Julian Schelb war Deutschlands große Mountainbike-Hoffnung – dann kam der Bruch. Heute ist er zurück im Weltcup. Mit klaren Worten, klarem Ziel und neuem Spaß am Sport.
Julian Schelb zählt zu den besten Mountainbikern Deutschlands. Der 33-Jährige kommt aus dem Münstertal bei Freiburg und trainiert dort, wo andere Urlaub machen: am Schauinsland, am Belchen, am Blauen. „Hier gehe ich vor die Tür und bin auf dem Trail. Besser geht’s nicht.“
Seit seiner Silbermedaille bei der U23-WM 2016 galt Schelb als Hoffnungsträger im Cross-Country. Doch der Durchbruch in der Elite blieb aus. Allergien, Atemwegsinfekte, Teamwechsel, Frust. „Ohne Spaß bringt’s nix – und ich hatte den Spaß verloren.“ Er dachte an Ausstieg. Er stieg aus.
Und kam zurück. Zuerst in einem kleinen Team aus dem Münstertal. Mit Erfolg: EM-Silber im Shorttrack (XCC), WM-Bronze im olympischen Cross-Country (XCO), Top-Ten-Platzierungen im Worldcup, Podiumsplatz hinter Superstar Tom Pidcock im Shorttrack, Olympia-Teilnahme 2025.
2026 startet er im Team KMC Nukeproof Racing. Sein Ziel: eine WM-Medaille in Val di Sole.
Wir trafen Julian zuhause im Münstertal und sprachen über Respekt, Leistungsdruck, 42 Grad ohne Wasser, Doping und das Gemetzel auf den hinteren Plätzen.
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BIKE: Oben im Schwarzwald liegt Schnee. Gehst du auch im Schnee biken?
JULIAN SCHELB: Entweder Langlaufen oder Biken im Schnee. Auch wenn das Probleme machen kann.
BIKE: Probleme?
SCHELB: Mit Jägern. Kürzlich bin ich mit einem aneinandergeraten. Ein Freund meines Vaters, sein Sohn fährt selbst Mountainbike. Er hat mich verfolgt und gestellt.
BIKE: Warum?
SCHELB: Ich fuhr im Schnee durch sein Revier. Sein Argument: Man fährt nicht Fahrrad im Schnee. Was soll ich darauf sagen?
BIKE: Ich hätte gedacht, du genießt im Münstertal Heldenstatus.
SCHELB: Ach, solche kleinen Reibereien kommen vor, doch sind selten. Hier im Tal ist alles recht harmonisch und gechillt. Zudem hat Olympia viel verändert. Für mich war Paris einfach ein Rennen. Für die Leute ist Olympia das Event. Früher hieß es: „Der fährt halt ein bisschen Fahrrad.“ Olympia hat mir Respekt verschafft.
BIKE: Die Badische Zeitung hat über dich geschrieben.
SCHELB: Oh ja. Wenn’s in der Zeitung steht, wirkt das.
BIKE: Gilt der Downhill-Worldcup als Formel 1 des Sports?
SCHELB: Ach, ich glaube, das ist ziemlich ausgewogen. Wir stehen bei den Downhillern an der Strecke und jubeln und die beim Cross-Country-Rennen. Ich schau mir das Downhill-Race immer an. Doch es ist nicht so, dass ich mit Loic Bruni ein Bierchen trinken gehe. Dafür ist der Worldcup viel zu hektisch.
BIKE: Wie ist die Gewichtung zwischen Shorttrack (XCC) und olympischem XCO?
SCHELB: Ich wurde letztes Jahr Zweiter in einem Shorttrack-Worldcup, wäre aber viel lieber Zweiter im XCO geworden. XCO ist mehr wert. Vielleicht 70/30. Mein großes Ziel bleibt eine WM-Medaille.
BIKE: Du wurdest 2013 U23-Vizeweltmeister – nach einem Sturz.
SCHELB: Genau. Startcrash, letzte Position, dann von ganz hinten nach vorne. Eigentlich unmöglich, aber es war mein Tag.
BIKE: Ohne den Sturz wärst du vielleicht Weltmeister geworden.
SCHELB: Vielleicht. Oder ich wäre Fünfter geworden. Man weiß es nicht. Für mich war es kein verschenktes Gold.
BIKE: Warum nicht die beste Wahl?
SCHELB: Ich war damals 22 Jahre alt, bekam einen VW Bus hingestellt, hatte nette Teamkollegen, doch irgendwie blieb ich der „Kleine“ im Team. Aber im Team Scott mit Nino Schurter wäre das nicht anders gewesen. Neben einem Nino Schurter kannst du kaum hoch kommen.
BIKE: Erkläre das bitte.
