oder eine schwindende Batterie als limitierenden Faktor. Das Einschätzen der eigenen Fähigkeiten, das Erweitern der eigenen Grenzen – und das gute Gefühl, alles alleine, mit voller Kraft und voller Kontrolle geschafft zu haben.
Für mich haben beide Fahrradtypen ihre Daseinsberechtigung. Mir würde ohne Biobike im Repertoire definitiv etwas fehlen. Mit dem Biobike spüre ich mich und den Sport anders – intensiver, natürlicher, freier. Das E-Bike hingegen steht für mich vor allem für Spaß und erweiterte Möglichkeiten in Sachen Zeit und Reichweite. Wenn ich aber wirklich an mir arbeiten will – in reinster Form – greife ich zum Biobike. Um die Frage also konkret zu beantworten: Ja, es braucht noch Biobikes. Um die ursprüngliche, reine Form des Sports und der menschlichen Kraft zu bewahren.
Verena Heilgemeir, MTB-Coach
In Wirklichkeit nicht. Nur der menschliche Hang zur Nostalgie will noch. E-Bikes bedeuten: Sechs Abfahrten, statt drei. Mehr Potenz im Downhill, weniger Schweinehund am Feierabend, wenn die Tage im Winter kurz sind.
Pablo Weber, BIKE-Leser
Ich will nicht mit. Beruflich fasziniert mich die galoppierende Entwicklung bei E-MTBs. In meiner Freizeit bin ich aber ausschließlich ohne Motor unterwegs. Biker dürfen sich meiner Meinung nach nicht vom Vergleich zwischen einem guten Muskel-Bike und dem Neuheiten-Wahn im E-Bereich irritieren lassen. Die Branche muss sich derweil dringend etwas einfallen lassen, um das Mountainbike vom wirtschaftlichen Aussterben zu bewahren.
Jan Timmermann, BIKE-Redakteur
Dürfte ich nur noch eine Bike-Kategorie fahren, dann wäre es sicher kein Biobike. Es ist hip, sich für das Biobike auszusprechen. Und ja, auch ich will noch ohne. Am liebsten ein vortriebsstarkes Trailbike mit viel Spieltrieb und wenig Gewicht. Das ist Biken pur. Bunnyhoppen, Manuals ziehen, an Kanten abziehen ohne Betonklotz am Unterrohr. Doch wenn's nur noch das eine oder das andere heißt: dann mit Motor. Weil damit der Schweinehund an nasskalten und kurzen Wintertagen nicht zu laut aufjault und mehr Abfahrten drin sind. Das beste aus zwei Welten nennt sich übrigens Minimal-Assist, doch die will aus irgendwelchen Gründen keiner haben. Ich versteh's nicht.
Laurin Lehner, BIKE-Redakteur
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