Gravelbiken ist für mich Stille. Kein Bildschirm, kein Multitasking, kein Wortgedränge. Nur Fahrtwind, Feldlerche, Mönchsgrasmücke. Und dieses leise Fauchen der Reifen auf Schotter.
Graveln heißt: raus aus der Welt.
Leider gilt das nur so lange, bis der erste Gegenverkehr auftaucht.
Denn kaum ist der Lenker ein bisschen nach außen gebogen und der Reifen ein bisschen breiter, gehört man plötzlich zu einer Gemeinschaft, die niemand gegründet hat – die aber erstaunlich klare Regeln kennt.
Formel: Lenkerflare plus Reifenprofil gleich Grußpflicht.
Graveler grüßen Graveler. Das ist Gesetz.
Ein Finger klappt nach außen, manchmal zwei. Eine kleine Geste, kaum sichtbar – und doch sozial hoch aufgeladen. Grüßen heißt: Ich sehe dich. Nicht grüßen heißt: Ich sehe dich und ignoriere dich.
Ich bin harmoniebedürftig. Ich möchte kein Mensch sein, der nicht zurück grüßt. Eigentlich!
Grüßt man und bekommt nichts zurück, sinkt die Stimmung. Grüßt jemand und man reagiert zu spät, sinkt sie ebenfalls.
Aus Aura 2000 wird Aura Null.
Kompliziert wird es dort, wo der Wald endet.
Denn dann kommen sie: die Rennradfahrer.
Grüßt der Graveler den Roadie? Der Roadie grüßt den Graveler jedenfalls nicht. Meistens nicht. Vielleicht selten. Vielleicht nie. Ich weiß es nicht genau – ich traue mich nicht, es systematisch zu testen.
Also beginne ich zu scannen. Lenkerform. Reifenbreite. Sitzposition. Geschwindigkeit. Entscheidung in Sekundenbruchteilen.
Radfahren sollte Meditation sein. Stattdessen betreibe ich Feldforschung. Nervig!
Ich habe verschiedene Lösungen ausprobiert.
Grinsen zum Beispiel. Ein universeller Ersatzgruß. Leider wirkt er auf freier Strecke leicht verwirrt. Debil fast. Ein Grinse-August will ich nicht sein. Nicken ist auch dämlich. Ist es das? Ein bisschen.
Also ...
Also: Sprinten.
Wer sprintet, kann nicht grüßen. Das versteht jeder. Leider ist Dauersprint keine nachhaltige Lebensstrategie. Zu anstrengend.
Am liebsten wäre mir: einfach niemanden mehr grüßen.
Wie damals beim Windsurfen in den Achtzigern. Zuerst drückte man auf die Lichthupe bei jedem, der auch ein Board auf dem Dach hatte. Als dann plötzlich jeder ein Board auf dem Autodach hatte – in den 1980ern gab´s in jedem zweiten Haushalt ein Windsurfboard! – hörte das Lichtgehupe wieder auf.
Nur Motorradfahrer grüßen bis heute weiter.
Ich war auch einmal einer.
Damals beschloss ich: Hände bleiben am Lenker meiner Yamaha XT-500.
Safety first.
Vielleicht könnten wir einfach aufhören.
Alle gleichzeitig.
Nicht aus Unhöflichkeit. Sondern aus Rücksicht auf die mentale Gesundheit der Gegenverkehrsteilnehmer.
Denn Graveln ist für mich Ruhe.
Und Ruhe beginnt dort, wo ich nicht mehr entscheiden muss, ob ich gerade verpflichtet bin, einen Finger zu heben.
Deshalb mein Vorschlag:
Grüß mich nicht.
Ich grüß dich auch nicht.

Redakteur