SCHELB: Ein Beispiel. Nino ist mit seinen Teamkollegen zum Anfang der Saison das Race Cape Epic gefahren. Das Rennen ist brutal anstrengend und hat die Teamkollegen zerstört. Während Nino das Rennen gut wegstecken konnte und danach eine gute Saison fuhr, fanden die anderen nicht mehr zu ihrer Form.
BIKE: Bist du das Cape Epic schon mal gefahren?
SCHELB: Nur den Prolog. Da bekam ich einen Hitzschlag, fiel im Ziel vom Rad und war drei Stunden bewusstlos.
BIKE: Wie bitte?
SCHELB: Da kam alles zusammen. Ich hatte zuvor einen Magen-Darm-Infekt, was mir den Elektrolyt-Haushalt komplett zerwürfelt hat. Dann meinte mein Teamkollege, eine Wasserflasche würde reichen für die 90 Minuten. Doch der Tag wurde der heißteste Tag mit 42 Grad – und ich fahre da mit einer kleinen Trinkflasche rum!
BIKE: Würde man jetzt auch nicht denken, dass solche Fehler in einem Profi-Team passieren.
SCHELB: Voll, da geb’ ich dir Recht. Aber manchmal kommt eben eins zum anderen. Die Tage zuvor waren eher mild mit 20 Grad, dann plötzlich 42 Grad – damit konnte niemand rechnen. Eigentlich wollte ich das Cape Epic dieses Jahr noch mal angehen, doch mir fehlt ein guter Partner und in meinem Team setzt man andere Prioritäten.
BIKE: 2016 hattest du den Vertrag mit Multivan Merida selbst vor Ablauf gekündigt. Was hatte dich frustriert?
SCHELB: Du brauchst ein perfektes Jahr, um im Folgejahr gute Ergebnisse abliefern zu können. Also ein Jahr ohne Verletzungen, ohne Krankheiten, Pannen usw. Nur dann kannst du Punkte sammeln, um im Folgejahr vorne zu starten.
BIKE: Bei der WM in Südafrika ist dir doch auch gelungen, von hinten nach ganz vorne.
SCHELB: Ein Glücksfall.
BIKE: Und heute?
SCHELB: Letztes Jahr bin ich alle zehn Shorttracks gefahren – Premiere. Jetzt bin ich konstant vorne.
BIKE: Was macht Shorttrack aus?
SCHELB: Es ist brutal. Aggressiv. Vollgas von Anfang an. Cool, aber schmerzhaft. Du musst du voll reinhalten. Doch XCO bleibt für mich das Original.
BIKE: Wie siehst du die Veranstalter?
SCHELB: Warner Brothers diktiert, die UCI versteckt sich. Nur die Zuschauer am Bildschirm zählen. Der Veranstalter will einen Zielsprint mit fünf Mann. Dafür muss der Track breit und einfach sein, damit es schnell wird und das Feld lange zusammen bleibt. Für einen fahrtechnisch guten Fahrer ist das bitter.
BIKE: Bist du ein fahrtechnisch guter Fahrer?
SCHELB: Ja, besonders wenn es nass ist. Bei Regen habe ich richtig Bock aufs Rennenfahren.
BIKE: Wer hat die beste „Pferdelunge“?
SCHELB: Luca Schwarzbauer (lacht). Mathias Flückiger ist ein Beispiel für einen Fahrer, der auf einer technisch schwierigen Strecke richtig punkten kann und das Ding aufgrund seiner Skills auch gewinnen. Für solche Fahrer wird es jetzt schwierig.
BIKE: Du standest in Crans-Montana mit Tom Pidcock auf dem Podium. Kennt ihr euch?
SCHELB: Kaum. Er ist immer mit Entourage unterwegs.
BIKE: Du fandest sein Verhalten respektlos.
SCHELB: Ja. Mein erstes Podium – und er bringt seine zwei Dackel mit aufs Treppchen. Dämlich (lacht).
BIKE: Pidcock gilt als Superstar, den der Sport braucht.
SCHELB: Das will Warner Brothers. Fakt ist: Er ist ein geborener Mountainbiker. Straße fährt er vermutlich wegen des Geldes.
BIKE: Hättest du gerne auf der Straße Karriere gemacht?
SCHELB: Nee. Da wäre ich nicht glücklich geworden. Ich geh viel lieber mountainbiken. Wenn du Straße fährst, fährst du kein Mountainbike mehr. Das ist nicht machbar. Doch ich verfolge jedes Straßenrennen natürlich – super faszinierend der Sport!
BIKE: Cross-Country wirkt oft brav. Warum?
SCHELB: Kein Alkohol, viel Schlaf, volle Disziplin. Der Sport ist so professionell, dass du dir nichts mehr erlauben kannst.
BIKE: Aber Bier darf bei dir nicht fehlen.
SCHELB: Stimmt. Ich trinke gerne in Bier mit Freunden. Aber es wird immer weniger.
BIKE: Du machst Kitesurfen und Motocross – ungewöhnlich für einen Cross-Country-Piloten.
SCHELB: Ich habe drei Jahre in der Schweiz gelebt. Da gab es eine coole Clique mit Frischknecht, Näf und den Flückiger-Brüdern. Wir gingen zum Crossen. Kiten war eine Kadermaßnahme: Kitesurfing-Kurs fürs Team. Mein letzter Trip ging mit meiner Freundin auf die Kapverden, der nächste geht nach Brasilien. Auch sie kitet.
BIKE: Wie wichtig ist dein Trainer?
SCHELB: Sehr. Mein aktueller Trainer heißt Tobi Blum. Wir telefonieren wöchentlich. Aber ich höre auch auf mein Gefühl – heute zum Beispiel gehe ich Langlaufen. Das ist härter als Radfahren.
BIKE: Musst du dich überwinden?
SCHELB: Nur fürs Krafttraining.
BIKE: Wie fit bist du, was ist drin?
SCHELB: Mein Problem war Konstanz – Material, Krankheit, Corona. Mein Ziel: konstant Top 10. Und bei der WM will ich eine Medaille. Ich bin ein Championship-Fahrer, der richtig einen raushauen kann, wenn’s passt. Wenn andere das hier lesen, denken sie vermutlich: Träum weiter! Aber ich bin der Meinung: Wenn man sich kleine Ziele setzt, wird man klein.
BIKE: Was entscheidet ein Rennen?
SCHELB: Die erste Runde. Hinten verbrennst du Energie. Vorne ist es entspannter. Am Bildschirm sieht das ja fast so easy aus als würden die trainieren, während auf den Plätzen weiter hinten ein Gemetzel stattfindet.
BIKE: Ellbogen rausfahren – notwendig?
SCHELB: Ich bin respektvoll erzogen worden. Die Jungen halten voll rein. Vielleicht muss ich umdenken. Aber Hände vom Lenker nehmen – absolutes No-Go.
BIKE: Pidcock hat dich bei der EM an der Schulter gepackt und sich vorgezogen.
SCHELB: Ja. Im TV zu sehen. Später fährt er außerhalb der Strecke an allen vorbei, macht 20 Plätze gut und wird Europameister. Da frage ich mich: Was muss passieren, damit jemand disqualifiziert wird?
BIKE: Hast du Einspruch erhoben?
SCHELB: Zu spät. Stars dürfen offenbar mehr. Auf der Straße ist die UCI zu hart, im Gelände zu weich.
BIKE: Mehr Drama bringt mehr Zuschauer.
SCHELB: Wahrscheinlich. Aber Hand vom Lenker ist für mich ist ein absolutes No-Go.
BIKE: Hast du Angst vor Doping-Verdacht, so wie es Flückiger ergangen ist. Du isst ein Steak und wirst positiv getestet wirst, weil das Rind mit Substanzen behandelt wurde?
SCHELB: Dopingverdacht ist das Schlimmste, was einem Sportler passieren kann. Ich kenne Flückiger und Heßmann persönlich. Ich glaube ihnen. Aber wissen kann es nur der Betroffene.
BIKE: Was nimmst du?
SCHELB: Gar nichts. Wenn krank, Vitamin C.
BIKE: Könnte man mehr rausholen mit Supplements, Diät, null Alkohol?
SCHELB: Vielleicht. Aber ich will die Grauzone nicht austesten. Ich weiß, was ich mit Brot, Wasser und Wurst erreichen kann. Es gibt Sportler, die lassen Familie und Freunde links liegen und kasteien sich, nur um erfolgreich zu sein. Nee, da habe ich keinen Bock drauf. Schließlich mache ich den Sport, weil er mir Spaß macht.
BIKE: Hat der Tod deines Vaters das verändert?
SCHELB: Ja. Ich habe gelernt: Das Leben kann schnell vorbei sein. Ich will leben, nicht nur funktionieren.
BIKE: Viele Sportler werden süchtig nach Aufmerksamkeit. Du auch?
SCHELB: Nein. Fame ist mir eher unangenehm. Ich drücke mich vor Ehrungen.
BIKE: Deine Freundin ist Profi-Rennfahrerin auf der Straße. Vorteil oder Nachteil?
SCHELB: Vorteil: gleiche Leidenschaft, gleiches Leben. Nachteil: Wenn wir die Saison-Pläne nebeneinander legen, kriegen wir einen Schreck. Da kann gut sein, dass wir uns sechs Wochen am Stück nicht sehen.
BIKE: Wie wichtig ist dir Heimat?
SCHELB: Sehr. Ich liebe das Münstertal. Haustür auf – Trail. Besser geht’s nicht.

Redakteur
Dimitri Lehner war Fallschirmjäger-Offizier, ist diplomierter Sportwissenschaftler und studierte an der renommierten Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – Bewegung und Abenteuer prägen sein Leben. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend.